Samstag, 31. Dezember 2011

Die Fragen sind zurück


 
Es ging schneller als ich dachte, da hatte ich das neue Buch von Ranga Yogeshwar in den Händen, in dem erneut auf sämtliche drängende Fragen geantwortet wird. „Ach so!“ ist nicht nur der Titel des Werks sondern auch die Reaktion der Leser auf die ein oder andere vielleicht überraschende Antwort.
Habe ich mich bei seinem ersten Buch (das ich *hier* besprochen habe) noch über den Untertitel geärgert, scheint nun alles perfekt, wenn es heißt: „Warum der Apfel vom Baum fällt und weitere Rätsel des Alltags“.

Quelle: http://www.kiwi-verlag.de/
Dieses Mal gibt es 99 Fragen und Antworten, die thematisch geordnet sind und sich in folgenden Kapiteln zusammenfinden:
1. Warum drehen sich Knödel im Topf? Ausgekocht: Küchengeheimnisse
2. Warum kann Mehl explodieren? Aufgepasst: Kleine und große Katastrophen
3. Warum soll man Blumen anschneiden? Naturgeheimnisse: Pflanzen, Tiere und Menschen
4. Warum ist der Luftdruck in einem Fahrradreifen höher als im Autoreifen? Ausgerechnet: Die Physik des Lebens
5. Warum schwimmt ein tonnenschweres Schiff? Auf den Weg gebracht: Wie wir vorankommen
6. Was hat Politik mit Kuscheltieren zu tun? Auf den Punkt gebracht: Woher die Wörter kommen
7. Sollte man bei kleinen Wunden ein Pflaster benutzen? Was in uns vorgeht: Körper & Geist
8. Was haben Tulpen mit der Finanzkrise zu tun? Ausgesucht: Menschliches und Allzumenschliches
9. Was ist der Preis für unsere Ungeduld? Angemerkt: Ein Blick über den Tellerrand
Alles schick, alles toll. Wie immer tolle Fragen, tolle Antworten. Aber eine ließ mich dann kurz innehalten: Warum bekommen Spechte keine Kopfschmerzen? Das kam mir irgendwie bekannt vor, sowohl die Frage als auch die Antwort. Genau dieser Sachverhalt war mir vor nicht allzu langer Zeit erst im Fernsehen erklärt worden, und zwar in einer etwas anderen Situation: im Stand-up-Comedy. Natürlich hat Dieter Nuhr den Erklärbär gegeben. Er ist ja bekannt für seine gut durchdachte, oder gar als intelligent vermarktete Comedy. Nun frage ich mich natürlich, wer hier bei wem abgeschrieben hat. Das ist natürlich eine gemeine Unterstellung. Vielleicht hatten beide zufällig die gleiche Idee und die Recherche führte sie natürlich auch zur gleichen Antwort. Wie dem auch sei, das zeigt mir, dass Wissen – wenn entsprechend ansprechend verpackt – auch enorm unterhaltsam und massenkompatibel sein kann. Von mir aus können beide also gern weiter kooperieren – vielleicht sogar mal gemeinsam auf der Mattscheibe?!
Wie auch im ersten Buch sind die Antworten auf die Fragen in kleinen Alltagsanekdoten des Autors verpackt. Damit verknüpft Ranga Yogeshwar subjektive Empfindungen und Erlebnisse mit objektiven Erklärungen zu (natur)wissenschaftlichen Phänomenen. Trotz meiner Begeisterung für das Projekt finde ich jedoch ein Haar in der Suppe. Im letzten Kapitel überwiegt meines Erachtens die subjektive Färbung der Beiträge. Herr Yogeshwar mokiert sich zum Beispiel über die Ungeduld in unserer Gesellschaft. Genau an der Stelle habe ich auch etwas dazu gelernt, sodass ich meinen Blogbeitrag über die neue Fernsehkultur (*klick*) überdenken müsste. Er schreibt: „Seit Jahren sinkt die durchschnittliche Verweildauer der Zuschauer pro Fernsehsendung (…). Die Medien stellen sich inzwischen darauf ein: Kurzweiligkeit ist angesagt (…), es gibt keinen ‚Anfang’ und kein ‚Ende’ mehr. Der Quereinsteiger ist ungeduldig; wenn man ihm nicht sofort einen ‚Kick’ serviert, ist er im nächsten Moment schon auf einem anderen Kanal.“ (S. 258f.)
Abgesehen von dieser Erkenntnis stört mich an diesem Kapitel ein wenig die Ballung von Beschwerden über unsere moderne Gesellschaft. Es wird permanent über die Nachteile z.B. der zunehmenden Digitalisierung philosophiert und damit verbundene Probleme wie Entfremdung der Menschen beleuchtet. Das Ganze kommt mir jedoch so geballt vor, dass einem der erhobene Zeigefinger fast ins Auge gepiekt wird.
Wenn es für dieses Buchprojekt erneut einen Nachfolger geben wird, hoffe ich, dass es nicht in ein Meckerbuch abrutscht. Gemeckert wird doch in unserer Gesellschaft schon genug. Abgesehen davon ist es so großartig, dass ich mir regelmäßig eine Dosis Fragen & Antworten im Jahr gut vorstellen könnte. Für alle, die nicht so lange warten wollen: kürzlich habe ich die Zeitschrift „P.M. Fragen & Antworten“ für mich entdeckt. Das Konzept ist ähnlich. Fragen aus allen Bereichen des Lebens werden beantwortet – bunt gemischt aus allen Bereichen und sehr sachlich verfasst.
Fazit: Ein tolles Buch, dessen Lektüre ich wie folgt empfehle: erst in einem Rutsch durchlesen, dann ins Regal stellen und immer mal wieder in einzelnen Kapiteln stöbern (man merkt sich nämlich leider nicht alles).
Geeignet für: Wissensdurstige, die vielleicht sogar das Ziel haben, mal Herrn Jauch auf dem WWM-Stuhl gegenüberzusitzen.  
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Samstag, 24. Dezember 2011

Frohe Weihnachten!

Liebe Blogleser_innen,
ich wünsche euch allen und euren Lieben gesegnete Weihnachten, besinnliche und vor allen Dingen gesunde Festtage und vielleicht das ein oder andere gute Buch unterm Weihnachtsbaum oder was ihr euch sonst so Schönes wünscht. Über dem Materiellen steht aber natürlich die Liebe und Zufriedenheit sowie die gemeinsame Zeit mit Familie und Freunden.
Lasst es euch gut ergehen und genießt die Auszeit!
Bis bald!

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Alice

In Hamburg auf der Reeperbahn
Wohnt Alice mit dem Schmerzenzahn.
Jeder Nerv ist schon ganz taub,
Sie hält Dezemberschnee für Staub
Und tanzt Ballett in ihrem Wahn.

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Meg Darcy, die Dritte


Eigentlich sind Krimis nicht gerade mein liebstes Genre. Immer nur Mord und Todschlag. Das gibt es doch in der Realität schon so viel. Um eine Ermittlerin komme ich aber nicht so richtig herum: Meg Darcy.

Mir ist vor langer Zeit ihr erster Fall „Eiskaltes Blond“ zwischen die Finger gekommen. Irgendwie habe ich dann doch Gefallen an ihr gefunden, sodass ich mir auch den zweiten und dritten Fall („Lady Madonna“ und „Mütterchen Frost“) zugelegt habe. Die Serie entstammt der Feder von Jean Marcy. Das Pseudonym steht für ein amerikanisches Autorinnenduo, das auch privat gemeinsame Wege geht.
Meg Darcy ist Privatdetektivin in St. Louis und angestellt in der Sicherheitsfirma ihres Onkels. Ihre Aufträge bringen regelmäßig kriminalistische Tatbestände ans Tageslicht. So auch dieses Mal in "Mütterchen Frost". Adoptivmutter Diane Mann will die leibliche Mutter ihres Kindes ausfindig machen. Sie plant die Scheidung von ihrem aggressiven Ehemann und will die besten Chancen auf das Sorgerecht für ihre Tochter haben. Ob bei der Adoption alles mit rechten Dingen zugegangen ist?
Als Darcy zu schnüffeln beginnt, entdeckt sie Zusammenhänge zu einem bisher ungelösten Mordfall. Was für ein netter Zufall, dass ihre Lebensgefährtin Sarah Lindstrom, Polizistin in St. Louis, gerade alte Fälle aufklären will und Darcy Zugang zu Polizeiakten verschaffen kann.
Ich gebe zu, an der Serie begeistert mich mehr Darcys Privatleben als der Krimi-Aspekt. Man darf beim Lesen keine zu großen Pausen einlegen, damit man nicht die Namen von den befragten Zeugen und die Fakten zum Fall vergisst. Vielleicht ist das ja normal. Wie gesagt, ich bin keine Krimi-Expertin.
Was Darcys Privatleben also angeht, tut sich so einiges. Die Beziehung zu Lindstrom ist mittlerweile auf eine neue Stufe gehoben worden. In die Anziehungskraft, die sie bisher nur verbunden hat, mischen sich Problemchen. Das Paar ist in der Realität angekommen. So gibt es zum Beispiel Unstimmigkeiten beim Thema Geld. Lindstrom kann größere Ausgaben aus dem Ärmel schütteln. Zum einen Dank ihres Polizistinnengehalts, zum anderen Dank der Erbschaft ihrer Exfreundin (die in Teil 1 ermordet in Lindstroms Haus aufgefunden worden war). Sie leistet sich ein neues Auto und liebäugelt mit Immobilien. Darcy hingegen kann ihren Onkel nicht um eine Gehaltserhöhung bitten, schon allein weil sie das Personal der Firma für ihre Ermittlungen beansprucht. Eine weitere Belastung ist, dass Lindstrom auf der Arbeit gemobbt wird, seitdem bekannt geworden war, dass sie lesbisch ist. Sie ist jedoch viel zu stolz um rechtliche Schritte einzuleiten und versucht sich lieber auf ihre Weise durchzubeißen und sich einen Panzer zuzulegen.
Was mir an allen drei bisher gelesenen Darcy-Fällen positiv aufgefallen ist: das letzte Viertel ist immer so spannend, dass es sich binnen kürzester Zeit wegliest. Und ein phänomenales Finale ist garantiert.
Ich werde wohl nicht um den vierten Fall, „Kreuz-Königin“, herumkommen.
Fazit: Flotte Lektüre für kalte Winterabende, zwar ohne Weihnachtsstimmung aber mit viel Schnee.
Geeignet für: Krimi-Freunde_innen
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Dienstag, 13. Dezember 2011

Rassismus im Schuhschrank


Da bin ich wieder. Unter anderem mit der Frage: Warum ist die Vorweihnachtszeit eigentlich so stressig? Diesen Artikel hätte ich am liebsten schon am 5. Dezember gepostet, komme aber jetzt erst dazu. Am 5. Dezember? Was ist denn da los? Klar, Schuhe putzen. Denn auch als Erwachsene mag ich diese Tradition am Abend vor Nikolaus.
Was entdecke ich denn da in einem Schuhkarton in der hintersten Ecke des Schranks? Seht selbst:
Ich dachte gleich: hui, ist das denn überhaupt politisch korrekt? Darf man im Firmenlogo die Silhouette eines/einer Schwarzen darstellen? Auf mich wirkt die Person ja definitiv schwarz, auch durch die Assoziation zum Wort ‚Mohr’ im Logo. War dieses Design gewählt worden, damit die Schuhe nach dem Putzen der Hautfarbe von Schwarzen gleichen? Oder weil Schwarze eine Geschichte der Sklaverei haben, in der sie auch so Drecksarbeit gemacht haben wie Schuhe putzen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schuhpolitur für helles Schuhwerk einen nordischen Hünen im „O“ verwendet. Da also die zweite Interpretation nicht ganz ausgeschlossen werden kann, darf man in meinen Augen ein solches Logo nicht verwenden. Das fanden andere offenbar auch, denn online finde ich dazu auch nichts mehr. Vermutlich gab es eine Logoüberarbeitung und Umbenennung. Leider kann ich auch nicht sagen, wie alt diese Dose ist, weil ich kein Herstellungsdatum o.ä. gefunden habe, aber es ist nicht auszuschließen, dass sie noch aus der Zeit stammt, als man ‚Negerkuss’ statt ‚Schaumkuss’ sagte. Aber irgendwie finde ich Assoziationen mit Schuhpolitur bedenklicher als Schokolade.
Wo wir gerade bei Schokolade sind, fällt mir auch der beliebte Sarotti-Mohr ein. Vielleicht hat ihn der oder die ein_e oder andere von euch am 6. Dezember in euren Stiefeln entdeckt. Auch bei Sarotti wird ja mit einem Schwarzen geworben. Irgendwie setzen da ein bisschen die objektiven Bewertungsmaßstäbe bei mir aus. Schokolade finde ich einfach toll und daher empfinde ich nur positive Gefühlsregungen, wenn ich das Sarotti-Logo sehe und Sklaverei ist da das letzte, woran ich denke. Der Objektivität wegen habe ich mich dennoch belesen und voilà: „Der Sarotti-Mohr wurde oft kritisiert, da viele in der Figur des Dieners einen versklavten Afrikaner sahen“ (Quelle: Wikipedia). Daher ist der Sarotti-Mohr seit 2004 gar kein ‚Mohr’ mehr sondern ein ‚Magier der Sinne’ mit goldener Hautfarbe. Bin ich eigentlich die Einzige, die das nicht mitbekommen hat?
Wie dem auch sei, den Ausflug in die Welt der Werbung finde ich durchaus spannend. Wir sollten öfter mal innehalten und darüber nachdenken, was uns wie verkauft wird. Die Dose Schuhpolitur werde ich auf jeden Fall aufheben. Mal sehen, was die Generation meiner Enkel dazu mal sagen wird.


Sonntag, 4. Dezember 2011

Franka

Die schöne Franka aus Berlin
Will täglich um die Häuser ziehn,
Doch findet keine Schuhe
In ihrer Truhe.
So spart sie ihre Energien.

Donnerstag, 17. November 2011

Schunkelfieber

Schunkelfieber

Wie sang Freddie Mercury so schön? „The show must go on“. Und so handhabe ich es hier auch, denn trotz kränkelnder Mimi blogge ich weiter, weil es mir so Spaß macht.
Auf dem Plan steht eine Rezension. Nun hat sich sicherlich mittlerweile das Gerücht verbreitet, dass ich nur ältere Veröffentlichungen bespreche. Vielleicht deshalb (*klicken*) oder deshalb (*klicken*). Umso erfreuter bin ich, mal etwas ganz Aktuelles vor mir zu haben: „Schunkelfieber“ von Petra Brumshagen.
Punkt 1: Toller Titel.
Punkt 2: Schönes Cover. Ja, schön, doch es gibt ein ABER. Es begab sich, dass mir die erste Version des Covers in den unendlichen Weiten des Netzes begegnete. Dadurch wurde ich überhaupt erst auf das Buch aufmerksam. Und dann sah es plötzlich ganz anders aus. Damit ihr wisst, wovon ich spreche, hier Version 1 und Version 2.
Mein Favorit ist ganz eindeutig die erste (und damit hinfällige) Version*. Ich hoffe, das liegt nicht an unterbewussten, tiefenpsychologischen Denkschemen meines Gehirns. Nein, ernsthaft, die Brüste gewinnen nicht, weil sie Brüste sind (denn mal ehrlich, welche Version zeigt mehr Haut?), nein, sie gewinnen, weil sie in diesem süßen Dirndl stecken und der Schriftzug auf dem Lebkuchenherz so goldig ist. Und sie gewinnen, weil die Protagonistin Vicky nicht nackt Yoga auf einer Wiese macht, sondern weil sie (unfreiwillig) in einem Dirndl landet. Damit wären wir bei
Punkt 3: Inhalt. Es geht um Vicky, die es für ein Volontariat in einer Werbeagentur von Bochum nach München verschlägt, wo alles irgendwie etwas anders ist. Sie versteht ja noch nicht einmal die Bäckerin. Außerdem vermisst sie ihre alte WG, vor allem ihre Mitbewohnerinnen Hannah und ihre beste Freundin seit Kindestagen, Toni. Mit ihr hat sich vor Vickys Wegzug offenbar eine Romanze entwickelt, mit der beide etwas überfordert zu sein scheinen. Nun in München landet Vicky in einer neuen WG und in einer großen Werbeagentur (Arbeitsflair und Räumlichkeiten sind sehr interessant geschildert). Ihre unmittelbare Vorgesetzte ist Nadine, die Vicky zuerst ziemlich lästig und oberflächlich findet. Sie ist es auch, die Vicky in ein Dirndl steckt, mit dem es dann auf die Wies’n geht – sehr zur Erheiterung der Leserin. Trotz der Anlaufschwierigkeiten entwickelt sich bald eine Freundschaft zwischen den beiden. Nadine warnt Vicky von Anfang an vor der launischen und skrupellosen Chefin Annabell – ohne Erfolg. Vicky verknallt sich prompt in die attraktive, erfolgreiche Frau. Ein Gutes hat das Ganze ja: sie muss nun nicht mehr ständig über Toni grübeln. Oder?
Punkt 4: der Stil. „Schunkelfieber“ kommt lockerflockig-leicht und witzig daher. Er unterhält wunderbar, da er das Innenleben von Vicky ausleuchtet, die durchaus einen Hang zu zynischer Selbstironie hat.
Punkt 5: Schwachstellen. Der Roman ist im Präsens verfasst? Warum? Es ist nicht das erste Buch, wo mir das negativ auffällt. Vielleicht gewöhne ich mich irgendwann noch dran.
Nun habe ich auch vor oder während der Lektüre bemerkt, dass es quasi der Nachfolger von „Scheinfrei“ ist. Ich hatte etwas Sorge, dass man den vorher gelesen haben muss. Rein theoretisch muss man das nicht, aber es gibt selbstverständlich einige Verweise auf die Vergangenheit. Zu viele? Ich bin nicht sicher, aber ich hätte mir schon manchmal gewünscht, „Scheinfrei“ vorher gelesen zu haben.
Fazit: „Schunkelfieber“ ist ein fröhlicher Unterhaltungsroman um eine junge Ruhrpottlerin, die im Herzen Bayerns das Erwachsenwerden übt.
Geeignet für: Fans von Lesbendramen in WGs ;-)
Mehr hier oder hier.

*Das ist keine Kritik (nur meine Meinung). Die Gründe für solche (Verlags)Entscheidungen sind ja sehr vielfältig.

Donnerstag, 10. November 2011

Mimi in Not


+++ Emergency +++

Seit einigen Wochen schon bemerke ich mit Erschrecken das immer kärglichere Auftreten meiner lieben Mimi. Sie schwächelt enorm, wird welk und ich leide mit ihr.
Nein, an meiner Pflege kann es wahrlich nicht liegen. Ich achte darauf, dass sie immer feucht ist. Auch verschiedene Standorte mit unterschiedlicher Tageslichtbestrahlung wurden getestet. Sogar Dünger habe ich ihr verabreicht.
Nun ist es so weit gekommen – ihr Zustand ist dermaßen besorgniserregend – dass ich es an dieser Stelle kundtun möchte. Ein Foto will ich euch und Mimi ersparen. Aber einen Hilferuf soll es an dieser Stelle geben. Wer kann Mund-zu-Blatt-Beatmung? Oder wer kann anderweitig aufgrund von Mimosen-Erfahrung helfen?
Ich zweifelte kurz, ob ihr Verhalten vielleicht aufgrund des nahenden Winters adäquat wäre. Ich kann es mir jedoch nicht vorstellen und Dr. Google hat mir das bisher auch nicht bestätigt.
Ich hatte mir gewünscht, euch irgendwann Mimis erste prächtige Blüte zeigen zu können. Stattdessen nun diese traurige Mitteilung. Und was soll nun aus diesem Blog werden? Sind er und Mimi noch zu retten?
Ich hoffe auf zahlreiche Hinweise aus der lesenden Bevölkerung mit dem grünen Daumen.

Dienstag, 8. November 2011

Einmal Kind und zurück II


Kruschkrasch, kruschkrasch machte es, als sie zu Patricia durch den Berg flitzte. Die Frau blieb vor Patricia stehen und schaufelte blitzschnell mit beiden Händen Blätter, die sie knapp über Patricias Kopf in die Luft warf. Wie kleine Segelflieger glitten sie an ihr vorbei und auf sie herab. Als stünde sie während einer kräftigen Windböe unter einem Baum.
Patricias Lachen kitzelte wieder in ihr. Es wollte heraus. Noch einmal. Immer noch. Doch sie legte ihre Hand auf die der Fremden. „Wir zerpflücken den Haufen noch total.“
„Okay, schon genug geraschelt, ja?“
Krusch. Patricia bewegte ihre Füße, die unter den Blättern begraben waren. Krasch. Leise. Krusch. Vorsichtig. Krasch. Wie beim Mikadospielen. Kruschkrasch Kruschkrasch. Sie schüttelte ihre Füße ein letztes Mal kräftig innerhalb des Haufens aus. Wie wenn etwas an der Fußsohle klebt, was einfach nicht abfallen will. „Okay, genug, glaube ich“, sagte sie zu ihrem Gegenüber.
„Gut.“ Die Fremde lächelte verschmitzt, sodass sich winzige Grübchen bildeten, die Patricia erst jetzt sah, wo sie so dicht vor ihr stand. Oder erst jetzt, als sie dieses eine bestimmte Lächeln benutzte.
Sie schien darauf zu warten, dass Patricia den Anfang machte und aus dem Berg hinausstapfte. Patricia nickte und setzte sich in Bewegung. Da bückte sich die andere noch einmal ruckartig und ließ erneut trockene Blätter auf Patricias Kopf regnen. Beide Frauen lachten zufrieden und verließen den Blätterhaufen.
„Wow, das war lustig. Man möchte meinen ich hätte keine Sorgen!“, bemerkte Patricia.
„Was hast du denn für Sorgen?“
„Ach, verdammt. Ich bin heute zum zweiten Mal durch meine mündliche Prüfung geflogen. Wenn ich es das nächste Mal nicht schaffe, kann ich mein Studium knicken.“
„Das ist ja eine harte Regelung. Welches Fach?“
„Jura.“
„Oh je.“
„Ja, und ich schwöre dir, ich hab so viel dafür gebüffelt“, sprudelte es plötzlich aus Patricia heraus. „Ich habe nur immer bei mündlichen Prüfungen totale Blackouts. Klausuren, Hausarbeiten, alles kein Thema. Aber sobald ich vor dem Prüfer stehe und ich weiß, er will genau in diesem Moment eine bestimmte Antwort von mir hören, macht mein Kopf dicht. Und weißt du, schon bei den Einführungsveranstaltungen hieß es, dass die Durchfallquoten und Abbrecherquoten riesig hoch sind. Ich wusste das ja, aber ich hätte nicht gedacht, dass es ausgerechnet mich trifft. Ich hab mich schon so weit durchgekämpft und jetzt soll alles für die Katz gewesen sein?“ Da war es alles. Einfach so, ohne dass jemand Patricia gefragt hatte.
„Aber noch kannst du es doch schaffen! Die schriftlichen Prüfungen hast du doch auch bestanden, oder?“ Die Fremde setzte sich langsam wieder in Bewegung. Seite an Seite spazierten sie zurück zum Parkeingang, aus dessen Richtung sie gekommen waren.
„Ja, ich hab nur so wahnsinnig Schiss vorm nächsten Mal.“
„Wahrscheinlich brauchst du nur ein bisschen Selbstvertrauen.“
„Du hast gut reden!“, echauffierte Patricia sich. „Oh Gott, warum erzähle ich dir das bloß alles?“
„Das ist völlig in Ordnung“, lächelte sie. „Ich finde das sehr interessant.“
„Aber wir kennen uns kaum und ich binde dir hier meine Probleme auf die Nase. Erzähl mir was von dir!“ Damit wir wieder quitt sind, dachte Patricia.
Sie lächelte geheimnisvoll. „Okay.“ Trotz der Zustimmung zögerte sie. „Ich werde dir mal was beichten.“
Da wurde Patricia hellhörig und musterte sie von der Seite.
„Ich hätte dich gar nicht nach dem Weg fragen müssen.“ Und sie setzte noch eins drauf: „Ich wusste ganz genau, wo ich hin muss. Ich hatte den Kurs ja schon ein paar Mal.“
Patricia stutze. „Aber…wieso...?“
„Du warst meine Hausaufgabe“, sagte die andere und lächelte geheimnisvoll.
Patricia blieb stehen. So abrupt, als hätte es ihr ein Erdbeermännchen befohlen. „Was soll denn das heißen?“
Die andere vergrub ihre Hände tief in ihren Jackentaschen und wich Patricias Blick aus. Auf einmal wirkte sie längst nicht mehr so stark und selbstbewusst wie bisher.
„Was…?“ Am liebsten hätte sie gesagt ‚Was ist denn das für eine schräge Nummer hier?’, aber da kam die Fremde ihr zuvor:
„Ich mach ein Flirtseminar.“ Das sagte sie schnell. Wie ein Zugeständnis. Vielleicht in der Hoffnung, dass Patricia die Bedeutung der Worte gar nicht recht aufnehmen konnte.
Aber sie konnte. „Sowas gibt es?“ Dann kreisten die Gedanken in Patricias Kopf wie trockene Blätter im Wind. Hatte sie Patricia nur angesprochen, um ihre Hausaufgabe zu erledigen? Wollte sie sie veräppeln? Wenn es diesen Kurs wirklich gab, wie verrückt musste man sein ihn zu belegen? Stand sie überhaupt auf Frauen? Hatte sie das offene Ohr für ihre Probleme nur vorgetäuscht? Hatte sie sich nur eingebildet, dass es da eine Magie zwischen ihnen gegeben hatte?
„Warum hast du mich nicht gefragt, ob ich einen Kaffee mit dir trinken gehe statt nach dem Weg zu fragen?“ Sie standen noch immer auf dem Kiesweg in der Nähe des Parkeingangs und bewegten sich nicht weiter. Die Ampelmännchen in Patricias Kopf wechselten sich immer schneller ab, steigerten sich in ein rot-grünes Blitzgewitter. Stehen. Gehen. Glauben. Misstrauen.
„Hättest du denn ja gesagt?“
Patricia wusste keine Antwort. Sie sagte auch nichts.
„Hör mal, ich muss los, der Kurs fängt bald an.“
„Moment, du kannst doch jetzt nicht einfach abhauen.“ Wieso sollte sie das nicht können?
Die Fremde lächelte, ging aber schon langsam ein paar Schritte rückwärts.
„Wie heißt denn du überhaupt?“ Patricia wusste nicht, ob sie das wirklich wissen wollte. Sobald sie einen Namen hatte, war sie real. So real wie die nichtbestandene Prüfung, von der sie ihr erzählt hatte. Und noch waren die Fragen in ihrem Kopf nicht beantwortet.
„Christine“, antwortete sie. Sie lächelte kurz und blieb stehen. „Jetzt sollte ich aber wirklich…“ Sie deutete mit dem Daumen in Richtung Eichstraße.
Patricia nickte. Das war eindeutig. Zweimaliges ‚Ich muss los’ beantwortete alle Fragen in ihrem Kopf.
„Ich bin in einer Stunde wieder hier am Parkeingang. Vielleicht hast du Lust, dann mit mir einen Kaffee zu trinken.“ Sie zögerte, konnte Patricia nicht ansehen. „Ciao!“, verkündete sie und machte kehrt.
„Warte mal“, rief Patricia hinterher. Dann rannte sie die paar Schritte, bis sie wieder dicht neben ihr war. „Woher… wusstest du überhaupt, dass ich auf Frauen stehe?“
Die Fremde hatte ihr souveränes, mystisches Lächeln wiedergewonnen. „Ich wusste es nicht.“ Damit verabschiedete sie sich endgültig und verließ den Park mit einem letzten Blick über die Schulter zu Patricia.
Sie legte den Kopf schräg und sah Christine hinterher. Die Abstände, in dem die Ampelmännchen wechselten wurden wieder größer. Bis einer am Ende als Sieger aus dem Duell hervorgehen würde. Grün – Rot – Grün – Rot
Patricia steckte die Hände in die Jackentaschen. Ein glatter harter Knubbel empfing sie auf der rechten Seite.
Grün.


Montag, 7. November 2011

Mieses Karma


 
Bereits als ich die ersten Kapitel von „Mieses Karma“ las, ging mir etwas durch den Kopf. Dieses Etwas war: ‚Hier hat es aber jemand gehörig drauf’. Und dieser jemand heißt David Safier.
In „Mieses Karma“ geht es um die erfolgreiche Fernsehmoderatorin Kim Lange, deren lang gehegter Traum endlich in Erfüllung geht: ihr wird der deutsche Fernsehpreis verliehen. Das wäre auch an sich ganz toll, wenn sie nicht kurz darauf, nach einem exstatischen One-Night-Stand mit ihrem Fernsehkollegen Daniel Kohn, ums Leben kommen würde. Die Überreste einer russischen Raumstation sind ihr Verhängnis, als sie auf der Dachterrasse stehend über ihren Fehler sinniert. Kim ist nämlich verheiratet, hat sogar eine Tochter. Doch sowohl Gatte Alex als auch Töchterchen Lilly werden gnadenlos vernachlässigt. Viel zu besessen ist sie davon, die besten Quoten in der Fernsehlandschaft zu erzielen.
Aber all das sind bald nicht mehr Kims Sorgen. Nachdem sie das Zeitliche gesegnet hat, wird sie nämlich wiedergeboren. Und zwar ausgerechnet als Ameise. Der allbekannte Buddha hat nämlich festgestellt, dass Kim mit ihrem Egoismus nicht gerade viel gutes Karma gesammelt hat. Aber das lässt sich ja ändern, denn auch im Leben einer Ameise ist so einiges los.
Bald macht Kim Bekanntschaft mit einer anderen Ameise, die genau wie sie ein wiedergeborener Mensch ist. Diese Person ist kein geringerer als der berühmt berüchtigte 1789 verstorbene Giacomo Casanova. Der Frauenheld begattet nun Ameisenköniginnen – so es ihm denn gestattet wird.
Die Leben von Kim und Casanova sind miteinander verstrickt. Eine eigenwillige Freundschaft entwickelt sich. Wie der „Zufall“ (den es ja bekanntlich nicht gibt) so will, landet Kim mit ihrem neuen Ameisenleben direkt im Garten ihrer (früheren) Familie. Sie stellt bald fest, dass ihre Jugendfreundin Nina ihren Platz einzunehmen droht. Eine frühere Romanze, die sie mit Alex verbindet, macht dies besonders wahrscheinlich. Doch es ist vor allen Dingen die Sehnsucht nach Lilly, die Kim dazu bringt, gutes Karma sammeln zu wollen, um in der Wiedergeburten-Hierarchie aufzusteigen und auf Lillys Leben einwirken zu können.
Genau das tut sie im Laufe des Romans und durchlebt dabei unzählige Leben in vielen verschiedenen Körpern. Casanova ist dabei nie sehr weit weg und auch Buddha lässt immer wieder von sich hören.
David Safier brilliert in diesem Werk mit sprachlicher Stärke. Ironie, Wortspiele und Neologismen machen jedes Kapitel lesenswert und locken den ein oder anderen Lacher hervor.
Liebenswerte, tiefgründige Figuren und Überraschungen im Plot machen „Mieses Karma“ zu einem unnachahmlichen Unterhaltungsroman, der jedoch viel mehr ist als das. Man fühlt und leidet mit Kim und wird auch das ein oder andere Mal zum Nachdenken angeregt.
Fazit: Unbedingt lesen!
Geeignet für: Jeden, der gern mit Humor unterhalten wird.
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Sonntag, 6. November 2011

Neue Fernsehkultur


Ich kam vor kurzem in die Verlegenheit das „Supertalent“ zu schauen. Ja, ja, ich hör euch ja schon bis hierher meckern. Furchtbar, diese Castingkultur, ich weiß. Furchtbar, wie Menschen vorgeführt werden. Wie sie strukturiert gesucht werden, um ein Jahr lang (gern auch länger) Euros in die Kasse zu bringen. Schlimm auch, dass sie nur dann überhaupt Aussicht auf Erfolg haben, wenn sie den Schicksal-Bonus haben.
Aber um all das soll es hier ausnahmsweise mal gar nicht gehen.
Stattdessen will ich mich mal ‚fachfremd’ über eine lästige Eigenart der Produktion auslassen. Bin ich denn die Einzige, der auffällt, dass dieses Format ständig Wiederholungen und Zeitlupen einbaut?
So verwerflich die Castingkultur auch sein mag, es ist trotzdem immer noch erstaunlich, wie viel Talent in Deutschland steckt. Und ja, genau das ist durchaus sehenswert. Aber bitte, wenn jemand einen Salto rückwärts aus dem Stand macht, wieso muss das Selbe zwei Sekunden danach erneut in Zeitlupe ausgestrahlt werden? Ich fühle mich dann leicht verschaukelt. Diese Wiederholungen der kleinen Sensationen und Skandale treten so vermehrt auf, dass mir schon eine waghalsige Theorie in den Sinn kam: die Sendung ist Ausdruck einer neuen Fernsehkultur.
Ich behaupte jetzt einfach mal, dass sich das Fernsehverhalten der letzten Jahrzehnte geändert hat. Insofern, als dass der Fernseher in vielen Haushalten als eine Art Hintergrunddauerbeschallung dient. Nimmt quasi die Rolle von Radio ein. Viele Menschen finden das offenbar angenehm, hören gar nicht mehr richtig hin. Da mutiert die Geräuschkulisse des Apparates wohl zum ‚weißen Rauschen’.
Klar, dass diese Veränderung auch eine Veränderung im Programm mit sich bringen muss. Kein Wunder also, dass die Highlights ständig wiederholt werden, für den Fall, dass man gerade mit etwas anderem beschäftigt war. Für die ‚herkömmlichen’ Fernsehzuschauer, die sich bewusst hinsetzen und ein Programm gezielt (vielleicht sogar von Anfang bis zum Ende!) ansehen, ist das durchaus ärgerlich.
Kein Wunder auch, dass bei der Vorstellung der Kandidaten schon innerhalb der ersten Sekunden erkennbar ist, ob sie ‚top’ oder ‚flop’ sind. Bei top Kandidaten läuft harmonische Mainstream-Musik im Hintergrund. Alle anderen werden auf irgendeine Weise vorgeführt. Das heißt, das Publikum kann sogar partiell fernsehen und alle paar Minuten aufs neue entscheiden, ob es dem Programm Aufmerksamkeit schenkt oder nicht (je nachdem ob es sich mehr für die ‚top’ oder ‚flop’ Kandidaten interessiert).
Wo soll denn das bitte hinführen, liebe BlogleserInnen? Wird im Krimi demnächst schon zu Beginn (und am besten gleich noch mal in der Mitte) der Täter enttarnt, damit auch ja niemand die Chance verspielt zu erfahren, wer es ist? Wird im Liebesfilm der erste Kuss in erneuter Wiederholung gezeigt, falls man gerade nicht aufmerksam war? Über das dann potenzierte Gemetzel im Horrorfilm möchte ich nur ungern nachdenken.
Mein Alternativvorschlag um dem zu entgehen: einfach mal den Kasten ausschalten und die Stille genießen. Oder mal das Fenster öffnen und lauschen, wie ein echter Vogel klingt.  

Donnerstag, 3. November 2011

Einmal Kind und zurück


Rot. Patricia hielt an der Fußgängerampel. Heute hatte sich alles gegen sie verschworen. Einzig der obligatorische Wolkenbruch, der noch gefehlt hätte, blieb aus.
Sie könnte jetzt nach links und rechts schauen und wenn kein Auto kam, die Straße trotzdem überqueren. Das hatte sie oft genug getan. Und dann? Sie hatte es nicht eilig nach Hause zu kommen. Dort würde nur ihr Mitbewohner warten und sich auf sie stürzen. Und dann würde sie mit Maik reden müssen. Kein Problem, dazu waren Mitbewohner schließlich da. Wäre sie nur nicht so schlecht drauf gewesen. Aus offensichtlichen Gründen. Sie wollte ihn nicht mit ihrer Laune vergraulen. Vor allem wollte sie ihm nicht sagen, was sie zu sagen hätte. Es klang viel zu sehr nach Verlierer. Und solange sie es nicht aussprach, war es vielleicht nicht real.
Das Wichtigste war erst einmal runterzukommen, damit sie das Gespräch mit Maik gelassen nehmen konnte. Ach, im Prinzip ging es doch überhaupt nicht um Maik.
Vielleicht war die Fußgängerzone eine gute Möglichkeit ihre Laune zu heben? Die Menschen, die bunten Schaufenster, alles würde sie ein bisschen ablenken.
Grün. Patricia überquerte in aller Ruhe die Straße. In Gedanken war sie schon in der Fußgängerzone und überlegte, ob das wirklich so eine gute Idee war. Eigentlich war ihr mehr nach Fitnessstudio, um ihre ganze Wut auf einen Boxsack einzudreschen. Wut auf sich selbst. Wut auf das …Schicksal? Nur besaß sie gar keine Fitnessclubmitgliedschaft.
Rot. Patricia lächelte zynisch. Klar, heute schwamm sie auf der roten Welle. Jetzt könnte sie es aber wagen. Sie sah nach links und dann nach rechts, wo … plötzlich eine junge Frau zum Stehen kam.
Sie sah sie unverwandt an. Hatte etwa Patricias Größe und mittellanges Haar, das ihr in einem klassischen Straßenköterblond die perfekte Tarnung verschaffte. Dennoch sah sie Patricia offen an. Versteckte sich nicht. Und lächelte.
Für einen Moment war Patricia völlig aus der Bahn geworfen. Mit so etwas konnte ja keiner rechnen. Wo doch heute ganz augenscheinlich nicht ihr Tag war. Sie sah zurück zu dem erdbeerroten Männchen mit Hut. Sogar der war auf der Hut.
„Entschuldigung“, hörte sie da neben sich und sah die Frau an, die sie eben noch so nett angelächelt hatte.
„Ja?“
„Geht es hier zur Eichstraße? Bin ich da richtig?“
„Ja, Sie sind schon ganz dicht“, gab Patricia sofort Auskunft. Wenn wir hier die Straße überquert haben, gehen sie auf der anderen Seite rechts und die nächste Querstraße müsste es schon sein.“
„Super! Vielen Dank.“ Sie lächelte warm und sah sehr zufrieden aus mit sich und der Welt.
Patricia wollte gar nicht so recht den Blick abwenden, aber je länger sie sich ansahen, desto alberner kam sie sich vor. Dann sah sie geradeaus und bemerkte, dass das eifrige Männchen mit der Waldmeisterjacke seinen Erdbeerfreund abgelöst hatte. „Oh, wir können ja“, murmelte Patricia, halb zu sich selbst, halb zu der Fremden. Gerade als sie losgehen wollte, verabschiedete sich der kleine waldmeisterfarbene Genosse schon wieder.
Die Frau neben ihr kicherte. „Da waren wir wohl beide nicht schnell genug.“ Wo nahm sie nur ihre Leichtigkeit und Gelassenheit her?
„Sie haben es wohl gar nicht eilig? Sieht man ja selten in der Großstadt.“
„Stimmt. Meistens hetzen alle aneinander vorbei und kleine Besonderheiten fallen einem gar nicht mehr auf.“ Sie hielt kurz inne. „Zum Beispiel die schöne Blätterfärbung jetzt im Herbst. Die gibt es nur einmal im Jahr für wenige Wochen zu sehen. Aber niemanden interessiert es so recht.“
„Doch, mich. Ich liebe diese knallrot gefärbten Ahornblätter.“ Die Fremde neben ihr lächelte und nickte zustimmend. „Und ich geh total gerne durch einen großen Blätterhaufen und höre dem Rascheln zu.“ Wo kam das auf einmal her?
Die Fremde schien sich keineswegs daran zu stoßen, sondern behielt ihr freundliches Lächeln bei. „Und sie sind gerade auf dem Weg in einen Park um genau das zu machen?“
Patricia gefiel der Gedanke. Vielleicht wäre das ähnlich befriedigend wie einen Boxsack zu verprügeln. Ob nun die Arme oder die Beine in Aktion traten, war ja letztlich egal. „Nein, ich bin auf dem Weg nach Hause“, antwortete sie.
„Schön. Also waren sie schon Blätterrascheln?“
Patricia musste lachen. „Nein, leider nicht. Das hatte ich eigentlich auch gar nicht vor, aber wissen Sie was, das klingt sehr verführerisch. Vielleicht gehe ich jetzt doch einen kleinen Umweg und raschel noch ein bisschen.“
„Wenn Sie möchten, begleite ich Sie. Ich habe noch Zeit. Und jetzt weiß ich ja, dass die Straße gleich um die Ecke ist.“
Patricia sah sie einen Moment lang verwundert an. Wahrscheinlich hatten das grüne und das rote Männchen mittlerweile schon drei Mal mehr den Staffelstab ausgetauscht. „Okay“, sagte sie nur.
„Okay“, stimmte auch die Fremde zu.
„Aber nur, wenn wir das mit dem Siezen mal lassen.“
„Stimmt. Hat sich irgendwie eingeschlichen. So alt sind wir ja eigentlich nicht.“ Sie sah erfreut aus.
Patricia überlegte kurz und achtete dann gar nicht mehr darauf, welches kleine Männchen vor ihr leuchtete. „Bleiben wir doch auf der Seite, gehen rechts bis ans Ende der Straße. Ich glaube, da kommt ein Park.“
Die Andere nickte und gemeinsam gingen sie in die vorgeschlagene Richtung.
Mehr als absurd, dachte Patricia, aber freute sich schon jetzt über die Ablenkung. Einfach nicht darüber nachdenken, dass du gleich mit einer völlig fremden Frau durch Blätterberge rascheln willst, ermahnte sie sich.
„Und wohin wolltest du nun genau?“, fragte sie die Frau, die an ihrer Seite ging.
„Zu einem Seminar.“
„Ach so, ja, in der Eichstraße ist die Volkshochschule.“
„Genau.“ Sie lächelte sie direkt an und sah dann wieder auf den Weg.
„Was machst du denn dort für einen Kurs?“
Patricia konnte ihr Grinsen von der Seite sehen, konnte es aber nicht genau einordnen.
„Es ist im weiteren Sinne kommunikationswissenschaftlich angelegt.“
„Uh, schon allein das Wort wissenschaftlich – das kann ich heute leider gar nicht hören.“ Patricia spürte, wie der ganze Ballast zurückkam. Hoffentlich gab es genügend Blätterberge, um das alles loszuwerden und platt zu treten.
Sie überquerten die Straße und kamen genau auf einen Park zu. „Wow, die Farben sind wirklich schön“, staunte Patricia. Das hatte sie den ganzen Herbst noch gar nicht wahrgenommen. Wann auch?
„Na dann mal los“, lachte die fremde Frau und wies auf das braune Blattwerk, das um den ersten Baum verstreut lag.
Patricia wollte losrennen, fand es aber doch zu übertrieben. Von einem Blätterberg konnte man hier gar nicht sprechen. Der Haufen war mickrig. Also ging sie gemächlich zu ihrem Ziel und schlurfte ein paar Mal hindurch. „Nee, das bringt’s nicht. Ich hab mir das ein bisschen besser vorgestellt.“
„Na ja, dann ist der Herbst wohl noch nicht soweit.“
Plötzlich fühlte sich Patricia wieder seltsam neben der Frau. Jetzt, wo doch auch ihr gemeinsames Ziel auf enttäuschende Weise weggefallen war. Sie beobachtete die Blonde, die keineswegs irritiert schien, ziellos neben Patricia spazieren zu gehen. Plötzlich blieb sie stehen und bückte sich. „Schau mal. Wir können alternativ kleine Männchen bauen.“ Sie reichte ihr eine Kastanie.
„Ich bin Nichtraucherin. Also habe ich leider keine Streichhölzchen dabei. Unser Männchen hätte dann also weder Arme noch Beine.“ Es war ein Wunder, dass sie noch nicht Kettenraucherin war nach den Strapazen der letzten Zeit. Es war eigentlich auch ein Wunder, dass sie nicht ausgerechnet heute mit dem Rauchen anfing.
Patricia betrachtete die kleine braune Murmel in ihrer Handinnenfläche. Sie war etwas oval mit einem kleinen Höcker. Das könnte der Kopf des Männchens werden. Mit einer nach vorn gerichteten Knollnase.
„Oh, ich sehe da etwas, das dich interessieren könnte.“
Patricia sah auf. Und da war er. Der größte Blätterberg weit und breit. Der einzige Blätterberg weit und breit. Eine Schubkarre samt Harke standen daneben, aber der dazugehörige Gärtner machte wohl gerade ein Kaffeepäuschen. Patricia sah sich im Park um und als sie niemanden entdecken konnte, steckte sie die Kastanie in ihre Jackentasche und rannte los. Sie rannte, bis sie ein paar Schritte im Berg stand. Dann hüpfte sie auf dessen Spitze, die unter ihrem Gewicht nachgab. Kniehoch umgaben sie die braunen, roten und gelben Blätter. Patricia hüpfte noch einige Male mehr in dem Berg umher. Das Lachen aus ihr kam so tief von innen, dass sie es unter keinen Umständen unterdrücken könnte. Wann war sie das letzte Mal einfach nur Kind gewesen? Sie spürte den Wunsch, die Beine in die Luft zu schleudern, sodass Blätter mitgerissen würden, vielleicht sogar über ihren Kopf flogen. Wenn der Gärtner aber genau dann wiederkommen würde, gäbe es Ärger. Sie hielt sich zurück, zügelte das Kind in sich.
Die fremde Frau stand lächelnd neben dem Berg und kam plötzlich schnellen Schritts auf Patricia zu. Irritiert merkte sie, dass sie nicht das Bedürfnis hatte, rückwärts zu gehen. Sie kannte diese Frau zwar nicht, aber sie wusste, dass sie ihr nichts Böses wollte. Sie ahnte es nicht, sie wusste es.

Fortsetzung folgt - und zwar hier

Sonntag, 30. Oktober 2011

Zwischen den Zeilen



Quelle: querverlag.de

„Inwiefern beeinflusst die Stadt, in der Sie leben, Ihr literarisches Schaffen?“ Diese Frage führt Maria, eine junge Literaturwissenschaftlerin aus Berlin, nach Barcelona. In Corinna Waffenders Debütroman „Zwischen den Zeilen“ kehrt sie dorthin zurück. In die Stadt, die zwar nie ihre Heimat war, aber für eine gewisse Zeit ihr Zuhause. Die Stadt, in der sie von Maria zu María wurde. Und vor allen Dingen der Ort, an dem sie mit Teresa zusammen war. Der Ort voller Erinnerungen, die hauptsächlich eines sind: bedrückend. Denn sie flüstern Teresas Namen an jeder Ecke. Woran die Beziehung zwischen Maria und Teresa zerbrach, weiß man erst nicht, die Ahnung verfestigt sich aber von Seite zu Seite mehr.
Maria interviewt eine Autorin nach der nächsten und plötzlich hat sie Bea vor sich. Sie ist völlig anders als die anderen: im Aussehen, in ihren wirtschaftlichen Verhältnissen, im Schreiben, in ihren Antworten auf Marias Fragen und natürlich in dem, was sich zwischen ihr und Maria entwickelt. Die Begegnung ist für beide fast schon schmerzlich. Es geht tief, verwundet sie, verändert sie. Maria, die selbst mal Autorin war, das Schreiben aber mit dem Verlust ihrer großen Liebe verloren hat, findet es plötzlich wieder. Stückchenweise. Zaghaft. Bis es sich anfühlt, als wäre es nie weggewesen. Und wir dürfen teilhaben und eine Geschichte in der Geschichte lesen.
Bea hingegen verliert plötzlich ihr Schreiben. Kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, weil sie Nähe bisher nie zulassen konnte, nun aber diese endlose Sehnsucht in sich spürt. Sie liebt zum ersten Mal.
Was zwischen beiden dann passiert ist ein Drahtseilakt aus Wagen, Lieben und Furcht.
Sprache und Stil des Romans sind einzigartig, dicht und atmosphärisch. Die Stimmung ist durchweg melancholisch. Zu Beginn waren Marias Gedanken beinah eine Nuance zu geheimnisvoll. Die Andeutungen waren fast ein bisschen zu schmal um tiefergehendes Interesse bei mir zu wecken. Und dann stolperte ich auch noch bei der Einführung von Bea. Während des ersten Viertels des Romans war der Fokus auf Maria gerichtet. Plötzlich erfahre ich die Gedanken von Bea, die ich gar nicht wissen will, weil ich auf Marias Innensicht geeicht war. Je näher man Bea kennen lernt, desto klarer wird, dass es sich lohnt ihre Gedanken und Gefühle aus erster Hand zu erfahren. Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, sie wäre eher eingeführt worden. Sie ist eine wunderbare Figur, aber ich hätte sie gern auch noch mehr verstanden.
Aber weil sie so wunderbar ist, sagt sie auch die ein oder andere Weisheit übers Schreiben, die mich sehr bewegt hat. „Wenn du eine Geschichte im Kopf hast und du schreibst sie nicht, dann ist das wie eine Abtreibung.“ Ich hoffe, jeder Autor und jede Autorin hat eine Gänsehaut oder bin nur ich so ein Sensibelchen, die da gerade den warnenden Blick von ungeschriebenen Figuren auf sich spürt?
Nach dem kleinen Stolperer bei der Einführung von Bea geht es aber nur noch bergauf und wird immer spannender. Es gehört in die Kategorie „Jetzt hätte ich aber gern noch weiter gelesen“.
Fazit: „Zwischen den Zeilen“ ist ein Debüt, das sich sehen lassen kann. 
Geeignet für: Literatinnen, Liebende und liebende Literatinnen

Das Buch ist leider nicht mehr lieferbar und kann momentan nur noch über antiquarische Wege aus zweiter Hand erworben werden.

Gewichtsverlust durch Schreiben


Wie wirkt sich das Schreiben eigentlich auf unsere körperliche Fitness aus? Ihr habt euch diese Frage noch nie gestellt? Wie ich überhaupt auf so was komme?
Nun, blicken wir doch einmal kurz zurück auf das Buch ‚Voll doof’, das ich hier bereits vorgestellt habe. In einem der Kapitel schreibt Wilson darüber, warum man auch sterben kann, ohne je ein Buch geschrieben zu haben. Dabei geht er erst einmal auf ein Gegenargument ein, nämlich die unsagbar therapeutisch wertvolle Wirkung, die dem Schreiben zugeschrieben wird. Soweit ist das sicherlich bekannt. Aber durch tägliches Schreiben von 15 Minuten soll man laut ‚The No Diet Diet’ sogar Gewicht verlieren. Super! Damit schlage ich also gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: literarische Befriedigung und körperliche Ertüchtigung, die ganz nebenbei zur Traumfigur führt.
Eigentlich auch völlig nachvollziehbar, wenn man bedenkt, was im Kopf beim Schreiben so alles passiert. Ob als Krimiautorin, die im Kopf dem Mörder durch schmale Gassen hinterherhetzt oder als Fantasyautorin, die auf Drachen reitend Schlachten für sich gewinnen muss oder aber als Erotikautorin, die… Da sind 15 Minuten schreiben fast so effektiv wie 15 Minuten joggen. Bestimmt!
Ich bin sowieso fest davon überzeugt, dass Schreiben Hochleistungssport ist. Nur eben geistiger Hochleistungssport. So ähnlich wie Schach. Manchmal stimme ich mich auf intensive Schreibphasen richtig ein, mache ein paar Stretchübungen, kreise die Schultern und stemme imaginäre Hanteln. Schon allein deswegen müsste man doch abnehmen.
Die anderen AutorInnen, die ich so kenne, sind ja auch alle schlank. Also muss es ja stimmen.
Wilson deckt den Irrtum schnell auf. „In 15 Minuten schaffen es viele Schriftsteller vielleicht, drei Tassen Tee zu schlürfen, ein paar Zettel von einem Haufen auf den anderen zu legen, die Verkaufszahlen der Konkurrenz auf Amazon auszuchecken, ein bisschen im Arbeitszimmer auf und ab zu gehen, eine halbe Keksschachtel zu verdrücken und sechsmal betrübt zu seufzen – aber auf keinen Fall nehmen sie dabei ab!“
Wäre ja auch zu schön gewesen um wahr zu sein. Oder gibt es da doch noch einen Trick? Dann verratet ihn mir bitte.
Wenigstens wird uns von Petrus nach dem missratenen Sommer ein goldener Herbst beschert, in dem frau sich auch mal mit dem Rad fortbewegen kann. Das ist gut für die Fitness und gleichzeitig kann man seinen Gedanken nachhängen und schon mal Ideen sammeln, damit beim nächsten Schreiben auch die ersten 15 Minuten schon effektiv genutzt werden können – ganz ohne betrübtes Seufzen.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Taschenspielertricks


Wirft man Münzen ins Loch im Stoff
Was nicht bodenlos ist, ich hoff
Hinein ins Warme, so wies gefällt.
Schwupps schon hat man Taschengeld.

Das Selbe klappt mit Messer, Spiegel, Kämmen
Doch dann wird’s in der Hose klemmen.
Nimmt man die Jackentasche zu
Hat man die Hände frei im Nu.

Ein bisschen Zellstoff passt noch rein
Das wird dann wohl ein Taschentuch sein.
Lampe, Buch und Schirm sind über
Wir siedelns in ne andere Tasche rüber.

Und eh man sichs versehen hat
Ist man vom Taschetragen matt.
Die Handtasche ist am klemmen.
Man muss sie mit Arm statt Hand stemmen.

Da sag noch einer – Pardon Klischee
Frauen und ihre Handtaschen, nee, nee, nee!

Montag, 17. Oktober 2011

Das Seufzen der Jugend


Die Frankfurter Buchmesse ist gerade zu Ende gegangen und eben erst wurden auch die Preisträger des deutschen Jugendliteraturpreises 2011 bekanntgegeben.
Zufällig habe ich auch gerade ein mit diesem Preis ausgezeichnetes Jugendbuch gelesen. Tamara Bach erhielt 2004 für „Marsmädchen“ den Preis in der Sparte Jugendbuch.
Das Buch ist ein großes Seufzen. Ein Seufzen, das ich gut kenne. Das Seufzen der Jugend, in der man noch nicht weiß, wohin es einen treiben wird. Man steckt an dem altbekannten Ort fest, alles ist gleich, durchzogen von Sehnsucht und Ungeduld.
So geht es auch der 15-jährigen Miriam, die in einem kleinen Ort irgendwo im Nirgendwo aufwächst. Mit ihren Freundinnen Ines und Suse verbringt sie die Schulpausen heimlich rauchend auf der Toilette. Mit ihrer Mutter scheint sie sich wegen völlig unnützer Dinge in die Haare zu kriegen.
Alles wird anders, als das neue Mädchen in der Klasse ist. Miriam freundet sich mit Laura an. Und auf einmal hat Miriams vage Sehnsucht einen Namen. Nur so richtig verstehen kann sie es zuerst noch nicht. Und dann ist auch ständig dieser andere Junge, Phillip in Lauras Nähe.
Sogar Miriams Bruder Dennis bemerkt die innige Freundschaft zwischen seiner Schwester und Laura. Er stellt sie zur Rede und sagt, er habe gehört, Laura sei anders.
‚Klar ist Laura anders. Laura ist anders als alles, was ich je kennen gelernt habe. Laura ist anders und das ist gut, weil alles hier so gleich ist.’
Laura ist das Mädchen vom Mars, so anders ist sie.
Als ich das Buch gestern in meiner Sonntagabendmelancholie beendet habe, hat es mich sehr angerührt. Es war schwer, danach ein nächstes Buch aus dem Regal auszusuchen. Erst einmal musste ich mich in den Erinnerungen an meine eigene Jugend wälzen. Ich wollte noch nicht, dass das Buch zu Ende ist. Dass mir das so deutlich bewusst wird, passiert selten. Dennoch ist das Ende, genau so wie es ist, richtig. Den Jugendliteraturpreis hat es zurecht erhalten.
Fazit: Lesen! Und zwar am besten so früh wie möglich!
Geeignet für: Jugendliche und alle anderen, die die Jugend im Herzen tragen
Mehr hier.

Samstag, 15. Oktober 2011

Warum ich keine E-Books mag


v     Weil man mit E-Books keine Pflanzen für ein Herbarium pressen kann.
v     Weil ich die Vorstellung bedenklich finde, ein E-Book mit in die Badewanne zu nehmen.
v     Weil man nicht mit einem Bleistift eine Notiz in ein E-Book machen kann. Man kann auch nicht unterschiedlich stark aufdrücken, damit man die Bleistiftspuren wieder wegradieren kann oder sie sich ins Papier einbrennen. Mann kann auch nicht mit anderen Stiften ins E-Book schreiben.
v     Weil man in E-Books keine Eselsohren knicken kann.
v     Weil man E-Books nicht so vorsichtig liest, damit der Buchrücken nicht knickt. Genausowenig kann man bei E-Books den Buchrücken um 360° durchbiegen.
v     Weil E-Books Strom kosten. Und irgendwann ist der Akku alle – bestimmt, wenn es gerade ganz spannend ist.
v     Weil man kein altes E-Book von Oma auf dem Dachboden finden kann.
v     Weil E-Books Raubkopiererei zu einem Kinderspiel machen.
v     Weil man – will man ein E-Book verschenken – gar nichts richtig in der Hand hat.
v     Weil man E-Books nicht ins Regal stellen kann. Ergo kann man bei anderen nicht im Bücherregal herumstöbern. Man kann sie garantiert auch nicht alphabetisch oder nach anderen Kriterien im Regal sortieren und dabei immer wieder herausnehmen und anfassen.
v     Weil E-Books Institutionen wie Bibliotheken überflüssig machen.
v     Weil sie keinen Geruch haben (weder nach Papier noch nach Druckerfarbe noch nach anderen Menschen).
v     Weil man nichts in E-Books ablegen kann. Keine Kassenbons, keine Einkaufslisten, keine Visitenkarten, keine Postkarten, keine Telefonnummern, keine Liebesbriefe.
Okay, eine Sache gibt es da, die ich mögen könnte: haben E-Book-Reader eigentlich ein selbstleuchtendes Display? Freihändig ohne Taschenlampe unter der Bettdecke zu lesen stelle ich mir sehr schön vor. Im Winter, wenn es kalt ist oder wenn man sich vor Spannung und Grusel verkriechen möchte.
Aber bitte, bitte, lasst es nicht aussterben, das Buch aus Papier!

Chocolate for Brunch

[English translation - for the German text click here]

Rain-soaked nature rushes past in front of the window. The paths of the raindrops are directed into a certain way by the airstream. All of them look almost parallel. Sunshine wouldn’t be suitable now anyway. It is the most stupid time to go by train: Sunday morning. What you usually do on a Sunday morning is lie in bed with your flame, until you’re starving and you have to call breakfast brunch. Sunday morning you recover from last night’s party, walk down memory lane. Then you perhaps do the laundry or the dishes. Just no overworking. Sunday morning is a holy time, a lazy time. A time of which I sometimes think it has mesmerised all people or beamed them to another planet. The streets are empty, shops are closed. Everyone breathes deeply and is occupied with oneself and their mundane needs. Only I sit on a train on a Sunday morning. At that time people only go short distances, to be able to sit at Mummy’s lunch table. And to be able to present the new flame to Mummy. I have seen those people who boarded the train with me. Terribly smitten people. Awful. I would prefer any other activity to that of having to go by train on a Sunday morning.
I feel how the heavy vehicle needs a lot of force to brake. Will the paths on the window adopt a new course? I glance at the empty station that comes rolling behind the window. Guben. Another hicktown. I think once I arrive home I’ll go to bed to catch up on the Sunday morning feeling. But I’ll probably feel even worse then. As the train wheezily sets in motion again I push my head into the seat and turn away from that misery. I lift the book that lay in my lap the whole time. Now really.
I read a sentence and I don’t read it and I look up because the swinging door in front of me moves. “Emma, look, just sit right here.” A young mother leads her child along the corridor, holding her by the hand, and shows her the two seats opposite mine.
“Are these free?”
When I look at her our eyes meet. “Yes, sure.” Sure, sit right down, that’ll lift my spirits for sure. She looks breathtaking and for sure she would be perfectly curried if she hadn’t been surprised by the rain. She puts the wet umbrella under the seat and sits diagonally opposite of me. Some water drops roll down her temple, almost like they did at the window, only sexy.
“Just sit down first, you can eat your egg in a minute.” The kid still stands in the corridor and is occupied with unwrapping her chocolate egg from its tin foil. The mother takes it from her hands so that she can sit down before the train wobbles too much. Her daughter doesn’t consider the seating options very long and sits down, not next to her mother, but opposite of her. Right next to me. Of course.
“Come on, open your jacket.” The young woman bends forward to us to fuss about her daughter. She is already in a trance again though because she has recaptured her chocolate egg. I watch her peel it. Her tiny fingers have managed to peel off a piece of the tin foil, approximately the size of a pin head. “Should I?”, asks the mommy and lets her hand her the egg, which she deftly unwraps in one piece. It is snapped off her hands immediately. The kid pleasurably takes a bite.
I’m surprised that this encounter in fact lifts my spirits. For some reason. After all this dramarama with Steffi yesterday I would have expected everything but being amused by a child and being detracted from my inane sorrows. Even the way she consumes the egg is life-enhancing. If I were her I would have tried to find the joint of both parts of the egg and to separate it along this line. Then I would probably have bitten into one of the halves and in between eating I would have opened the little plastic container. But she just bites into the whole of it, even though her teeth touch the plastic in the centre of the egg then.
I have to smile and look away. Maybe one shouldn’t do that. Maybe one shouldn’t stare at strange children like that. I look back to the mother, who probably hasn’t even realised my fascination for her daughter because she herself is magnetised by the act opposite her. She’s wearing a red summer dress in a simple shape with fine orange flower ornaments on it. Knee length. And her legs are crossed and her knees…naked.
I look out of the window as if I was bored. Only yesterday I got lectured on by Steffi. So, switch head off, back to the book! I try to get back into the story when I hear “Chocolate doesn’t make people dirty. Chocolate makes clean.” She proclaimed this in such a deadly serious way that I simply have to laugh. I look over and find her nodding her head towards her mother with her eyebrows raised. Her mummy smiles wisely. “Can you do this?” she demands of her and simultaneously lifts one of her hands into the air and splays her fingers apart. The little girl imitates it immediately and bends forward a little to be able to see her palm. Some children really should be doing stand-up-comedy. “This is not dirty,” she says although even I can see the brown smear at her fingers. She turns her head toward me as if she was looking for someone else to convince of her theory. She’s looking at me expectantly.
“That depends on how you define dirt.” Silly me, at her age she doesn’t know yet what the word define means. I have to try again. “Chocolate is not dirt for you, is it?”
She shakes her head.
“Chocolate doesn’t make people dirty. Chocolate makes clean,” she repeats.
“So you’re using chocolate instead of soap at home?” I dig deeper.
She giggles with a screeching undertone. As much as I love chocolate I believe I can only touch it again in at least a week. That’s mostly Steffi’s fault.
She unaffectedly continues her snack while I try to occupy myself with something else. I feel her gaze that falls on me from time to time. I helplessly look from the window to my book to her mother. Her eyes were waiting for me.
Oh.
Wow.
Is she considering talking to me? She shouldn’t force herself to polite talking! Maybe I should look away again to signal her that. In this moment her gaze goes to her daughter. “Shall I help you?” A real nice warm voice! I just accidentally noticed that now. Oh great. While she’s opening the little plastic container for her daughter I’m thinking of Steffi. I should have taken her report as a warning. But you never think that far in such a moment. It always feels as if you have the biggest and most dramatic fate yourself. At least we could be honest and didn’t have to hide. Finally screaming out loudly: I curse my life as a single woman while everyone around feasts in happy togetherness. I love my Steffi. At last I don’t have that feeling of guilt for not granting someone something. Finally I get a full “Yes!” as an answer and a spit to run riot at the chocolate fondue. Marshmallows, fruits, we lived the life of Riley. We even covered chocolate with chocolate. Until we had the idea to dump the vodka from our glasses into the fondue. That was when we realised that each of us is as poor as the other. I’m just single and Steffi has fallen in love with a straight girl. She’s getting all flustered because of that. Poor wretch!
The mother bent forward and ties the little plastic bracelet, which was inside the chocolate egg, around her daughter’s wrist. She wipes her daughter’s fingers with a paper tissue and she doesn’t even protest. Well she obviously wasn’t too convinced about her chocolate-is-no-dirt-theory herself. When the mother has finished the little one stretches her arm to be able admire her new jewelry. She looks at me. She’s waiting for a reply. “Faaaancy!” She giggles. Did I say something wrong?
Her mother is grinning too. Oh great.
I just smile along and slowly and without ostentation turn to look at the window. We arrive at the station. There we go. Suddenly I flinch.
“From toywonderland came to me,” she squeaks next to me as if there’s no tomorrow. I look at the cause of the sound, scandalised, and I’m laughing again. She’s covering her ears with her hands!
“…A little teddy bear, you see.” If you have your ears covered you can sing really loudly even though you can hear yourself only muffled. A child that likes to experiment.
“And his fur was supersoft…”
Very sweet. I look down at her and hope I have put on a praising gaze. I’m glad she can’t hear me, so I don’t have to say anything.
Suddenly she tears away her hands from her ears. “Could you hear me?”
“Er.” Her mother seems to be enjoying this. “Yes. Actually you were really loud.” She glows happily before I can keep her from it, her hands are back on her ears, blocking them soundproof. “From toywonderland came to me…” I think she is even louder now.
Her mummy is grinning but tilts her head and covers her eyes from the side towards the other passengers. She mouths a soundless “No” in my direction.
“A little teddy bear, you see.” Really, I’m not a heroine but some self protection instinct sets in now. I tap her on the shoulder so that she looks at me. I motion my hands in the direction from my ears. She imitates it. “Maybe you should practise this at home. There are other people here and…maybe they don’t like this so much.”
“Oh my goodness! Imagine she would do that at home. Don’t talk her into such things or I won’t have quietness for days.
I look from mother to daughter and back. “Hm,” I declare. I realise that the little girl is watching me. Maybe I’m lucky and she’ll just forget what she’s just been doing. Well, I don’t know about the stages of development of children. I can’t even guess her age. Three, four, five?
“From toywonderland came to me…” Oh no.
“It is the best way to ignore her. It will become too boring for her then.” She bends a little further into my direction, obviously wants to chat a little. “You’re good with children. Do you have any yourself?”
If I was the queen in Germany, every woman would have to participate in a compulsory seminar to learn to a) recognise lesbians and b) to recognise if a lesbian is into you. One could also do a workshop on how to behave accurately towards the lesbian. Yes, maybe such a seminar should be an alternative to dancing lessons in one’s school career. I realise that her enchanting eyes are waiting for a reply from me. No, the seminar should definitely be obligatory. So much useless painful lovesickness, so many complicated talks could be minimised.
“No, I don’t have any children.”
She looks unpleasantly to her daughter who has still not lost any of her enthusiasm. She puts her hand on the girl’s arm and shakes her head. The girl stops singing and takes her hands from her ears.
“Enough is enough!” Her mother sounds more serious but not angry.
The little one slides to the edge of her seat without a word and starts to swing her legs.
“Yes, Emma can be a little monster sometimes,” she turns to me again. “Still, nothing in the world could substitute her. I can really recommend it to you. Sounds kitschy but children are a blessing.” She looks at me strikingly without appearing too serious. “And you, are you doing a trip?” Goosebumps have developed on her arms which she tries to fight by rubbing.
“I visited someone. Now I’m going back home because my friend’s parents are coming to see her today. So we’re taking turns in visiting.” Where did that come from please? Is that any of her business?
“On Sundays one meets the family. It has been like that for ages and is still valid today.”
“Yes.” Let’s see which self-pitying DVD I could watch later. A really sentimental story would be the right thing for today.
“We’re going until the final destination. You too?”
I nod.
She smiles at me and radiates a frankness I haven’t seen in a long time. She’s really waiting for me to keep small talking with her. But I’m not doing her that favour. I don’t want to ask where she’s going to hear that she’s on the way to her husband. I don’t need to go through that trouble.
She says “Hm” and looks from me to Emma. “I’m wondering…?” She looks at me hesitant and lowers her voice: “Do you think it’s possible to leave you two alone for a few minutes?”
I look to Emma. Did she understand what her mummy just said?
“Er, yes, why not?”
“What’s your name anyway?”
“Verena,” I say promptly without thinking.
“Emma, I’ll just leave you for a minute. Can you stay here with Verena?”
Emma looks at me again and seems to be waiting for something. Her mother is already gone in the direction of the toilet sign. I’m just glad that Emma doesn’t suddenly start to cry. That would be embarrassing.
“Do you want me to sing again?” She grins devilish while her palms hover in front of her ears.
“No!” Now it all depends on me. What do you play with a child? “Do you know rock, paper, scissors?”
“I can sing with mummy Jette then.” She giggles visibly amused.
“Your mum won’t be happy about that. She said she didn’t want you to sing at home. And you don’t want to make her sad.”
“Mummy Jette isn’t my mummy.”
I stare at the little creature in her pink dress next to me as if seeing her for the first time.
“Mummy and mummy Jette don’t like each other that much anymore but we go visit her because I like playing with mummy Jette.”
“Oh, well,…that’s…great,” I stutter. “What do you play with her?”
“We play tag, hide and seek, with my doll or drawing.”
I tried to consider which of these games we could play on the train now. “Hm, how about…shall we look out of the window together? Look how the trees are rushing past!”
“No but mummy brought a book. We can read that.” She’s jumped from her seat and is browsing the content of her mother’s backpack. When she struggles to sit back on her seat, I take the book from her to help. Then I hold it in the middle so that I can read it out to her. Good, it doesn’t even have text! “Look here…” I tap on the picture of something and ask “What is that?” For a moment we both delve into the study of the picture.  
Suddenly she’s right in front of us. Her hair is still damp but her goosebumps are gone. Her smile slides directly to my stomach area. She takes her time to go back to her seat, seems to be enjoying the position of the distant observer.
Emma taps me from the side. “You’re not listening to me, are you?” She sounds deeply outraged.
“Yes, of course I am.”
“Thanks for watching her, Verena.” She sits down, but not on her former spot but right opposite me.
“Anytime.”
She’s crossing her legs and leans against the window. “I’m Carmen by the way.” I’m swallowing my nervousness when I see the expression in her eyes. This is not a game and it has never been one.