Mittwoch, 28. September 2011

Wunder Punkt

Ich habe einen Punkt, `nen wunden:
Bei Frauenaugen, großen runden,
Braunen, blauen, grünen, grauen,
Die schüchtern mir entgegenschauen

Werd ich schwach.

Wimperklimperliebreiz
Entfacht meinen Ehrgeiz.
Aus dem Mantel helf ich dir,
Kein Ding!
Dein Wunschgetränk steht schon hier.
For you – anything!
Kann ich sonst noch etwas tun?
Möchtest du dich vielleicht
An meiner Schulter ausruhn?
Ein offenes Ohr zum Jammern?
Einen Arm zum Festklammern?
Alles mache ich für dich.

Das eine Mal jedoch
Fiel ich in ein tiefes Loch.
Die Rehäuglein wandten sich ab
Ohne dass ich was davon hab.
All das Rumgespringe, links und rechts,
Die Entblößung des Knechts
Der da wohnt in mir
Führten nicht zur gewünschten Plaisir.
Kein Lächeln, kein Kuss
Kein verpasster Bus
Kein ‚Ach, komm doch mit rauf’

Alles, was sie für mich hatte
War Ignoranz, nichtmal `ne Debatte.
Die Niederlage grämte mich so sehr
Ich fühlte mich allein auf einem Floß im Meer.

„Alles klar bei dir?“
Hörte ich da neben mir
Die Stimme einer Frau.
Im Magen war mir noch ganz flau.
Ich sah auf und lächelte matt,
Hielt meinem Kummer vor den Mund kein Blatt.

Die Eingebung kam plötzlich.
Mit viel Müh und Geschick
Probierte ich den berühmten Dackelblick.

Ich sinnierte noch über meine Utopien,
Als ein Getränk vor mir erschien.

Verblüfft hörte ich von ihr
„Komm, ich tu was Gutes dir.“

Oh ja, doch, schönen Dank
Und während ich vom Zauberwasser trank
Hat mein Hirn an mich gefunkt:

Dein wunder Punkt ist auch dein Wunder-Punkt!

Dienstag, 13. September 2011

Juliette liest TV YESTERDAY

Was haben 6 lesbische Tennisprofis, 10 Lesbenchöre und 13 deutschsprachige Lesbenzeitschriften gemeinsam? Sie sind alle in Karin Schupps „Angst vor den wilden Lesben: Skandale, Klatsch & Tratsch“ versammelt.
Wie an anderer Stelle erwähnt, durchstöbere ich ja wirklich gerne Second-hand-Buchhandlungen. Dort fand ich auch dieses ‚skandalöse’ Buch, an dem ich nicht vorbeigehen konnte. Warum wusste ich allerdings selbst nicht so genau, denn es ist gnadenlos veraltet. Mit Klatsch und Tratsch von Mitte der 1990er kann man doch keinen mehr hinterm Ofen vorholen. Oder doch? Ich wagte das Experiment. Karin Schupp kannte ich nämlich durch ihre Klatschkolumnen (in L-Mag und Siegessäule), die ich bisher mit Vergnügen konsumierte.
Das Buch ist eine Ansammlung aus Zitaten und Schlagzeilen und katalogisiert alles, was Lesben auch nur ansatzweise interessieren könnte. Es deckt wirklich alles ab: Sex, Kultur, Literatur, Musik, Film und Fernsehen, Politik und vieles mehr. Daneben gibt es wichtige Daten der Lesbengeschichte (von Sappho bis zum Ende des letzten Jahrtausends).
Schmunzelt man manchmal über die Stellen, die weniger up-to-date sind, verschlägt es einem auf der nächsten Seite die Sprache, weil man einen wahren Goldschatz gefunden hat. Mich faszinierten zum Beispiel die Zitate in „12 Frauen, die sich nicht festlegen (lassen) wollen“. Es gab nämlich damals schon die Begriffe omni- und pansexuell. Dabei dachte ich, die wären etwas ganz Junges, aber offenbar haben sie sich außerhalb wissenschaftlicher Kontexte einfach nie wirklich durchgesetzt. Die richtige Aufschrift für die Schublade zu finden, war damals schon nicht leicht und ist es auch heute noch nicht. Am besten wäre es doch, es gäbe gar keine Schubladen. Aber ich schweife ab.
Mein liebster Goldschatz war jedoch folgendes Zitat von Jennifer DiMarco (Schriftstellerin mit lesbischen Müttern): „Für mich waren Lesben immer starke Frauen, Kämpferinnen. Als ich klein war, sagte ich: ‚Hey, du bist bestimmt lesbisch’, wenn mich jemand beeindruckte.“ (Deneuve, USA, November 1993). Ist das schön! Man möge sich das mal vorstellen: lesbisch nicht als Schimpfwort sondern als Synonym für cool, geil oder toll! Das muss ich mir unbedingt merken und mal in der Realität ausprobieren.
Abzüge in der B-Note gibt es für die Zeichnungen, die die Seiten zwar auflockern, aber die wirklich so gar nicht meinen Geschmack treffen. Etwas sinnlos fand ich auch einige Zusammenstellungen (z.B. 8 Lesbenbands, die eine Zahl im Namen tragen > warum eine Zahl?!), aber wenn man bedenkt, dass diese Zusammenstellungen in harter Knochenarbeit durch das Sammeln von Zeitungsausschnitten entstanden, kann man nur den Hut vor Frau Schupp ziehen (die laut Vorwort damals noch nicht einmal einen eigenen Internetzugang zu Hilfe hatte).
Mein dritter Goldschatz ist übrigens dieser Witz:
Wie viele Lesben braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?
Sieben.
Eine, die sie auswechselt, drei, die einen Workshop dazu organisieren, und drei, die darüber eine Video-Dokumentation drehen.
Neben all diesen wunderbaren, zeitlosen, privaten Philosophien von Stars und Sternchen gibt es aber auch wirklich genügend Veraltetes. „Angst vor den wilden Lesben“ ist alles in allem ein Abbild der Meinungen und Interessen der Lesben des letzten Jahrhunderts. Besonders Politisches ist (Gott sei Dank) nicht mehr auf dem neuesten Stand. Auch solch gehäufte Medienberichterstattung zu damaligen Skandalthemen kann man sich in der heutigen Gesellschaft gar nicht mehr vorstellen. Nun liest ja niemand gern TV YESTERDAY. Allerdings – und das ist mir während der Lektüre bewusst geworden – macht es durchaus Spaß in einer so alten Fernsehzeitung zu blättern, dass man in plötzlichen Erinnerungen von fast Vergessenem schwelgen kann und meint, etwas über den Zeitgeist der damaligen Gesellschaft zu lernen.
Fazit: so trashig, dass es schon wieder kultig ist!
Geeignet für: eine Reise in die Vergangenheit

Dieses Mal gibt es keine Links zum Vertrieb. Das Buch ist vergriffen.
Also haltet die Augen auf dem Flohmarkt eures Vertrauens offen!


Montag, 12. September 2011

Auch wenn du es nicht verdient hast

Als Autorin ist man eigentlich immer auch bibliophil veranlagt. Anders wäre es kaum vorstellbar. Das wäre doch sonst, als würde man gern kochen, aber nicht gern essen. Als wahre Bibliophile gehe ich zum Beispiel für mein Leben gern in Second-hand-Buchhandlungen. Dort gibt es nämlich nicht nur Bücher, sondern sogar Bücher mit Geschichte. Bücher, in denen jemand besonders wichtige oder ansprechende Textstellen markiert hat. Bücher, in denen man Einkaufszettel oder Liebesgedichte finden kann. Bücher, die mit individuellen Widmungen einst verschenkt wurden.
Letztens fand ich eine solch eigene Widmung. Ich finde, sie ist zu schön um sie in meinem Schrank zu verstecken. P. schrieb an G.:
Hat das L nicht eine wunderbar individuelle Form? Ist es nicht interessant, dass der Verfasser das kleine a auch als großes A verwendet? Und ist es vor allen Dingen nicht wunderbar, wie erfrischend ehrlich P. seinen Gefühlen für G. Luft macht? Ich würde mich das nicht trauen. So ein Buch ist ja auch etwas anderes als ein Brief, den man irgendwann doch mal wegschmeißen kann. So ein Buch, das ist ja – auch heute noch – eine Kapitalanlage. Und so ist diese Widmung bis in alle Ewigkeit dort eingemeißelt. Nur der Lagerort ist nun ein anderer. Von nun an entscheide ich als Göttin über das Schicksal dieser Widmung. Wenn G. und P. das wüssten!
Der Text geht eigentlich noch weiter, aber ich möchte nicht alle pikanten Details veröffentlichen. Nur so viel: ich glaube, P. und G. führ(t)en eine Beziehung, in der G. sich nicht in die Gefühlswelt von P. hineinversetzen kann(konnte).
Nun gab es also dieses wunderbare Geschenk an die junge Frau. Der Versuch, ihr die Augen zu öffnen und alles zu löten. Am Ende landete es in einer Second-hand-Buchhandlung. Da braucht man nicht lange zu überlegen, was aus der Beziehung geworden ist. Schade. Aber wie bei jeder Liebesgeschichte und jedem Roman ist das Beste daran, dass man am Ende noch träumen kann. Vielleicht haben sie sich ja doch noch gekriegt?
Auch wenn ich P. und G. gar nicht kenne, ich freue mich über diesen privaten Text. Er lockert die Schrauben der Kreativität. Luft strömt durch die Öffnungen. Zischt. Zieht. Zwirbelt. Ich will schreiben.
Danke P. Wir sehen uns im Buchladen.