Freitag, 27. Juli 2018

Bingo Love


I have just recently read “Dumplin’” by Julie Murphy, a cute teenage novel about an overweight girl who not only falls in love with a boy but whose feelings are requited. The way the narrator displayed the sensation of being touched on her body, a body that does not correspond to the mainstream understanding of what is sexy, was fascinating for me because that was a voice I have not heard before. I could so relate to this girl.
Having said that I can totally understand anyone who wants to feel represented in literature or art, not only your feelings and experiences, but also some major characteristics of you and the problems they might create. Let me introduce “Bingo Love” here, a black, queer comic with inclusive elements.
1963, New Jersey: Meet Hazel Johnson, a black teenage girl with glasses (and yes, a little overweight too). It is love at first sight, when she gets to know her new classmate Mari McCray (another black young aldy). You can imagine that in 1963 parents’ reactions to their daughters’ affection to a girl are not very positive and so both are forced to forget about each other. But they don’t! The reader watches Hazel grow older and make decisions she will not necessarily regret but which will make her personal development more difficult later in life. In 2015, Hazel goes to her annual Bingo event on Mother’s Day and is not prepared for what awaits her there: a reunion with her first love Mari. Although being in their mid sixties now they feel like teenagers again. Find out what they make of that!
This comic is a lovely idea and shows in a heart-warming way that love does not know colour, gender or age. The artwork is beautiful and only very rarely a little kitschy (but oh, I do love those little unicorns and doves that jump for joy when the ladies are kissing). The final product is not perfect though. Sometimes the dialogues were a bit (too) straight to the point. No wonder: it is hard setting the scene when you only have a few pages, but when you follow a character through decades it is difficult to create an atmosphere for this point in their lifetime and likewise drop expository information on them. I would have loved the story to be longer.
By the way, this graphic novel has a fabulous biography, as Tee Franklin, herself a “queer, disabled, black woman comic writer” (as she says on her website) was sure she would not be able to publish a story that was so far away from mainstream expectations. A kickstarter campaign opened doors (Find out more in this compelling interview which also includes a peek onto some of the artwork in the comic) and gave her the opportunity to publish this book and have her personal coming out. This story just shows that it is hard to leave yourself out of your own writing – and that it is this personal touch that stories often need.

Enjoy! Check out the Bingo Love website and buy the book in your local LGBTI bookstore.


Donnerstag, 26. Juli 2018

Evolution der schönsten Nebensache der Welt


„Sex macht Spaß“ – so viel ist allgemein bekannt. „…,aber [auch] viel Mühe“ – wovon wir eher selten hören. Die Frage ist auch, will man überhaupt von mühevollem Sex lesen? Will man statt von lahmen Lenden nicht viel lieber von erquickenden Extasen lesen? Ja, aber erstens habe ich schon genügend literarische Extasen hinter mir und zweitens ist eine ganz andere Mühe gemeint.
Der pop(p)ulärwissenschaftliche Titel „Sex macht Spaß, aber viel Mühe“ von Steffen Münzberg, Susanne Thiele und Vladimir Kochergin* stellt eine – wie der Untertitel trefflich verspricht – „Entdeckungsreise zur schönsten Sache der Welt“ dar. Der Fokus der Darstellungen ist der evolutionsbiologische Blickwinkel auf den Geschlechtsakt. Wieso vögeln wir eigentlich (mal davon abgesehen, dass man ja auch „reptilieren“ könnte)? Wieso spalten wir uns nicht einfach voneinander ab und bilden kleine Ableger unserer selbst? Die Mühe, um die es hier geht, ist die Ausbildung zweier Geschlechter, was biologisch ohne Zweifel einen weitaus größeren Aufwand darstellt. Somit sind der Vermehrung ein paar Steine in den Weg gelegt. Die Gründe dafür sind komplex, werden hier nicht verraten, sind aber nachzulesen.
Mit unglaublichem Wortwitz gestaltet Münzberg seine Ausführungen. Da ist vom „Schnappinalverkehr“ (S. 54) oder ganz „schwanzüglichen Themen“ (S. 171) die Rede. Sehr liebevoll nimmt er uns mit auf die Reise. Dabei ist die Lektüre selbst aufgebaut wie ein orgasmischer Fortpflanzungsakt, indem die Kapitel mit den passenden Titeln „Vorspiel“, „Erregungsphase“, „Plateauphase“, „Höhepunkt“ und „Entspannungsphase“ bezeichnet wurden.
Inhaltlich wird die Fortpflanzung von Einzellern, Mehrzellern, Weichtieren, Nesseltieren und schließlich Säugetieren, allen voran den Primaten, beschrieben. Dabei wird klar, dass vor allem letztere von größtem Interesse sind, da sich einige Kapitel z.B. der Auswahl eines Sexualpartners widmen. Auch die Evolution der sozialen Varianten Monogamie, Polygamie und einiger möglicher Abstufungen dazwischen wird beleuchtet. Aber auch die Sexualität unserer haarigen Verwandten, den Affen, insbesondere den Menschenaffen, wird dargestellt. Nicht zuletzt deswegen habe ich ein neues Lieblingstier: Bonobos.
Besonders beeindruckt hat mich die sprachliche Sensibilität, mit denen der Text gestaltet wurde. Trotz der Tatsache, dass der primäre (zumindest biologische) Grund der Sexualität die Vermehrung ist, wird nicht unbedingt die Heterosexualität als Standard vorausgesetzt. Fast immer ist die Rede vom „bevorzugten“ (statt „anderen“) Geschlecht die Rede. Auch wird dargestellt, dass die Zweigeschlechtlichkeit gar nicht aus zwei klar voneinander zu trennenden Gegensätzen besteht, sondern dass es viele Zwischenformen gibt und dass diese viel häufiger sind als allgemein angenommen. „Wir sind alle ein bisschen ‚inter’“ (S. 150). Jedenfalls während der Zeit unserer Embryonalentwicklung sind wir es. In jenem Kapitel erlebte ich ein Wiedersehen mit einer der faszinierendsten literarischen Figuren meiner Lesebiografie: Cal aus „Middlesex“ von Jeffrey Eugenides. Sie ist ein „Guevedoce“-Mädchen. Sogar ein bisschen politisch wird Münzberg in diesem Kapitel, denn eine kulturell deutlich zweigeschlechtlich geprägte Gesellschaft kann nur schwerlich mit Abweichungen umgehen und so werden Intersex-Menschen in ihrer Entfaltung häufig eingeschränkt und in Schubladen gezwängt. Ein Zustand, den es zu überwinden gilt.
Viele Literaturtipps, die im Text oder spätestens im Anhang genannt werden, sind Anknüpfstellen für tieferes Eintauchen ins Thema und beweisen die gründliche Recherche Münzbergs.
Fazit: lehrreiche und zugleich unterhaltsame pop(p)ulärwissenschaftliche Lektüre
Geeignet für: Primaten der höchsten Entwicklungsstufe

Einen netten Vorgeschmack gibt es auf der Homepage des Autors und zu seinem Buchtrailer geht’s hier. Shoppen kann man das Buch dann unter anderem hier.

*Hauptverantwortlich für das Gros des Textes ist Steffen Münzberg, weshalb hier in erster Linie von ihm als Schaffenden die Rede ist.

Mittwoch, 25. Juli 2018

Vom Bilanzieren

Rückblicke werden sonst im Dezember veröffentlicht. Aber bei zum Teil über 30°C, die derzeit Deutschland durchkochen, kommt schon einmal einiges durcheinander. Melancholie stellt sich ein. Das Gefühl, die Atmosphäre einsaugen zu müssen. Viel zu schnell wird wieder Winter sein und wir werden uns nach dem Flimmern in der Luft sehnen. Die Newsfeeds der Freunde auf Facebook explodieren vor lauter neuen Urlaubseindrücken. So viel muss man gesehen und gemacht haben. Macht man dabei auch wirklich genau das, was für einen selbst richtig ist? Die Melancholie hat mich gepackt und ich möchte mit euch einmal zurückschauen, bevor ich einen Blick nach vorn riskieren möchte.

Was liegt hinter mir?
Letztens feierte ich dreijähriges Jubiläum an meinem derzeitigen Arbeitsplatz.
Das vierte rauschte plötzlich hinterher.
In diesen Jahren habe ich eine Sache mit ganz besonderer Intensität getan: gearbeitet. Ich habe mit so vielen Menschen zu tun gehabt, unzählige Dokumente erstellt, bearbeitet und gedruckt. Ich habe meinen Wecker gestellt, als wäre es ein Sport und meine To-do-Listen hatten Unterkategorien. Sie waren in der Regel interaktiv. Sobald ich eine Sache gestrichen habe, konnten zwei ergänzt werden. Ich habe Zusatzaufgaben übernommen und mich entfaltet. Ich bin gewachsen an all dem, was mich plötzlich zu der Version von mir gemacht hat, die ich früher von mir hatte, wenn ich dachte: „Wenn ich einmal groß bin…“
Ich habe wunderbare, inspirierende Menschen kennen gelernt. Die Weißweinabende, die wir brauchten, um uns von der Arbeit auszuklinken und um alles zu bequatschen, sind längst nicht mehr an einer Hand abzuzählen. So viele Momente verbinden uns, so viele Veränderungen haben wir durchlebt. Stück für Stück habe ich diesen Menschen immer mehr (an)vertraut und dabei immer auch wieder etwas über mich selbst erfahren.
Meine Schreibvergangenheit? Ging niemanden etwas an. Nicht einmal mehr mich. Ich wollte es an den Nagel hängen. Aus Pragmatismus. Wollte ich wirklich so oft. Was ich tue, das möchte ich mit ganzem Herzen machen. Es sind die vielen Tage, an denen ich als Letzte im Büro das Licht ausmachte, die mir die Energie rauben, Fiktion auch nur im Ansatz an mich heranzulassen. Ich dachte, das geht schon. Ich dachte, das ist halt so, wenn man erwachsen wird.
Es sind die durchgeschriebenen Samstage, die mich in seltenen Abständen eines Besseren belehrt haben. Es sind Tage, an denen die Kerze vor mir auf dem Schreibtisch runterbrennt. Selbst wenn es dann auch nur ein winziges Word-Dokument ist, welches ich nicht am gewohnten Ort speichere, sondern in dem geheimen Ordner, verlasse ich den Schreibtisch befriedigter als nach einem Orgasmus mit meinem Lieblingsspielzeug.

Was habe ich verpasst, euch zu sagen?
Aus diesen raren Samstagen sind kleine Geschichtchen entstanden, die ich euch nie vorgestellt habe, weil ich mal wieder Wäsche waschen musste und der Wecker ja auch schon wieder so früh gestellt war und die letzten Blogeinträge so lange her waren, dass es schon peinlich war.
Ich finde, es darf nie zu spät sein, euch diese kleinen Geschichtchen vorzustellen:
„Stahlrücken“ in „Unicorns don’t swim“, herausgegeben von Antje Wagner
Dieses schöne Buch hat bereits die Welt gesehen. Buchmessen, Lesungen, Rezensionen. All die tollen Figuren, die in ihm versammelt sind, haben schon vielen LeserInnen Freude bereitet. Ob sie neue Abenteuer ausgeheckt haben, seitdem ich das Buch zum letzten Mal in der Hand hatte? Ob es bei Sophie Micheel weiterhin „In Strömen“ regnet und was das wohl mit den Straßenbahnfahrenden in ihrem Text macht? Ob Siiri und Paul aus der Titelgeschichte „Unicorns don’t swim“ von Sabine Funder immer noch mit ihrem Außenseiterdasein im Universum der Pubertierenden zu kämpfen haben? Wie geht die „Metamorphose“ von Tania Witte diesmal aus? Und ob Anja Kümmels Stadt heute bei 30°C auch so „Elektrisch“ knistern würde? Was wohl Kathrin Schrockes „Kirschkönigin“ in der diesjährigen Wahlperiode bereithält?
„Unicorns don’t swim“ ist eine tolle Anthologie mit so vielen aufregenden Frauen- und Mädchenfiguren und voller Überraschungen, die auch ein zweites Mal entdeckt werden können.

„Cherry on Top“ in „Mein lesbisches Auge 17“, herausgegeben von Laura Méritt
In gewohnter Qualität und Vielfalt sind Autorinnen und Künstlerinnen aller Couleur versammelt, die Gefühle, Erlebnisse, Begebenheiten und Geschichten rund um das lesbische Lieben, Leben und Begehren beleuchten. Etablierte Autorinnen und Künstlerinnen sind neben selten und wenig Publizierten gleichberechtigt vertreten. Dabei ist das Durchblättern des biografischen Anhangs fast genauso spannend und vielfältig wie die Beiträge selbst.
Eine Perle im Bücherregal.

„An Ungnade Gefallen“ in „Mein heimliches Auge 32“, herausgegeben von Claudia Gehrke und Uve Schmidt
Besondere Freude bereitet es mir, jetzt auch zum ersten Mal in der Reihe „Mein heimliches Auge“ vertreten zu sein. Diese Reihe ist das multisexuelle Pendant zu den lesbischen oder schwulen Augen. Insgesamt macht es auf mich sogar einen noch vielfältigeren Eindruck als das mir bekannte lesbische Auge, unter anderem durch einen Hauch mehr Lyrik. Und was sonst häufig unter den Tisch fällt, möchte ich hier explizit hervorheben: die Vorworte sind absolut faszinierend und eine Lust machende Einstimmung auf Texte und Bilder, die ein Fußabdruck erotischer Wahrnehmung eines ganzen Jahres darstellen.
Eine bereichernde Reihe, die man im Blick behalten sollte. Ein Hoch auf die Vielfalt!

Wie geht es weiter?  

An manchen Arbeitsplätzen gibt es kein nine to five. Genau dort muss man auf sich aufpassen. Das werde ich tun. Gott sei Dank gibt es Menschen um mich herum, die mich manchmal nach den Schreibsamstagen fragen und mich damit daran erinnern, was mir selbst wichtig ist. Danke an jeden einzelnen von euch genau dafür.

Montag, 25. Februar 2013

Hört mal, eine lesbische Liebesgeschichte!



 
Neuerdings habe ich meine Liebe für Hörbücher entdeckt. Egal, wie stressig das Leben auch ist und wenn man auch kaum Zeit hat, abends gemütlich zu schmökern, eines muss man sowieso immer mal machen: den Haushalt (sofern man dies von niemandem abgenommen bekommt). Und während man sich um die Wäsche oder das Geschirr kümmert, kann man sich wunderbar entspannen, wenn man eine sympathische Stimme im Ohr hat, die ein feines Geschichtchen erzählt.
Wenn ich feine Geschichtchen bekommen will, ist eine meiner Anlaufstellen meist Mirjam Müntefering. In diesem Fall haben sich die Umstände so ergeben und ich war ganz erfreut, dass es auch Hörbücher mit feinen – lesbischen – Geschichtchen gibt. „Luna und Martje“ ist eines der in diesem Medium erhältlichen Titel. Sie sind sogar von der Autorin selbst eingesprochen.
Luna und Martje, das sind die Namen der beiden Protagonistinnen (wie man nur schwer erraten kann ;-) Lunas Schicksal wird glasklar präsentiert. Als sie im Geheimen einen Termin mit dem Kredithai Erik wahrnimmt, um zu erfahren, wie es wirklich um die Firma ihres Vaters steht, ist der Weg bereits geebnet, um mit Erik eine Liebesbeziehung zu beginnen, die dem skrupellosen Unternehmer die Augen öffnen könnte. Die wahre Liebe wird ihn retten und Luna erfüllen – das ist angesichts diese Beginns wie in Stein gemeißelt.
Denkste! Dieses Schema F, wie die fiktive Autorin im Buch es in ihrer Trivialliteratur schon mehrfach dargestellt hat, lassen sich die Figuren plötzlich nicht mehr gefallen. Vielleicht nahm alles auch seinen Anfang, als der Blitz einschlug. Er traf den Schirm, unter dem Luna und Erik standen – zusammen mit Eriks Schwester Martje. Die fröhliche Besitzerin eines Hundesalons war eigentlich nur als Nebenfigur angedacht. Doch als diese sich in Luna verliebt, nehmen die Ereignisse plötzlich einen unerwarteten Verlauf, der die gesamte bisherige Welt der literarischen Figuren aufrüttelt.
Die Idee der Metaebene im Buch – dem expliziten Bewusstsein der Figuren für ihre Rollen – hat mir sehr gut gefallen, da es mir in dieser Form noch nicht begegnet ist (oder noch nicht so unterhaltsam). Mirjam Müntefering macht dabei auch als Leserin mit ihrer Stimme eine gute Figur.
Fazit: unterhaltsam und absolut kurzweilig
Geeignet für: alle, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen wollen und dafür eine kleine Anleitung gebrauchen könnten.

Das Hörbuch ist nicht mehr im Handel verfügbar.


Mittwoch, 19. Dezember 2012

100 Seiten deutsche Zeitgeschichte


Dass Comics nicht nur von Superhelden mit übermenschlichen Fähigkeiten erzählen müssen, beweist „drüben!“ von Simon Schwartz. Was ursprünglich ‚nur’ als Diplomarbeit des damaligen Hamburger Studenten gedacht war, mutierte zu einem überaus erfolgreichen Großprojekt, das auch ich hier nur wärmstens weiterempfehlen kann.
Schwartz arbeitet aus persönlicher Motivation heraus seine ganz individuelle Vergangenheit auf. Anfang der 80er, als er gerademal ein Jahr alt war, reisten seine Eltern mit ihm von der DDR nach West-Berlin aus. Er wuchs in der BRD auf und musste Stück für Stück begreifen, was da mit Deutschland los war, warum es so aufwendig war, Bekannte zu besuchen, die weiter weg wohnten und warum seine Großeltern den Kontakt abgebrochen hatten.
Für dieses bewegende Projekt grub Schwartz tief in der eigenen Familiengeschichte und fragte mehr als einmal genauer nach. „Drüben!“ stellt einfühlsam den Lebensweg und die Beweggründe seiner Eltern dar. Dabei ist nicht nur die Handlung authentisch, auch zentrale Orte wurden – soweit möglich – genau recherchiert um sie entsprechend grafisch darzustellen (so z.B. die Ein- und Ausreisepunkte, die penibel genau überwachten, wer wann wo welches Land verließ oder betrat).
Wer also noch schnell ein Weihnachtsgeschenk braucht (vielleicht sogar für Menschen, die sonst kaum Bücher in die Hand nehmen), kann mit „drüben!“ eigentlich nicht falsch liegen.
Fazit: Brillantes Dokument deutscher Zeitgeschichte.
Geeignet für: ‚Wessis’ und ‚Ossis’ und alle, die sich diesbezüglich nicht  (mehr) festlegen wollen.
Mehr hier.

Sonntag, 4. November 2012

Penisneid deluxe


Meine aktuelle Buchbesprechung beschäftigt sich mit dem, was ich nicht habe, aber gern mal probehalber so für 24 Stunden besitzen würde – einen Penis. Da es insgeheim eigentlich jeder Frau so geht, dürfte Fiona Giles keine Probleme gehabt haben, AutorInnen für ihre Anthologie „Mann für einen Tag. Frauen erzählen“ zu finden.
Die Anthologie ist eine Zusammenstellung von Kurzgeschichten, fiktiven Biografien, Essays, Lyrik sowie Zeichnungen und Cartoons. Alle beschäftigen sich mit dem besten Stück des Mannes, nur dass er hier im Besitz von Frauen ist. Was würden sie tun, wenn sie einen Tag lang einen Penis geschenkt bekämen? Wie würden sie sich fühlen? Inwiefern würde es sie verändern? Die Beiträge sind so verschieden, wie die Autorinnen es sind (es befinden sich auch einige wenige Männer darunter, die hypothetisch gefragt wurden, was sie als Frau täten, wenn sie einen Penis hätten). Einige der Autorinnen sind gestandene Persönlichkeiten in der Literaturszene (Patricia Cornwell, Germaine Greer, Carol Wolper), andere eher kleine Lichter oder gänzlich unbekannt. Es sind Lesben vertreten sowie bisexuelle Frauen, doch der Fokus liegt eindeutig auf den heterosexuellen Frauen.
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gern an eine Szene aus ‚The L-Word’, in der die Damen sich genau zu dieser Frage, was sie denn mit einem Schwanz einen Tag lang anfangen würden, geäußert haben. Zwei Standardantworten liegen auf der Hand: pinkeln und diverse sexuelle Handlungen (allein oder in Gesellschaft). Diese beiden Antworten kommen in der Tat auch häufiger in „Mann für einen Tag“ vor. Allerdings ist die Anthologie dennoch viel mehr als nur eine statistische Ansammlung von Antworten auf ein philosophisches Thema. Es werden futuristische Szenarien entworfen wie bei Lisa Hill, die von einer Welt schreibt, in der Schwänze die Erweiterung der Palette an Schönheitsoperationen sind. Wie wäre eine Welt voller freiwilliger hermaphroditischer, weiblich sozialisierter Wesen? Es gäbe beispielsweise Schönheitssalons, die sich allein mit dem Wellness und der Verschönerung des Gemächts beschäftigen. Andere Beiträge beleuchten auf kritische Weise bestimmte Bereiche des Weltgeschehens (und deren patriarchale Strukturen), so z.B. den Zweig der Wissenschaft (Margaret Wertheim).
Sehr interessant war auch der Beitrag von Pat Califia (der mittlerweile Patrick heißt und der Leserschaft dieses Blogs vielleicht sogar ein Begriff ist*). Sein Text trägt den Titel „Dildo-Neid und andere phallische Abenteuer“ und auf ihn war ich besonders gespannt, da für ihn die Ausgangsfrage dieses Buch keine hypothetische war. Er schreibt: „Viel ist über das Phänomen des Penisneids geschrieben worden [...] [ich] würde aber gern zu bedenken geben, dass es – falls dieser Penisneid wirklich existiert – einen ähnlichen mächtigen, wenn auch weit weniger sichtbaren Komplex gibt, und zwar den des Dildo-Neids.“ (S. 102). Ziemlich anschaulich und sehr einleuchtend erläutert er die Machtposition von Lesben, da sie vom fehlenden Penis der Partnerin weniger eingeschränkt als bevorteilt sind, denn Dildos gibt es in allen Größen und Ausführungen und sie machen alles mit – so lange man möchte.
Im englischen Original heißt diese Anthologie „Dick for a day. What would you do if you had one“ und passenderweise lässt sich auch ihr entsprechendes Gegenstück „Chick for a day. What would you do if you were one“ finden. Leider ist dieser Band nicht auf deutsch erschienen und ich finde, die Übersetzung und Verbreitung auf dem deutschen Markt sollte unbedingt nachgeholt werden. Bis dahin bleibt uns nur, unsere eigene Fantasie anzustrengen: Was würdet ihr tun?
Fazit: Penisneid neu betrachtet – Freud hätte sicher seinen Spaß an diesem Buch.
Geeignet für: Gender-studies-StudentInnen/-Interessierte und alle, die schon mal über ihren hypothetischen Penis nachgedacht haben (oder jetzt damit anfangen wollen).
Das Buch ist vergriffen und nur noch aus zweiter Hand zu erwerben.

*Im Deutschen erschien von ihr u.a. der Ratgeber „Wie Frauen es tun“ und die Erzählungen „Frauen und andere Raubtiere“ (beides vergriffen).

Donnerstag, 1. November 2012

Fröhliches Gevögel


Manchmal verstecken sich im weitesten Sinne lesbische, sexuell explizite Themen dort, wo man sie nicht vermutet: in einem Buch mit Brust- und Penistorte auf dem Cover. Zur Unterstreichung möchte ich den überaus reizenden Klappentext von „Fröhliches Gevögel: Was Frauen sonst noch wollen“ zitieren:
„Journalistin: ‚Welche Praktik beschreiben Sie am liebsten?’
Ich (Sophie Andresky): ‚Cunnilingus, da ist man so schön nah dran.’
Journalistin: ‚Was?’
Ich: ‚Nah dran.’
Journalistin: ‚Nein, vorher.’
Ich: ‚Cunnilingus, also französischer Sex.’
Journalistin: ‚Ah! Blasen!’
Ich: ‚Nein. Lecken. Bei Frauen.’
Journalistin (mit rotem Gesicht): ‚O Gott.’“
Aus diesem kurzen Gespräch wird einiges deutlich. Zum einen lässt sich erahnen, dass die Autorin den Cunnilingus nicht nur gern (im Sinne der passiven Variante) beschreibt, sondern vielleicht sogar selbst mal ganz gern... Des Weiteren wird klar, dass Andresky kein Blatt vor den Mund nimmt und sich keines Wortes schämt, das ihr über die Lippen kommt. Und tatsächlich: wie es sich nämlich für eine sexpositive Frau wie sie gehört (nein, das ist nicht kritisch-ironisch gemeint), bekennt sie sich in ihren Texten zu ihrer Bisexualität. Und wir reden hier nicht von keuschen Küsschen um mitreden zu können (oder womöglich von Dreiern, um dem beteiligten Mann zu imponieren). In einer Episode schildert Andresky eine Begegnung zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben, als ihre sexuellen Erfahrungen noch keine Superlative erreicht hatten: „Ich war unerfahren bis auf einige Erlebnisse mit [...] und einigen sehr schönen Nächten mit Frauen. [...] / Der große Höhenflug war bisher nicht dabei gewesen (die Mädels mal ausgenommen [...])“ (S. 42). Das liest frau doch gern!  
Die schlechte Nachricht ist, dass „Fröhliches Gevögel“ zu gefühlten 90% dann doch nur Heterosex und alles, was dazugehört, zum Thema hat (ich nehme mal an, weil die Autorin in einer Heterobeziehung gelandet ist). Aber das tut dem Buch keinen Abbruch. Es ist trotzdem mehr als lesenswert (sofern man kein lesbisches Manifest erwartet oder die Herzfrequenz sich bei den Wörtern ‚ficken’ oder ‚vögeln’ in gesundheitsgefährdende Höhen steigert).
Im Übrigen handelt es sich hierbei um Andreskys gesammelte Kolumnen von joyclub und Penthouse, also abgeschlossene, kurze, essayartige Texte zu Themen der Pornobranche.
Andresky ist Feministin und auch wenn das Wort mittlerweile einen unangenehmen Beigeschmack hat und völlig unpopulär klingt, sie steht zu ihrer Meinung (z.B. spricht sie sich gegen Retuschierung von Fotos in Frauenmagazinen aus – ein nachvollziehbares Anliegen, wie ich finde).
Irgendwann habe ich in den vielen durchaus unterhaltsamen Essays bemerkt, dass Andresky gern vom Thema abkommt. In der Regel fällt es aber nicht auf, wenn sie vom Hundertsten ins Tausendste kommt, denn die Übergänge sind so geschmeidig wie ein gleitgelbenetzer Finger*. Langweilig wird das jedenfalls nie. Ob es an der Maxime ‚Sex sells’ liegt, an Andreskys unterhaltsamem, manchmal lakonischem Ton oder an der Tatsache, dass sie versucht, auf ungeklärte Fragen eine Antwort zu finden (und sich dafür auch gern in andere Blickwinkel hineindenkt), kann jedeR LeserIn für sich erkunden.
Nur manchmal erschien Andresky mir etwas zu festgefahren in ihrer Meinung. Genau das könnte man wieder als unfeministisch auslegen (denn nein, ich finde nicht, dass die Qualität der/des LiebhaberIn an der Quantität der erreichten Orgasmen zu messen ist). Aber vielleicht sollte man auch genau das mit Andresky nicht tun: jedes Wort auf die Goldwaage legen.
Fazit: Erfrischend unverblümte, authentische Essays über Sex und alles, was am Rande damit zu tun hat.
Geeignet für: Alle, die gern ihre zwei große Leidenschaften vereinen möchten: Bücher und vögeln.
Mehr hier.
*Pardon, das konnte ich mir an dieser Stelle einfach nicht verkneifen.