Sonntag, 31. Juli 2011

Bin ich käuflich?

Ich habe in letzter Zeit viel zeitgenössische Unterhaltungsliteratur konsumiert. Dabei ist mir etwas Entscheidendes aufgefallen: in zunehmendem Maße werden Produkt- und Firmennamen genannt. Natürlich kann das ein hilfreiches Mittel sein, um die Figuren in den Romanen zu charakterisieren. Es macht einen Unterschied, ob die Protagonistin ein H&M-Top oder ein Versace-Top trägt, ob sie einen Toyota oder einen Porsche fährt. Nun braucht man aber nur noch eine Gehirnwindung weiter zu denken, um zu folgender Überlegung zu kommen: würden sich Firmen für derartiges Product Placement in Literatur dem Autor/der Autorin gegenüber finanziell erkenntlich zeigen? Und wenn ja, wie finde ich das denn?
Vor 20 Jahren war Product Placement in Literatur noch etwas Neuartiges. Bret Easton Ellis zeichnet in seinem Werk American Psycho das Bild eines Mannes, der alles hat und alles konsumiert. Materialismus wurde ein Schlagwort für seinen Roman und wird wohl mehr als kritisch darin betrachtet. Vor 10 Jahren erregte der Fall Fay Weldon Aufmerksamkeit, die mit The Bulgari Connection tatsächlich ein Auftragswerk für den Schmuckhersteller erschuf. Es ist der Präzedenzfall, bei dem die Autorin Geld dafür bekam, den Namen der Firma (angeblich mindestens 12 Mal) zu nennen*. Heute findet man die Produkt- und Firmennamen überall – vor allem aber in junger Unterhaltungsliteratur. Man weiß, was die Figuren essen, womit sie sich kleiden, aber auch welche Musik sie hören, welche Filme und Fernsehprogramme sie sehen.
Und wie finde ich das? Nun, Product Placement in gesundem Maße soll mich nicht stören. Es kann durchaus vorteilhaft sein, um sich mit der jeweiligen Figur zu identifizieren und ein gerechtes Abbild unserer Welt zu sehen, die nun mal von Werbung und Marken bestimmt wird. Ich bezweifle jedoch, dass LeserInnen erpicht darauf wären, vermehrt Werke zu lesen, die eindeutig durch Großkonzerne finanziert wurden. Was würde nämlich passieren, wenn der Fall Fay Weldon nicht die Ausnahme wäre, sondern die Regel würde? Über derartige Romane würde man die Nase rümpfen. Ganz einfach, weil der Autor/die Autorin offenbar nicht talentiert genug ist, um ohne Firmenfinanzierung sein/ihr Buch schreiben oder vermarkten zu können. Diese Romane würde vermutlich kaum jemand ernst nehmen, denn der Marketingaspekt wäre nicht zu verleugnen und wer würde schon Geld dafür ausgeben, einen Roman mit aufdringlich eingeflochtener Werbung zu lesen?
Dennoch meldet sich eine kleine, leise Stimme in meinem Hinterkopf. Ich wüsste nicht, wie ich reagieren würde, wenn ein Konsumriese (von dem ich womöglich noch persönlich überzeugt bin) mir ein entsprechend lukratives Angebot machen würde, wenn ich x Mal den Firmenname im Text erwähnen würde. Womöglich würde es mir jedoch weniger schwer fallen, die Protagonistin auf den Namen einer mich großzügig finanzierenden Mäzenin zu taufen.

*Während sich der Spiegel-Artikel bezüglich der genauen Summe bedeckt hält, findet man anderswo eine fünfstellige Summe britischer Pfund.

Donnerstag, 28. Juli 2011

Schokolade zum Brunch

Die Natur rauscht regennass vor der Fensterscheibe vorbei. Die Bahnen der Regentropfen werden vom Fahrtwind des Zuges in eine bestimmte Richtung gelenkt. Alle sehen fast parallel aus. Sonnenschein hätte jetzt auch nicht gepasst. Es ist der dümmste Zeitpunkt, um mit dem Zug zu fahren: Sonntag Vormittag. Was man Sonntag Vormittag eigentlich macht, ist mit der Flamme im Bett zu liegen, bis man ausgehungert ist und man das Frühstück Brunch nennen muss. Sonntag Vormittag erholt man sich von der Party von der letzten Nacht, schwelgt in Erinnerungen. Dann wäscht man vielleicht Wäsche, oder Geschirr. Bloß nicht überarbeiten. Sonntag Vormittag ist eine heilige Zeit, eine faule Zeit. Eine Zeit, von der ich manchmal denke, dass alle Menschen hypnotisiert sind, oder zu einem anderen Planeten gebeamt wurden. Die Straßen sind leer, die Geschäfte sind zu. Jeder atmet tief durch und beschäftigt sich mit sich und seinen banalen Bedürfnissen. Nur ich sitze Sonntag Vormittag im Zug. Zu der Zeit, in der höchstens einige Leute eine kurze Strecke fahren, um bei Mutti am Mittagstisch sitzen zu können. Und um Mutti die Flamme vorstellen zu können. Ich hab sie doch gesehen, die Leute, die mit mir in den Zug gestiegen sind. Fürchterlich verliebte Gestalten. Schrecklich. Ich würde jede andere Aktivität der vorziehen, Sonntag Vormittag mit dem Zug fahren zu müssen.
Ich spüre, wie das schwere Gefährt beim Bremsen Kraft aufwendet. Ob die Bahnen an der Fensterscheibe einen anderen Kurs einschlagen? Mein Blick fällt auf den fast leeren Bahnsteig, der hinter der Glasscheibe einrollt. Guben. Noch so ein Kaff. Ich glaube, wenn ich Zuhause ankomme, verschwinde ich ins Bett, um das Sonntagvormittaggefühl nachzuholen. Aber wahrscheinlich wird es mir dann nur noch schlechter gehen. Als der Zug sich wieder schnaufend in Bewegung setzt, drücke ich meinen Kopf in die Lehne des Sitzes und wende mich endlich vom Elend ab. Ich hebe das Buch, was die ganze Zeit in meinem Schoß lag. Jetzt aber.
Ich lese einen Satz und lese ihn nicht und schaue auf, weil sich die Schwingtür vor mir bewegt. „Emma, guck mal, setz dich doch gleich hier hin.“ Eine junge Mutti führt ihr Kind an der Hand den Gang entlang und deutet auf die beiden Sitze mir gegenüber. „Ist hier noch frei?“
Als ich sie ansehe, treffen sich unsere Blicke. „Ja, klar.“ Klar, setz dich ruhig, das baut mich bestimmt auf. Sie sieht atemberaubend aus und wirkt perfekt gestriegelt, wäre sie nicht in den Regen gekommen. Sie legt den nassen Schirm unter den Sitz und setzt sich mir schräg gegenüber. Einige Wassertropfen rollen ihre Schläfe hinunter, fast wie an der Scheibe, nur sexy.
„Setz dich erstmal hin, du kannst dein Ei gleich essen.“ Die Kleine steht noch immer im Gang und ist damit beschäftigt, das Schokoei von seinem Stanniolpapier zu befreien. Die Mutter nimmt es ihr aus der Hand, damit sie sich setzt, bevor der Zug zu sehr wackelt. Ihre Tochter bedenkt nicht lange die Sitzoptionen und lässt sich, statt neben ihrer Mutter, ihr gegenüber nieder. Genau neben mir. Natürlich.
„Mach mal deine Jacke auf.“ Die junge Frau beugt sich nach vorn zu uns, um an ihrer Tochter herumzufummeln. Die ist aber schon wieder wie in Trance, da sie sich das Schokoei zurückerobert hat. Ich schaue ihr beim Pellen zu. Ihre winzigen Fingerchen haben gerade ein Stück Stanniol gelöst, in etwa so groß wie ein Stecknadelkopf. „Soll ich?“ fragt die Mama nur und lässt sich das Ei geben, das sie kurz darauf fachfraulich in einem Stück entwickelt. Sofort wird es ihr aus der Hand gerissen. Die Kleine beißt genüsslich hinein.
Ich bin überrascht, dass mich diese Begegnung wirklich aufbaut. Warum auch immer. Nach dem ganzen Dramarama mit Steffi gestern hätte ich mit allem gerechnet, aber nicht, dass mich ein Kind erheitern und von meinen nichtigen Sorgen ablenken würde. Allein die Art, wie sie das Ei konsumiert, ist bereichernd. Ich an ihrer Stelle hätte versucht, die Naht der beiden Schokoladenhälften zu finden und sie dort voneinander zu trennen. Dann hätte ich vielleicht in eine der Hälften hinein gebissen und zwischendrin die kleine Plastikhülse geöffnet. Sie aber beißt einfach in das große Ganze, obwohl dann ihre Zähnchen automatisch auf die Plaste im Inneren stoßen.
Ich muss lächeln und wende meinen Blick ab. Vielleicht macht man das nicht. Vielleicht starrt man fremde Kinder nicht so an. Ich sehe zurück zur Mutter, die wahrscheinlich meine Faszination für ihre Tochter gar nicht bemerkt hat, weil sie selbst komplett von dem Schauspiel ihr gegenüber gebannt ist. Sie trägt ein rotes Sommerkleid, schlicht geschnitten, mit feinen orangefarbenen Blumenornamenten darauf. Knielang. Und die Knie sind übereinandergeschlagen und…nackt.
Ich sehe aus dem Fenster, als wäre mit langweilig. Ich habe mich doch gestern erst von Steffi belehren lassen. Also, Kopf aus, zurück zum Buch. Ich versuche, mich wieder in die Geschichte hineinzufinden, da höre ich „Schokolade macht nicht schmutzig. Schokolade macht sauber.“ Das hat sie so bierernst verkündet, dass ich einfach lachen muss. Ich schaue rüber und sehe sie mit hochgezogenen Augenbrauen ihrer Mama zunicken. Die lächelt weise. „Mach mal so“, fordert sie sie auf und streckt dabei eine ihrer Hände in die Luft und spreizt die Finger ab. Die Kleine macht es ihr sofort nach und beugt sich ein Stück nach vorn, um ihre Handinnenfläche auch sehen zu können. Manche Kinder sollten Stand-up-Comedy machen. „Das ist nicht schmutzig“, sagt sie, obwohl sogar ich die braune Schmiere an ihren Fingern sehen kann. Sie dreht ihren Kopf zu mir um, als suche sie jemand anderen, den sie von ihrer Theorie überzeugen könnte. Sie sieht mich erwartungsvoll an.
„Das hängt davon ab, wie du Schmutz definierst.“ Wie dumm, in ihrem Alter weiß sie doch längst noch nicht, was das Wort definieren bedeutet. Ich muss das noch mal probieren. „Schokolade ist kein Schmutz für dich, oder?“
Sie schüttelt den Kopf.
„Schokolade macht nicht schmutzig, sondern sauber“, wiederholt sie.
„Dann benutzt ihr zu Hause Schokolade anstatt Seife?“, hake ich nach.
Sie kichert mit so einem kreischenden Unterton. So sehr ich Schokolade auch mag, aber ich glaube, ich kann sie erst in frühestens einer Woche wieder anrühren. Daran ist aber hauptsächlich Steffi Schuld.  
Ungerührt setzt sie ihre Zwischenmahlzeit fort, während ich versuche, mich unbeteiligt mit irgendetwas anderem zu beschäftigen. Ich spüre ihren Blick, der ab und an auf mich fällt. Hilflos schaue ich vom Fenster zu meinem Buch zu ihrer Mutter. Ihre Augen haben auf mich gewartet.
Oh.
Wow.
Denkt sie darüber nach, etwas zu mir zu sagen? Sie muss sich aber nicht zu Höflichkeitsgeplänkel zwingen! Vielleicht sollte ich mal wieder wegschauen, um ihr das zu signalisieren. In dem Moment wandert ihr Blick zu ihrer Tochter. „Soll ich dir helfen?“ Eine wirklich schöne warme Stimme! Das habe ich so rein zufällig gerade bemerkt. Na wunderbar. Während sie der Kleinen die Plastikhülle öffnet, muss ich an Steffi denken. Ich hätte ihre Berichterstattung als Warnung nehmen sollen. Aber soweit denkt man ja in dem Moment nicht. Es fühlt sich immer so an, als ob man selbst das größte und dramatischste Schicksal hat. Wenigstens konnten wir ehrlich zueinander sein und mussten uns nicht verstecken. Endlich mal laut herausbrüllen: Ich verfluche mein Singledasein, während alle um mich herum seit Jahren in trauter Zweisamkeit schwelgen. Ich liebe meine Steffi. Endlich habe ich überhaupt keine Schuldgefühle, dass ich irgendjemandem irgendetwas nicht gönne. Endlich bekomme ich als Antwort ein „Jawoll!“ und einen Spieß, um mich endlich am Schokoladenfondue austoben zu können. Marshmallows, Früchte, wir haben gelebt wie die Götter. Wir haben sogar Schokoladen mit Schokolade überzogen. Bis wir auf die Idee kamen, den Wodka aus unseren Gläsern in den Fondue zu kippen. Das war, als wir festgestellt hatten, dass wir beide gleich arm dran sind. Ich bin einfach nur Single und Steffi hat sich in eine Hete verknallt. Das macht sie ganz wuschig. Arme Sau.
Die Mutti hat sich vornüber gebeugt und macht ihrer Tochter das kleine Plastikarmband um, das in dem Ei gesteckt hat. Mit einem Papiertaschentuch wischt sie an ihren Fingern herum und die Kleine protestiert gar nicht. Na so überzeugt war sie wohl von ihrer Schokolade-ist-kein-Schmutz-Theorie dann selbst nicht. Als die Mama fertig ist, reckt die Kleine ihren Arm, um ihr neues Schmuckstück bewundern zu können. Ihr Blick wandert zu mir. Sie wartet auf eine Antwort. „Schiiiick!“
Dann kichert sie. Hab ich was Falsches gesagt?
Auch ihre Mutti grinst. Na toll.
Ich lächel einfach mal mit und wende meinen Blick ganz langsam und unauffällig wieder dem Fenster zu. Wir fahren wieder in einen Bahnhof ein. Na, wer sagt’s denn. Plötzlich zucke ich zusammen.
„Kam ein kleiner Teddybär…“, quietscht sie neben mir, als gäbe es kein Morgen. Schockiert schaue ich mir die Verursacherin an und muss selbst wieder lachen. Sie hält sich die Ohren zu!
„…aus dem Spielzeuglande her.“ Wenn man sich die Ohren zuhält, kann man wirklich sehr laut singen, obwohl man sich selbst nur dumpf hört. Ein experimentierfreudiges Kind.
„Und sein Fell war wuschelweich…“
Sehr süß. Ich schaue zu ihr hinunter und hoffe, dass ich einen lobenden Blick aufsetzen konnte. Gut, dass sie mich nicht hört, denn dann muss ich auch nichts sagen.
Sie reißt schlagartig die Hände von ihren Ohren. „Konntest du mich hören?“
„Äh.“ Ihre Mutter scheint sich köstlich zu amüsieren. „Ja, du warst sogar sehr laut.“
Sie strahlt zufrieden und bevor ich sie davon abhalten kann, befinden sich ihre Hände wieder auf ihren Ohren und versiegeln sie schalldicht. „Kam ein kleiner Teddybär…“ Ich glaube, jetzt ist sie sogar noch lauter als vorher.
Ihre Mama grinst zwar, senkt aber ihren Kopf und schirmt die Augen mit einer Hand seitlich zu den anderen Fahrgästen hin ab. Mit ihrem Mund formt sie ein lautloses „Nein“ in meine Richtung.
„Aus dem Spielzeuglande her.“ Ich bin wirklich keine Heldin, aber ein gewisser Selbstschutzinstinkt schaltet sich gerade ein. Ich tipp ihr auf die Schulter, damit sie mich ansieht. Dann mache ich mit meinen Händen eine Bewegung von den Ohren weg. Sie macht es mir nach. „Vielleicht solltest du das lieber Zuhause üben. Hier sind ja noch andere Leute und …vielleicht gefällt denen das nicht so.“
„Um Gottes Willen! Stellen Sie sich mal vor, sie würde das Zuhause machen. Reden Sie ihr so was nicht ein, sonst habe ich tagelang keine Ruhe mehr.“
Ich schaue zwischen Mutter und Tochter hin und her. „Hm“, stelle ich fest. Ich merke, wie die Kleine mich beobachtet. Vielleicht habe ich Glück und sie würde einfach vergessen, was sie eben gemacht hat. Ich weiß ja nicht, wie die Entwicklungsschritte bei Kindern so sind. Ich kann ja noch nicht mal ihr Alter abschätzen. Drei, vier, fünf?
„Kam ein kleiner Teddybär…“ Oh nein.
„Am besten wir ignorieren sie einfach. Dann wird ihr das sowieso gleich zu langweilig.“ Sie beugt sich noch ein bisschen weiter in meine Richtung, will offenbar ein bisschen plaudern. „Sie können gute mit Kindern. Haben Sie selbst auch welche?“
Wenn ich Königin von Deutschland wäre, müsste jede Frau mindestens einmal in ihrem Leben verpflichtend an einem Seminar teilnehmen, in dem sie lernt, woran man a) eine Lesbe erkennt und b) woran man erkennt, dass die Lesbe auf sie steht. Man könnte dann auch noch workshopartig über das richtige Verhalten gegenüber der Lesbe sprechen. Ja, vielleicht sollte es so ein Seminar zum Beispiel als Alternative zur Tanzstunde in der Schullaufbahn geben. Ich sehe, wie ihre entzückenden Augen auf eine Antwort von mir warten. Nein, das Seminar müsste auf jeden Fall obligatorisch sein. So viele sinnlos schmerzvolle Verliebtheiten, so viele komplizierte Gespräche könnten dadurch minimiert werden.
„Nein, ich habe noch keine Kinder.“
Sie schaut unangenehm zu ihrer Tochter, die noch immer wenig von ihrer Begeisterung verloren hat. Sie legt eine Hand auf den Arm des Mädchens und schüttelt den Kopf. Sie hört auf zu singen und entfernt die Hände von den Ohren. „Jetzt ist aber mal Schluss.“ Ihre Mama klingt ernster, aber nicht böse.
Die Kleine rutscht kommentarlos an den Rand ihres Sitzes und beginnt, mit den Beinen zu schaukeln.
„Ja, Emma kann wirklich manchmal ein Monsterchen sein“, wendet sie sich mir wieder zu. „Trotzdem kann sie nichts in der Welt ersetzen. Ich kann es ihnen wirklich empfehlen. Klingt kitschig, aber Kinder sind ein Segen.“ Sie sieht mich eindringlich an, ohne dabei allzu ernst auszusehen. „Und Sie, machen Sie einen Ausflug?“ Eine Gänsehaut hat sich auf ihren Armen gebildet, die sie mit Reiben zu bekämpfen versucht.
„Ich habe jemanden besucht. Jetzt fahre ich zurück nach Hause, weil die Eltern von der Freundin heute bei ihr auf der Matte stehen. Sie sind quasi der Ablösebesuch“ Wo kam das bitte her? Geht sie das irgendetwas an?
„Sonntags macht man eben was mit der Familie, nicht war? Das war schon vor Jahrzehnten so und das ist heute immer noch so.“
„Ja.“ Mal überlegen, welche selbstbemitleidende DVD ich nachher gucken könnte. Ein richtig trauriger Herzschmerz wäre jetzt passend.
„Wir fahren bis zur Endstation. Sie auch?“
Ich nicke.
Sie lächelt mich an und strahlt dabei eine Offenheit aus, der ich schon lange nicht mehr begegnet bin. Sie wartet wirklich darauf, dass ich weiter mit ihr smalltalke. Aber den Gefallen tue ich ihr nicht. Ich will nicht fragen, wohin sie fährt und dann hören, dass sie auf dem Weg zu ihrem Mann ist. Nein, das muss ich mir doch wirklich nicht antun.
„Hm“, macht sie und sieht von mir zu Emma. „Sagen Sie mal…?“ Sie sieht mich zögerlich an und senkt ein wenig die Stimme: „Meinen Sie, das geht, dass ich sie mal drei Minuten allein lasse?“
Ich schaue zu Emma. Hat sie verstanden, was ihre Mama gesagt hat?
„Äh, ja, wieso nicht?“
„Wie heißen Sie eigentlich?“
„Verena“, sage ich prompt ohne darüber nachzudenken.
„Emma, ich geh mal ganz kurz weg. Bleibst du so lange bei Verena?“
Emma schaut wieder zu mir und scheint auf irgendwas zu warten. Da ist ihre Mutter schon in Richtung des nächsten WC-Schildes verschwunden. Bloß gut, dass Emma nicht schlagartig anfängt zu heulen. Das wäre wirklich peinlich.
„Soll ich noch mal singen?“ Sie grinst teuflisch, während ihre Handflächen vor ihren Ohren schweben.
„Nein!“ Jetzt kommt’s drauf an. Was spielt man denn mal mit so einem Kind? „Kennst du Schnick, Schnack, Schnuck?“
„Ich kann ja bei Mama Jette singen.“ Sie kichert sichtlich amüsiert.
„Da freut sich doch aber deine Mama nicht. Du willst sie doch nicht traurig machen.“
„Mama Jette ist doch nicht meine Mama.“
Ich starre dieses kleine Wesen im rosa Kleidchen neben mir an, als würde ich es zum ersten Mal sehen.
„Mama und Mama Jette haben sich nicht mehr so lieb, aber wir fahren sie manchmal besuchen, weil ich immer so gern mit Mama Jette spiele.“
„Ach,… das ist ja … toll“, stottere ich daher. „Was spielt ihr denn so?“
„Fange, Verstecke, mit meiner Puppe oder Malen.“
Ich überlege schnell, was davon wir jetzt im Zug gebrauchen könnten. „Hm, wie wär’s, wollen wir zusammen ein bisschen aus dem Fenster schauen? Guck mal, wie die Bäume da vorbeirauschen.“
„Nee, aber Mama hat ein Buch mit. Das können wir uns angucken.“ Sie ist von ihrem Sitz aufgestanden und durchstöbert den Inhalt von Mamas Rucksack. Als sie sich zurück auf den Stuhl kämpfen will, nehme ich ihr das Buch ab. Dann halte ich es in unsere Mitte, damit ich vorlesen kann. Gut, dass es gar keinen Text hat. „Hey, guck mal hier…“ Ich tippe auf irgendwas und frage „Was ist denn das?“ Für einen Moment vertiefen wir uns beide in unseren Bildbetrachtungen.
Plötzlich steht sie da. Ihre Haare sind immer noch feucht, aber ihre Gänsehaut ist verschwunden. Ihr Lächeln rutscht mir direkt in die Magengegend. Sie lässt sich Zeit, zurück an ihren Platz zu gehen, scheint die entfernte Beobachtungsposition zu mögen.
Emma tippt mich von der Seite an. „Du hörst mir gar nicht zu, oder?“, fragt sie zutiefst empört.
„Doch, doch, natürlich.“
„Danke fürs Aufpassen, Verena.“ Sie setzt sich nicht auf den Platz, auf dem sie vorher saß, sondern mir gegenüber.
„Gern wieder.“
Sie schlägt die Beine übereinander und lehnt sich an der Glasscheibe an.  „Ich bin übrigens Carmen.“ Ich muss meine Nervosität herunterschlucken, als ich den Ausdruck in ihren Augen sehe. Es ist gar kein Spiel und es war nie eins.

Mittwoch, 27. Juli 2011

Noch Fragen!

Als ich noch zur Schule ging, muss ich irgendwann mal beim Zappen bei ihm hängen geblieben sein: Ranga Yogeshwar bei „Quarks und Co“. Ich war hingerissen von seinem Enthusiasmus und seinen leicht verständlichen Erklärungen, die sofort Spaß machten. Das Faszinierende war: er konnte mir wirklich jedes Thema schmackhaft machen, obwohl ich doch gar nicht sonderlich viel für Naturwissenschaften übrig hatte und habe. Die Sendung begleitete mich eine Weile während meiner Schulzeit, bis ich sie irgendwann aus den Augen verlor, weil wohl irgendetwas wichtiger war. Unvergessen blieb mir jedoch der Moderator und so gab es auch keinen Weg an seinem Buch vorbei! Ich hätte keine bessere Entscheidung treffen können!

Quelle: kiwi-verlag.de
 Aber zuvor ein paar Worte zum ‚Kleingedruckten’: Der volle Titel seines Buchs ist „Sonst noch Fragen? Warum Frauen kalte Füße haben und andere Rätsel des Alltags“. Als ich das Buch halb durch hatte, sinnierte ich noch einmal über den Untertitel und ärgerte mich ein bisschen: eine Marketingmasche! Es gibt so viele spannende Themen, über die Ranga Yogeshwar Auskunft gibt. Müssen es ausgerechnet die kalten Frauenfüße sein, um mal wieder auf ‚den kleinen Unterschied’ hinzuweisen? Sind die Medien nicht schon überschwemmt mit solchen Weisheiten? Manchmal finde ich solche Erkenntnisse ja auch recht unterhaltsam, aber an dieser Stelle sieht es aus, als wolle der Verlag auf einen Zug aufspringen. Ein simpler Gegenvorschlag von mir wäre „108 Rätsel des Alltags“. Das sind viele Antworten für wenig Geld und man kann sich schon mal wundern, wieso es genau 108 sind.
Diese kleine Nebensächlichkeit konnte meinen Lesegenuss jedoch nicht trüben. Jedes Kapitelchen beginnt mit einer Hinführung zur Fragestellung. Meist ist das eine Alltagsbeobachtung, ab und an auch eine biografische Anekdote des Autors. Dann folgte die wissenschaftliche Erklärung – auf die Gesetze der Naturwissenschaft ist nämlich immer Verlass. Besonders spannend fand ich jedoch ausgerechnet die Stellen, an denen aufgezeigt wurde, dass es noch immer ungelöste Rätsel in unserer Welt gibt. Wir können im Weltall herumreisen, wissen aber nicht, wieso manche Menschen niesen müssen, wenn sie ins Licht schauen. Fast jedes Mal schaffte Ranga Yogeshwar es, mir mit dem Abschluss des Kapitels, der ihn zurück zu seiner Alltagsbeobachtung brachte, ein Lachen herauszukitzeln. Die Texte sind nicht nur auf intelligente Weise, sondern auch ungemein unterhaltsam und erheiternd, geschrieben.
Entgegen der irreführenden Vermutung, dass es um Geschlechtermacken gehen könnte, ist die Themenvielfalt enorm. Zutiefst erstaunt war ich, als ich erfuhr, dass Literatur (und andere Künste) mal eine olympische Disziplin war. Aus gegebenem Anlass ist auch das Kapitel „Woher stammt der Begriff ‚Blog’?“ zu empfehlen. Hervorheben möchte ich auch die liebevollen Zeichnungen des Autors, mit denen er einige Sachverhalte visualisierend darstellt (manchmal aber auch einfach nur die Stimmung einfängt und untermalt). An einigen Stellen habe ich abgeschaltet, die Erklärung war vielleicht zu grobschrittig. Aber das ist gar kein Problem. Es geht meines Erachtens nicht darum, nach der Lektüre alle physikalischen Gesetze, von denen man hier gelesen hat, herunterbeten zu können. Vielmehr scheint mir die Hauptbotschaft des Autors zu sein, auf die Neugierde im Bauch zu hören. Manche Fragen mögen auf den ersten Blick trivial erscheinen, aber dennoch lohnt es sich, ihnen nachzugehen. Daher kann es auf die Frage im Titel des Buches auch nur eine Antwort geben. „Ja, noch Fragen!“ Ich bin gespannt auf den Nachfolger "Ach so!".
Alles in allem möchte ich dieses Buch allen empfehlen, die eine gewisse Neugierde mitbringen oder sich schnell von Fragestellungen begeistern lassen. Ob Natur- oder Geisteswissenschaftler, ist egal, denn hier ist für jeden etwas dabei und es lohnt, über den Tellerrand hinauszuschauen. Es ist mit Sicherheit ein super Geschenkbuch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man damit etwas falsch machen könnte. Den Effekt, den das Buch auf mich ausübte, kann man an meinem kleinen Experiment nachvollziehen. Die einzige Einschränkung in der potentiellen Leserschaft wären eventuell gewissenhafte Anhänger von Ranga Yogeshwars Fernsehkarriere, denn häufig werden in „Sonst noch Fragen?“ Experimente erwähnt, die er im Rahmen von „Quarks und Co“ oder anderen Wissenschaftssendungen durchführen konnte. Die Ergebnisse dürfte der geneigte Leser dann also bereits kennen.
Ich bin gespannt, ob es noch einen dritten Band geben wird. Ich glaube, die Fragen können einem gar nicht ausgehen und wenn doch irgendwann schon mal alles geklärt worden sein sollte, haben wir uns längst technisch so weit entwickelt, dass neue Fragen auftauchen. Ich bin davon überzeugt: Es wird immer Fragen geben.
Mehr hier oder hier.

Dienstag, 26. Juli 2011

Das Ergebnis: Werden Teeträume wahr?

Wer sich fragt, was das hier ist, kann an dieser Stelle noch einmal nachlesen, worum es ging.
Ich bin erstaunt. Man sieht deutliche Farbunterschiede. Ich hatte mich für Grüner Tee Vanille-Sahne entschieden. Beim ersten Kontakt des Wassers mit den Teebeuteln ist mir aufgefallen, dass sich beim heißen Wasser sofort die Farbe ausgebreitet hat, während beim kalten Wasser überhaupt keine Veränderung zu sehen war. Links sieht man den gebrühten Tee, rechts die hellere Farbvariante des Kaltaufgusses. Auffällig ist auch, dass sich beim Heißaufguss kleine Partikel gelöst haben, die von einer feinen Schicht auf der Wasseroberfläche stammen. Das sind diese Rückstände, die ich besonders von Grün- und Schwarztee kenne, die sich später so schwer vom Geschirr lösen lassen.


Nun zur eigentlichen Qualität des Tees. Ganz professionell habe ich zuerst den Geruch verglichen und kam zu dem Schluss, dass die Brühvariante etwas intensiver riecht!
Was den Geschmack angeht: Ich habe ziemlich lange hin und her probieren müssen. Es war nicht leicht. Letztlich bin ich aber darauf gekommen, dass die Brühvariante einen leicht bitteren Nachgeschmack hat. Das könnte mit oben genannten Rückständen zu tun haben, die augenscheinliche Besonderheit von Grün- und Schwarztee. Demnach müsste ich das Experiment irgendwann mal mit anderen Teesorten wiederholen. Mein Fazit bei diesem Fall ist jedoch: der Kaltaufguss ist eindeutig zu empfehlen, weil keine Bitterstoffe freigesetzt werden, die sich dann auch noch lästig am Geschirr absetzen. Der Geschmack ist kaum zu unterscheiden, höchstens ein wenig milder, weniger bitter, aber keineswegs minderwertiger. Ab sofort kann ich mir also die Energie des Wasserkochers und das Schrubben des Geschirrs sparen! :-)

Montag, 25. Juli 2011

Werden Teeträume wahr?

Ich weiß nicht genau, was mich plötzlich genauer über Tee hat nachdenken lassen. Vielleicht war es der Einfluss von Ranga Yogeshwars „Sonst noch Fragen?“, dessen ungebändigte Neugierde und Experimentierfreudigkeit ein wenig auf mich abgefärbt hat. Ich mag Tee. Er ist kalorienarm und ist endlos variantenreich. Man kann ihn warm, aber auch kalt genießen. Genau hier liegt der Dreh- und Angelpunkt meiner folgenden Untersuchungen. Die Frage ist nämlich: wenn ich ohnehin vorhabe, den Tee in seiner ausgekühlten Form zu trinken (es ist schließlich Sommer), muss ich dann das Wasser überhaupt ganz und gar zum Kochen bringen? Reicht es vielleicht auch, den Teebeutel ins kalte Wasser zu werfen oder entfalten sich so nicht alle Farb- und Geschmacksstoffe? Das würde Energie und Zeit sparen. Sofort nachdem ich mir diese Frage gestellt hatte, fiel mir ein Experiment ein, das ich in der Schule zu eben dieser Frage durchführen musste. Wir haben genau das gemacht: einen Teebeutel in ein Becherglas mit kaltem Wasser gehängt. Und siehe da: das Wasser färbte sich (wir sollten natürlich explizit Früchtetee mitbringen, der besonders viele Farbstoffe enthält). Das Thema muss Wasserlöslichkeit oder dergleichen gewesen sein (Chemieexperten dürfen mich an dieser Stelle gern aufklären). Nun hat mich die Lektüre von „Sonst noch Fragen?“ auch zu einer gesunden Skepsis angehalten, denn oftmals werden naturwissenschaftliche Sachverhalte in der Schule vereinfachend oder beschönigend dargestellt. Damals im Chemieunterricht haben wir tatsächlich nur die Farbentfaltung im Tee begutachtet. Heute denke ich, dass Farbe ja längst nicht das Gleiche wie Geschmack ist. Daher möchte ich den Versuch noch einmal unter leicht veränderter Anordnung nachstellen.
Versuchsaufbau: Ich werde ca. 1 Liter Wasser aufkochen und Tee damit aufgießen. Zum Vergleich werde ich die selbe Menge und das gleiche Fabrikat des Tees in ca. 1 Liter kaltes Wasser geben. Beides lasse ich etwa so lange ziehen, bis der aufgekochte Tee erkaltet ist. Dann folgt der Farb- und Geschmacksvergleich. Ich bin gespannt, ob das Wissen aus der Schule wirklich richtig war.

Sonntag, 24. Juli 2011

verlegen

Ich steh früh auf und merk sofort,
Der Schmerz im Rücken geht nicht fort.
Rechts gleich dort am Schulterblatt.
Nach zehn Minuten hab ichs schon satt.

Die Kenntnis ist: ich habe mich verlegen.
Jetzt muss ich meine Muskeln pflegen.
Am liebsten wär mir ne Masseuse
Mit ner supermegagroßen

Flasche mit Massageöl, deswegen
Wäre ich wohl sehr verlegen
Ob der Berührung einer Frau,
Das weiß ich sehr genau.

Und so muss ich einsehen,
Der Schmerz muss von allein vergehen.
Doch frag ich ganz verwegen,
Wer mag dies Gedicht verlegen?


Freitag, 22. Juli 2011

Es gibt keine Zufälle

Als Antje Wagers „Der gläserne Traum“ erschien, hatte ich nicht die leiseste Ahnung davon, dass es mal so viel mit mir selbst zu tun haben würde. Ich habe das Buch erst 12 Jahre später gelesen, aber das konnte dem Lesegenuss nichts anhaben. Der Text ist zeitlos und regt zum Nachdenken an. Ich bin sicher, das wird sich auch in den nächsten 12 Jahren nicht ändern. 
Quelle: querverlag.de
Es geht um Chris und Clarissa, die die Leserin ein knappes Jahr begleitet, während ihre Gedanken immer wieder um die jeweils andere kreisen. Sie sind schon eine ganze Weile voneinander getrennt, aber kommen gedanklich einfach nicht voneinander los. Ihre Gegensätzlichkeiten scheinen sich anzuziehen, könnten sich ergänzen, aber auch zu Reibung führen. Härte trifft auf Weichheit, Wärme auf Kühle, Sinnlichkeit auf Distanz. Immer wieder fragt man sich als Leserin: Passen die beiden zusammen, gehören sie zusammen? Im Verlauf des Romans wird klar: es geht gar nicht ums Zusammenpassen. Und wenn, so kann dies immer nur eine Momentaufnahme sein. Rein zufällig ist die Verbundenheit der beiden Frauen allerdings auch nicht, so viel ist klar. „Es gibt keine Zufälle. Zufälle sind das, was einem zufällt.“
Wir begleiten die beiden durch die Jahreszeiten und ihre damit verbundenen Gefühle und Erinnerungen. Ihre Geschichte beginnt im Winter. Ich weiß gar nicht, ob die Lektüre empfehlenswerter ist, wenn man gerade gut gelaunt ist oder ohnehin schon deprimiert ist. Fakt ist, mich hat der Anfang ziemlich runtergezogen. Die Figuren erschienen mir so fern und hoffnungslos. Die Geschichte plätschert vor sich hin. Ich bin froh, dass ich mich trotzdem durchgebissen habe, denn je mehr man Chris und Clarissa kennen lernt, desto mehr Spaß hat man beim Lesen. Obwohl sie sich nie wirklich aussprechen, weicht die Hoffnungslosigkeit und Anspannung.
Im Laufe der Monate begegnen ihnen andere Frauen. Es sind geradezu mysteriöse Figuren, die ihre beiden Leben auf magische Weise miteinander verbinden. Es scheint, als ob jede neue romantische oder erotische Begegnung frühere Verbindungen in Erinnerung ruft.
Antje Wagners Sprache ist einzigartig, geht unter die Haut. Einige sprachliche Bilder, Szenen und Gedankengänge werde ich wohl nicht so schnell vergessen können.
Wenn ich an den Moment denke, als ich das Buch gekauft habe, könnte ich wirklich abergläubisch werden. Es hat geradezu auf mich gewartet. Es gibt eben keine Zufälle.

Mehr dazu hier oder hier.

Mittwoch, 20. Juli 2011

Gedächtnisverlust

Worüber wollte ich gerade noch mal bloggen? Vielleicht sollte ich schnell bei Google nachgucken? Ach, richtig: Googeln macht vergesslich! Ich bin schockiert! Was tue ich meinen grauen Zellen da tagtäglich an? Sobald das Gehirn nämlich weiß, dass Wissen an einer bestimmten Stelle gespeichert ist und immer wieder abgerufen werden kann, macht es sich nicht mehr die Mühe, die Information selbst abzuspeichern. Das haben amerikanische Psychologen durch Tests herausgefunden. Logisch klingt es allemal. Nur wo soll das hinführen? Baut unser Gedächtnis nicht kontinuierlich ab? Und das, obwohl wir mit einem kleinen Trick in der Lage sind, innerhalb von Sekunden jede von Jauchs Fragen zu beantworten.
Wer kennt das nicht? Dieses Gefühl, etwas eigentlich zu wissen, nur gerade nicht darauf zu kommen? Das fühlt sich oftmals so lästig an, dass ich in diesen Situationen geradezu aus der Haut fahren könnte. Da ist eine gescheite Suchmaschine oft Balsam für das gequälte Köpfchen. Wie schön ist es doch, wenn man sich befriedigt seufzend zurücklehnen kann, da man wieder ein Rätsel des Alltags gelöst hat. Endlich weiß man auch das Sternzeichen der Schauspielerin, die in der Lieblingsserie in einer Nebenrolle mal einen Satz gesagt hat (den Satz weiß man natürlich auch). Vielleicht übertreibt man es manchmal aber auch? Nicht jede Information, die mich in der einen Minute brennend interessiert, ist so wichtig, dass sich ohne sie die Welt nicht trotzdem weiterdrehen würde. Den Stress macht man sich letztlich häufig selbst. Da werden Suchmaschinen im stillen Kämmerlein schon mal zu Suchtmaschinen, die Abende lang ihre Anwender bei Laune halten.
Obwohl das Vergessen von (online) abgelegten Informationen ein ganz normaler Prozess und durchaus plausibel ist, bin ich ein klein wenig besorgt. Ich entlaste doch mein Gedächtnis auch ohne die Hilfe des Internets schon. Fast täglich schmiere ich Notizzettel voll: Einkaufslisten, to-do-Listen, Fragestellungen, Ideen, Termine… Man könnte argumentieren, dass ich das doch ganz einfach unterlassen könnte und so automatisch mein Gedächtnis schulen würde. Man stelle sich das einmal bildlich vor: Ich lese gerade ein Buch, möchte mich entspannen, in der Fantasiewelt versinken – da fällt mir ein, dass das Klopapier so gut wie alle ist. Also weiß mein Gedächtnis, dass ich selbiges am nächsten Tag, gleich als erstes morgens, kaufen muss. Wenn ich mir das in dieser Situation nicht aufschreibe, war es das mit dem entspannten Leseabend. Statt mit Konjunktionen werden die Sätze, die mein Gehirn liest, mit dem Wort Klopapier verbunden sein. Das kann so eine Fantasiewelt schon ziemlich durcheinanderbringen.
Also muss ich in den sauren Apfel beißen und den Gedächtnisverlust hinnehmen, weil ich mein Wissen andernorts abgelegt weiß, auf Notizzetteln oder Wikipedia. Ich rauche nicht und verspüre auch sonst keine nennenswerten Abhängigkeiten, aber Laster stehen jedem zu: meines sind die Suchtmaschinen. Und beängstigend sollte das wirklich nicht sein; es ist schließlich nichts, was man nicht mit ein bisschen Gehirnjogging wieder in den Griff bekommen könnte.


Dienstag, 19. Juli 2011

Sally Bates' Entdeckung

Sally Bates hatte 236 Katzen, Hunde und andere Haustiere bestattet. Heute jedoch war etwas anders. Das Begräbnis war eines der kleineren, unbedeutenderen. Normalerweise weinten die Menschen und es war üblich, einige Familienmitglieder und Freunde einzuladen. Einige Kunden würden sogar eine ganze Zeremonie planen, obwohl diese dennoch unvergleichbar mit der Beerdigung eines Menschen war. Die Kunden würden ihr Angebot annehmen, religiöse oder literarische Zitate zu verlesen, ein bestimmtes Lied zu spielen oder einige persönliche Wort zu sagen. Einige würden sogar eine Handvoll Sand in das winzige Loch in der Erde werfen. Sally hatte so oft gehört, dass solch eine Zeremonie den Besitzern des Haustieres half, sich von ihrem Liebling zu verabschieden. So oft hatte sie erleichterte Gesichter gesehen, wenn sie ihr für ihre Arbeit dankten.
Dieses Mal war es anders. Da war nur diese eine Frau, die alle Besonderheiten abgelehnt hatte. Sie hatte tatsächlich nur gewünscht, dass Sally ein Loch in die Erde grub. Sally fragte sich, weshalb die Dame sie überhaupt engagiert hatte. Sie hätte ihre Katze im Garten begraben können. Sie sah nicht aus wie jemand, der es abstoßend fand, ein totes Tier anfassen zu müssen. Ihre trostlosen Augen beobachteten Sally, während sie die Kiste in das vorbereitete Loch hob.
Die Frau wollte ihr dabei zusehen, wie sie die Stelle mit Erde bedeckte, bis sie wieder eben war. Als ob sie sicher gehen wollte.
Als Sally Bates fertig war, trat sie einen Schritt zurück, um das kleine Plastikschild zu holen, das sie vor dem Grab in die Erde steckte. Darauf stand
Anastacia
24. Mai 2011
Möge der Herr uns im ewigen Himmelreich wieder vereinen.
Der zusätzliche Schriftzug war der einzige Beweis, den Sally Bates hatte, dass der Dame diese Kreatur tatsächlich am Herzen lag.
„Sie dürfen so lange bleiben wie Sie möchten und Sie können diesen Ort wann immer Sie wollen besuchen, so oft Sie mögen“, rezitierte Sally automatisch.
Als sie von den psychotischen Augen, die durch sie hindurch starrten, keine Antwort erhielt, deutete Sally ein Nicken an und entfernte sich so leise und respektvoll wie sie konnte. Sie ging zu dem kleinen Häuschen, das sie als Büro und für überdachte Zeremonien benutzte.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und sah aus dem Fenster, um zu überprüfen, ob sie die Dame von dort aus beobachten konnte. Ihre Konturen waren sichtbar, wenn Sally sich an ihrem Schreibtisch nach vorn beugte. Malerisch hing der dunkle Mantel der Frau in strengen geraden Linien an ihrem Körper, der an dieser Stelle mit der Erde verwurzelt war. Wenn der Wind nicht die Baumwipfel bewegt hätte, hätte Sally dieses Bild für ein Standbild halten können. Sie lehnte sich zurück und verlor die Frau aus dem Blick. Sally nahm einen dünnen Hefter aus einem der Ablagekörbe. Er enthielt Notizen zu Anastacias Bestattung. Normalerweise würde Sally diesen Moment nutzen, um die Rechnung zu schreiben, aber sie konnte sich nur schwer konzentrieren. Ihre Aufzeichnungen für den Wortlaut, der auf der kleinen Gedenktafel stand, erweckte Erinnerungen an ihr erstes Treffen.
„Wissen Sie ihren Geburtstag?“, hatte Sally in ihrer sanften, professionallen Stimme gefragt, nachdem sie ihr Sterbedatum notiert hatte.
„Warum?“
„Oh, die meisten geben diese Information mit an. Aber das müssen Sie natürlich nicht.
Die Dame hatte leicht ihren Kopf geschüttelt. Dann hatte sie einen ihrer Arme unter ihrer Brust verschränkt, während sie den anderen auf eine geradezu zärtliche Weise auf ihren Busen legte. Nur ihr Daumen hatte auf ihren Kurven gezittert, die für ihre Figur ein wenig zu groß zu sein schienen. Es war in diesem Moment, dass sie etwas Ungewöhnliches verlangte.
Ein Klopfen an der Tür durchbrach Sallys Gedanken. Tom lugte in den Raum und trat ein, sobald er sicher war, dass keine Kunden drin waren. „Hi, Schatz.“ Er begrüßte Sally mit einem Kuss. „Ist alles okay?“
„Ja, sicher! Hast du schon Feierabend?“
„Sozusagen. Heute war nicht wirklich viel los.“ Ihr Verlobter war Journalist. Er hatte Sally stark dazu ermutigt, dieses einzigartige Geschäftskonzept umzusetzen, als sie das College mit einem Abschluss in Betriebswirtschaftslehre verließ. Ihre Sondierung des Marktes und die Berechnungen hatten sich als richtig erwiesen. Sie war mit ihrem kleinen Haustier-Bestattungsunternehmen ziemlich erfolgreich, gleichzeitig hatte sie das Gefühl, anderen helfen zu können.
„Wer ist denn die schräge Frau?“ Tom spähte aus dem Fenster.
„Eine Kundin.“
„Katze oder Hund?
„Katze.“
„Sie ist gruselig“, verkündete Tom.
„Sie ist ein wenig seltsam, ja.“
Er drehte sich um, damit er Sally ansehen konnte, seine Augenbrauen waren nach oben gezogen. „Ein bisschen?“ Sein Blick wanderte zurück zu der Figur auf dem Rasen. „Hast du ihre Augen gesehen?“
„Gott, Tom, sie trauert.“
„Wie alt war die Katze?“
„Ich weiß nicht. Sie hat sie vermutlich aus dem Tierheim, sodass sie selbst ihr genaues Alter nicht weiß.
„Wie sieht sie aus?“
„Wieso fragst du?“ Sallys Stimme war argwöhnisch.
Die Worte, die Tom daraufhin murmelte, waren von Sallys Entfernung kaum zu hören: „Ich habe das Gefühl, dass sie nicht um ihre Katze trauert.“
„Das habe ich gehört!“ Etwas in Sallys Stimme muss Tom irritiert haben, denn er drehte seinen Kopf wieder zu ihr um, damit er sie betrachten konnte. Sally hielt es nicht aus, wie er sie fast eingehend begutachtete. Sie stand auf, ging um ihren Schreibtisch herum und hielt vor ihm. „Ich habe deine Neugierde satt!“
Tom lachte ein wenig. „Das ist unmöglich. Bei Neugierde geht es darum, etwas Neues herauszufinden, den eigenen Horizont zu erweitern. Man kann keine neuen Dinge satt haben. Man kann Dinge, die man bereits kennt, satt haben; Alltag oder so etwas.“
“O-KAY”, stieß Sally hervor. „Vielleicht war ‚satt haben’ falsch. Ich will nur sagen: wie wär’s damit, ausnahmsweise mal keine Fragen zu stellen?“
„Aber das bin ich! So bin ich!“
„Ja, wie bei der Hochzeit meiner Freundin letzte Woche. Ich weiß genau, warum du so scharf darauf warst hinzugehen, obwohl du kaum einen der Gäste kanntest.“ Sie machte eine Pause. „Das war nur, weil es eine jüdische Hochzeit war! Ich finde, das sollte ich dir jetzt mal sagen. Es hat mich genervt, dass du mir ständig deine Rechercheergebnisse ins Ohr geflüstert hast, dass du mir erzählt hast, was sie taten und sagten und warum sie diese Tradition in ihrer Kultur haben.“
„Aber du sprichst doch kein Hebräisch, oder?“
„Du verstehst es einfach nicht!“ Sally schüttelte ihren Kopf. Sie ging zurück zum Schreibtisch und setzte sich, als würde sie aufgeben.
Tom folgte ihr. Sally spürte die Wärme seiner Hände auf ihren, die sie davon abhielt, mit ihren Notizen herumzufummeln. Er hockte sich auf der anderen Seite des Schreibtischs hin, damit er in der Lage war, ihr in die Augen zu sehen. „Hast du…ernsthaft ein Problem mit meiner Neugierde?“  
Sally konnte ihr Lächeln nicht unterdrücken. Es war ihr einfach nicht möglich, seinen Welpenblick nicht zu lieben. Sie nahm seine Hände, führte sie zusammen und küsste sie. „Entschuldige, Schatz, es war einfach ein harter Tag. Ich hasse deine Neugierde nicht. Es gibt nur einfach Momente, in denen ich mir wünsche, dass du dich heraushältst. Bei meiner Firma zum Beispiel. Sie gehört mir und ich will deine subtilen Vorurteile gegenüber meinen Kunden nicht hören. Ich sage dir immer wieder, dass es ein bewegender Moment für jemanden ist, sein Haustier zu verlieren. Da spielen große Gefühle mit. Die Frau ist wahrscheinlich alleinstehend und Anastacia war alles, was sie hatte.“  
„Es tut mir leid.“ Da waren diese typischen Falten auf seiner Stirn. „Ich will mich nie absichtlich einmischen.“
„Ich weiß.“ Sally seufzte.
„Und ich will auch nicht hinter den Rücken deiner Kunden lästern. Ich kann nichts dafür, ich will den Dingen einfach immer auf den Grund gehen.“
„Ja, ich weiß. Ich bin nur manchmal angespannt.“
„Du musst Urlaub machen. Früher haben dich meine Fragen nie gestört.“ Er lächelte. „In ein paar Wochen fahren wir in die Flitterwochen und dann kannst du dich gehen lassen und dich entspannen. Du wirst als eine ganz neue Frau zurückkommen.“
Sally lächelte. „Du hast Recht.“
Jetzt küsste Tom ihre Hände wie sie es vorher mit seinen getan hatte. Dann stand er wieder auf. „So, darf ich wieder ich selbst sein und Fragen stellen?“
Plötzlich fiel all die Anspannung von Sally und sie lachte laut auf. „Na, ich glaube, ich kann dich sowieso nicht davon abhalten.“
„Oh, du weißt, dass du das kannst! Und nächstes Mal möchte ich, dass du mir Bescheid sagst, wenn ich dir auf den Keks gehe. Ich verspreche, dass ich dir bei der nächsten Hochzeit keine religiösen Hintergründe ins Ohr flüstern werde.“ Er grinste verschmitzt.
„Okay, dann schieß los mit deinen Fragen, damit ich weiterarbeiten kann.“
Tom ließ sich die Zeit, zurück zum Fenster zu gehen. Sally beobachtete, wie sein Blick sich auf etwas draußen fixierte. Sie sah ihn nur von hinten, konnte aber eines seiner Augen aus dem Seitenwinkel erkennen und anhand des leichten Glanzes darin wusste sie, dass die Frau noch immer vor Anastacias Grab stand.
„Ihr Name war Anastacia, richtig?“
„Hm-hm“
„Also, wie sieht sie aus? Klingt nach langem Fell.“
„Ich weiß nicht.“
Tom unterbrach erneut seine Beobachtung, drehte sich zu Sally und legte die Stirn in Falten. „Du hast sie doch beerdigt, oder?“
„Ja, habe ich,…aber…“
Tom schaute erwartungsvoll
„Sie hat darum gebeten, … Anastacia selbst in den Sarg zu legen.“
„Du verarscht mich!“
Sally war verblüfft von Toms heftiger Reaktion. „Das ist nicht so spektakulär wie es scheinen mag. Ich sage es dir zum hundertsten Mal: Menschen haben sehr verschiedene Arten sich zu verabschieden. So lange es ihnen hilft, den Verlust zu verarbeiten!“
„Also wie genau…?“
„Was meinst du?“
Tom konnte nicht mehr viel Geduld aufbringen. „Wie war das mit dem Sarg? Wie hat sie…wie habt ihr das gemacht?“
„Sie holte ihn am Morgen hier ab, nahm ihn mit nach Hause und kam am Nachmittag zur verabredeten Zeit damit wieder. Da war er schon verschlossen.“
„Hast du mal ein Bild von Anastacia gesehen?“
„Puh…hör doch mal auf zu fragen! Ich weiß, dass ich dir gerade erst versichert habe, dass ich mit deiner Fragerei klarkomme. Ich habe mich umentschieden. Glaub mir, an dieser Kundin und ihrem Tier ist nichts Besonderes.“
„Wie viele Gäste waren eingeladen?“
„Es ist ein Wunder, wie du es schaffst, dass ich dich im einen Moment lieben kann und nur eine Sekunde später hasse.“
Toms Stirn kräuselte sich. „Du hast wirklich…“
Sally hielt sich die Ohren zu. Einen schlechten Tag? Ihre Tage? Als sein Mund sich nicht mehr bewegte, nahm sie ihre Hände weg und sagte: „Weißt du was? Lies doch einfach ihre Akte.“ Sie hielt sie ihm hin. „Ich brauche sie jetzt nicht wirklich. Ich habe die Dateien auch auf dem Computer.“
Er nahm den Hefter und sie drehte sich schnell herum, um ihren Computer anzuschalten. Er hatte verstanden, zum Glück. Von da an verhielt er sich schweigsam, blieb am Fenster, wurde ein Schatten.

Als Sally die Rechnung erstellt hatte, rief sie ihre E-Mails ab und beantwortete einige Fragen von möglichen Kunden. Inmitten ihrer Bestrebungen, einige Informationen auf ihrer Webseite zu erneuern, hörte sie Tom flüstern. „Sie geht.“
Sally straffte ihre Halswirbel und sah auf die Uhr. Zwei Stunden waren vergangen! Die Frau war wirklich geduldig, musste sie sich selbst eingestehen.
„Es dämmert; kein Wunder, dass sie geht. Wenn Sommer wäre, würde sie wohl sogar noch länger bleiben.“
„Na gut.“ Sally fuhr ihren Computer herunter. „Wir sollten auch nach Hause gehen. Ich kriege Hunger und ich würde mich freuen, einen netten Abend-„
„Noch nicht“, unterbrach er sie, während seine Augen der Frau folgten.
Sally war wie gelähmt. Sie beobachtete, wie er jeden Schritt der Frau überwachte. Jeder Schritt, der sie näher zum Ausgang bringen musste.
Plötzlich erwachte Tom aus seiner eigenen Starre und verließ das kleine Haus. Sally sprang auf und folgte ihm. „Wohin gehst du?“ fragte sie.
Die Schaufel lehnte an der Rückwand des Hauses und er ging genau darauf zu.
„Tom?“, kreischte Sally. Sie holte ihn ein und ergriff seinen Arm. „Was machst du denn?“ Ihre Stimme war wütend, als sie an seinem Arm zog, sodass er sie ansehen musste.
„Wir müssen sicher gehen“, war alles, was er sagte, bevor er sich von Sallys Griff losriss.
„Nein, Tom!“ Sally positionierte sich zwischen ihren Verlobten und das Grab, auf das er zweifelsohne zusteuerte. „Das ist mein Geschäft! Ich werde es nicht zulassen, dass du den Frieden dieser Wesen störst.“
Tom rollte seine Augen. „Es sind Haustiere.“
„Ja, aber ich mache nun mal keine Exhumierungen.“
„Nein, weil ich es tun werde! Außerdem brauchst du gar keine Angst haben, es wird nicht riechen. Es ist frisch.“
„Du mischt dich schon wieder ein!“
Tom bat ihr die Schaufel an. „Okay, bitte, dann mach es doch selbst.“
„Ich habe dir gesagt, dass das nicht nötig ist.“
„Vielleicht für dich nicht, aber für mich.“
Sally sah ein, dass sie diesen Kampf verlor. „Aber es ist schon fast dunkel“, wand sie schwach ein.
„Ja, also sollten wir uns beeilen.“ Tom ging an ihr vorbei und stand kurzerhand vor dem Grab. Er förderte die Holzkiste zutage und öffnete geschickt die Schrauben. Sally ertappte sich selbst dabei, wie sie über seine Schulter sah.
Er öffnete den Deckel.
Da es schon ziemlich dunkel war, beugte sich Sally noch etwas mehr nach vorn, um die Schatten voneinander abgrenzen zu können. Plötzlich drehte sich ihr Magen. Sie hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen.
Anastacia sah aus, als würde sie schlafen.



Sally Bates's Discovery

Sally Bates had buried 236 cats, dogs and other pets. Today something seemed different to her. The funeral was one of the minor, unspectacular ones. Usually people were crying and it was common to invite lots of family members and friends. Some would even plan a whole ceremony, albeit incomparable to the funeral of a real person. People would accept her offer to recite biblical or literary quotes, to play a certain song or to say a few personal sentences. Some would even throw handfuls of sand into the tiny hole in the ground. Sally had heard so often that such a ceremony helped the owners of the pet to bid farewell to their animal. So often she had seen relieved faces when they thanked her for her work.
This time it was different. There was just this one lady who had denied all specials. She had literally just wanted her to dig a hole in the ground. Sally wondered why she had been hired by her in the first place. The lady could have buried her cat in her back garden. She did not look like someone who found it disgusting to touch a dead animal. Her dull eyes watched while Sally put the box into the hole she had prepared.
The lady wanted to watch her dig until the earth was even again. As though she wanted to make sure.
When Sally Bates was finished she stepped back to get the little plastic grave marker to stick in the lawn near the grave. It read
Anastacia
24 May 2011
May the Lord reunite us in Kingdom Come
The extra lettering was the only proof Sally Bates had that the lady indeed cared about this creature.
“You may stay as long as you wish and you can visit this place whenever you want as often as you like”, Sally recited automatically.
When there was no reply from the psychic eyes staring through her Sally adumbrated a nod and left as silently and respectfully as she could. She went to the tiny house that she used as an office and for indoor ceremonies.
She sat down at her desk and looked out of the window to check if she could observe the lady from there. Her outline was visible when Sally bent forward at her desk. Picturesque, the woman’s dark coat fell in straight lines, her body was rooted to the spot. If the wind had not moved the treetops, Sally could have mistaken it for a freeze image. She bent back and lost sight of the woman. Sally took a thin folder from one of the filing baskets. It included the notes on Anastacia’s burial. Normally Sally would use that moment to write the invoice but she could hardly concentrate. The note with the wording for the grave marker evoked memories of their first encounter.
“Do you know her birthday?”, Sally had asked in her soft professional voice after she had noted the date of her death.
“Why?”
“Oh, most people include that information. But you don’t need to, of course.”
The lady had slightly shaken her head. Then she had crossed one of her arms under her breasts while she lay the other in a very tender way on her bosom. Only her thumb had been trembling on her curves that had seemed a bit big for her figure. It was in that moment that she had demanded something unusual.
A knocking on the door distracted Sally. Tom peered into the room and entered as soon as he had realised there were no clients in. “Hi, sweetheart.” He greeted Sally with a kiss. “Everything alright?”
“Yes, sure! Finished working already?”
“Kind of. There wasn’t really much going on today.” Her fiancé was a journalist. He had heavily encouraged Sally to start this unique business when she had graduated from college with a degree in business studies. Her research on the market and her calculations have proved to be right. She was fairly successful with her little pet funeral home and at the same time she had the feeling she was helping people.
“Who is that weird woman?” Tom spied out of the window.
“A client.”
“Cat or dog?”
“Cat.”
“She is creepy”, Tom announced.
“She is a bit strange, yes.”
He turned around to look at Sally, his eyebrows raised. “A bit?” His gaze went back to the figure on the lawn. “Have you seen her eyes?”
“God, Tom, she is mourning.”
“How old was the cat?”
“I don’t know. She probably got her from an animal shelter so she doesn’t know the exact age herself.”
“What does she look like?”
“Why are you asking?” Sally’s voice was suspicious.
The words that Tom mumbled then were hardly audible from Sally’s distance: “I have the strangest feeling she is not mourning her cat.”
“I’ve heard that!” Something in Sally’s voice must have disturbed Tom because he turned his head again to eye her. Sally could not stand the way he almost examined her. She stood up and walked around her desk to stop in front of him. “I’m sick and tired of your curiosity.”
Tom laughed a little. “That’s impossible. Curiosity is all about finding out something new, to broaden one’s horizon. You can not be sick and tired of new things. You can be sick and tired of things you already know, daily routine or something like that.”
“O-KAY”, Sally exclaimed. “Maybe sick and tired was wrong. I’m just saying, how about not asking questions for once?”
“But that’s me. That’s how I am!”
“Yeah, like last week at my friend’s wedding. I know exactly why you were so keen on going there with me even though you hardly knew any of the guests.” She paused. “It was just because it was a Jewish wedding! I think I should tell you now. It annoyed me that you kept whispering your research in my ear, telling me what they were doing and saying and why they have these traditions in their culture.”
“You don’t speak Hebrew, do you?”
“You just don’t get it!” Sally was shaking her head. She went back to her desk and sat down, as if giving up.
Tom followed her. Sally felt the warmth of his hands on hers, preventing her from fumbling with her notes. He cowered down at the other side of the desk to be able to look into her eyes. “Are you…seriously having a problem with my curiosity?”
Sally could not suppress her smile. It was simply impossible for her not to love his puppy eyes. She took his hands, put them together and kissed them. “Sorry, love, it was just a hard day. I do not hate your curiosity. There are just moments when I’d like you to keep out. My business for example. It’s mine and I don’t want to hear your subtle accusations of my clients. I keep telling you that it is a big deal for people to loose their pet. There are emotions involved. The lady is probably single and Anastacia is all she had.”
“I’m sorry.” There were those specific wrinkles on his forehead. “I never mean to interfere.”
“I know.” Sally sighed.
“And I don’t mean to talk behind your clients’ backs. I can’t help it, I just want to know things…”
“Yeah, I know, I’m just tense sometimes.”
“You need to go on holiday. You never got so annoyed by my questions.” He smiled. “In a few more weeks we’ll go on honeymoon and then you’ll be all relaxed. You’ll return as a new woman.”
Sally smiled. “You’re right.”
Now Tom kissed her hands like she had done with him before. Then he stood up again. “So can I be my usual self again and ask questions please?”
Suddenly all the tension fell from Sally and she laughed out loud. “Well, I guess I can’t stop you anyway.”
“Oh, you know you can! And next time I want you to tell me when I annoy you. I promise at the next wedding I won’t whisper the religious background of the traditions into your ear.” He smirked.
“Okay, then, shoot your questions, so I can go back to work.”
Tom took his time to go back to the window. Sally watched how his gaze fixed on something outside. She saw him only from behind but could make out one of his eyes from an angle and by the subtle glow in it she could tell that the lady was still standing in front of Anastacia’s grave.
“Her name was Anastacia, right?”
“Hm-hm”
“So, what does she look like? Sounds like long fur.”
“I don’t know.”
Tom stopped his observation again, turned around to Sally and frowned. “You have buried her, haven’t you?”
“I have …but…”
Tom looked expectantly.
“She had asked to…lay Anastacia into the coffin herself.”
“You’re kidding!”
Sally was taken aback by Tom’s strong reaction. “This isn’t as spectacular as it may seem. I’m telling you for the hundredth time: people have very different ways to say goodbye. As long as it helps them to handle the loss!”
“So how exactly…?”
“What do you mean?”
Tom could not be patient anymore. “What about the coffin? How did she…how did you do it?”
“She collected it here in the morning, took it home and came back in the afternoon to the time we had appointed. It was closed by then.”
“Have you seen a picture of Anastacia?”
“Phew…stop asking. I know I just told you I was okay with it. I changed my mind. Believe me there’s nothing special about this client or her pet.”
“How many people were invited?”
“It’s a miracle how you can make me love you in one moment and hate you only a second later.
Tom frowned. “You’re really having…”
Sally covered her ears. A bad day? Her period? When his mouth was not moving anymore she took away her hands and said: “You know what? Just read her file.” She was offering it to him. “I don’t really need it. I have all the data on the computer as well.”
He took the folder and she quickly turned around to switch on her PC. Luckily, he had understood. He kept quiet from then on, stayed near the window, became a shadow.

When Sally had finished the invoice she checked her e-mails and replied to the questions of some possible clients. In the middle of updating some information on her website she heard Tom whisper: “She’s leaving.”
Sally stretched her neck and looked at her watch. Two hours had passed! The lady was really patient, she admitted to herself.
“It’s dusk, no wonder she’s leaving. If it was summer she’d probably stay even longer.”
“Alright.” Sally shut down her computer. “We should head home, too. I’m getting hungry and I want to have a nice eveni-“
“Not yet”, he interrupted while his eyes followed the lady.
Sally was paralysed. She watched how he observed every step of the woman. Every step that must take her closer to the exit.
Suddenly Tom woke up from his own freeze and left the little house. Sally jumped up and followed him. “Where are you going?” she demanded.
The shovel was leaning at the back wall of the house and he was heading towards it. “Tom?”, Sally screeched. She caught up with him and grabbed his arm. “What are you doing?” Her voice was furious as she dragged at his arm so that he had to look at her.  
“We need to make sure”, was all he said before he tore free from Sally’s grip.
“No, Tom!” Sally positioned herself between her fiancé and the grave he was no doubt aiming at. “This is my business! I won’t allow you to destroy the peace of these creatures.”
Tom was rolling his eyes. “They’re pets.”
“Yes, but I’m not doing exhumations.”
“No, because I’ll do it! Besides, you don’t need to be afraid, it won’t smell. It’s fresh.”
“You’re interfering again!”
Tom was offering the shovel to her. “Okay, go do it yourself then.”
“I told you there’s no need for that.”
“Maybe not for you, but for me there is.”
Sally realised she was losing this battle. “But it’s almost dark already”, she weakly objected.
“Yes, so let’s hurry.” Tom went past her and quickly stood in front of the grave. He unearthed the wooden box and deftly opened the screws. Sally found herself looking over his shoulder.
He lifted the lid.
As it was quite dark already, Sally bent down some more to distinguish the shadows. Suddenly her stomach twisted. She felt like throwing up.
Anastacia looked like she was asleep.