Donnerstag, 17. November 2011

Schunkelfieber

Schunkelfieber

Wie sang Freddie Mercury so schön? „The show must go on“. Und so handhabe ich es hier auch, denn trotz kränkelnder Mimi blogge ich weiter, weil es mir so Spaß macht.
Auf dem Plan steht eine Rezension. Nun hat sich sicherlich mittlerweile das Gerücht verbreitet, dass ich nur ältere Veröffentlichungen bespreche. Vielleicht deshalb (*klicken*) oder deshalb (*klicken*). Umso erfreuter bin ich, mal etwas ganz Aktuelles vor mir zu haben: „Schunkelfieber“ von Petra Brumshagen.
Punkt 1: Toller Titel.
Punkt 2: Schönes Cover. Ja, schön, doch es gibt ein ABER. Es begab sich, dass mir die erste Version des Covers in den unendlichen Weiten des Netzes begegnete. Dadurch wurde ich überhaupt erst auf das Buch aufmerksam. Und dann sah es plötzlich ganz anders aus. Damit ihr wisst, wovon ich spreche, hier Version 1 und Version 2.
Mein Favorit ist ganz eindeutig die erste (und damit hinfällige) Version*. Ich hoffe, das liegt nicht an unterbewussten, tiefenpsychologischen Denkschemen meines Gehirns. Nein, ernsthaft, die Brüste gewinnen nicht, weil sie Brüste sind (denn mal ehrlich, welche Version zeigt mehr Haut?), nein, sie gewinnen, weil sie in diesem süßen Dirndl stecken und der Schriftzug auf dem Lebkuchenherz so goldig ist. Und sie gewinnen, weil die Protagonistin Vicky nicht nackt Yoga auf einer Wiese macht, sondern weil sie (unfreiwillig) in einem Dirndl landet. Damit wären wir bei
Punkt 3: Inhalt. Es geht um Vicky, die es für ein Volontariat in einer Werbeagentur von Bochum nach München verschlägt, wo alles irgendwie etwas anders ist. Sie versteht ja noch nicht einmal die Bäckerin. Außerdem vermisst sie ihre alte WG, vor allem ihre Mitbewohnerinnen Hannah und ihre beste Freundin seit Kindestagen, Toni. Mit ihr hat sich vor Vickys Wegzug offenbar eine Romanze entwickelt, mit der beide etwas überfordert zu sein scheinen. Nun in München landet Vicky in einer neuen WG und in einer großen Werbeagentur (Arbeitsflair und Räumlichkeiten sind sehr interessant geschildert). Ihre unmittelbare Vorgesetzte ist Nadine, die Vicky zuerst ziemlich lästig und oberflächlich findet. Sie ist es auch, die Vicky in ein Dirndl steckt, mit dem es dann auf die Wies’n geht – sehr zur Erheiterung der Leserin. Trotz der Anlaufschwierigkeiten entwickelt sich bald eine Freundschaft zwischen den beiden. Nadine warnt Vicky von Anfang an vor der launischen und skrupellosen Chefin Annabell – ohne Erfolg. Vicky verknallt sich prompt in die attraktive, erfolgreiche Frau. Ein Gutes hat das Ganze ja: sie muss nun nicht mehr ständig über Toni grübeln. Oder?
Punkt 4: der Stil. „Schunkelfieber“ kommt lockerflockig-leicht und witzig daher. Er unterhält wunderbar, da er das Innenleben von Vicky ausleuchtet, die durchaus einen Hang zu zynischer Selbstironie hat.
Punkt 5: Schwachstellen. Der Roman ist im Präsens verfasst? Warum? Es ist nicht das erste Buch, wo mir das negativ auffällt. Vielleicht gewöhne ich mich irgendwann noch dran.
Nun habe ich auch vor oder während der Lektüre bemerkt, dass es quasi der Nachfolger von „Scheinfrei“ ist. Ich hatte etwas Sorge, dass man den vorher gelesen haben muss. Rein theoretisch muss man das nicht, aber es gibt selbstverständlich einige Verweise auf die Vergangenheit. Zu viele? Ich bin nicht sicher, aber ich hätte mir schon manchmal gewünscht, „Scheinfrei“ vorher gelesen zu haben.
Fazit: „Schunkelfieber“ ist ein fröhlicher Unterhaltungsroman um eine junge Ruhrpottlerin, die im Herzen Bayerns das Erwachsenwerden übt.
Geeignet für: Fans von Lesbendramen in WGs ;-)
Mehr hier oder hier.

*Das ist keine Kritik (nur meine Meinung). Die Gründe für solche (Verlags)Entscheidungen sind ja sehr vielfältig.

Donnerstag, 10. November 2011

Mimi in Not


+++ Emergency +++

Seit einigen Wochen schon bemerke ich mit Erschrecken das immer kärglichere Auftreten meiner lieben Mimi. Sie schwächelt enorm, wird welk und ich leide mit ihr.
Nein, an meiner Pflege kann es wahrlich nicht liegen. Ich achte darauf, dass sie immer feucht ist. Auch verschiedene Standorte mit unterschiedlicher Tageslichtbestrahlung wurden getestet. Sogar Dünger habe ich ihr verabreicht.
Nun ist es so weit gekommen – ihr Zustand ist dermaßen besorgniserregend – dass ich es an dieser Stelle kundtun möchte. Ein Foto will ich euch und Mimi ersparen. Aber einen Hilferuf soll es an dieser Stelle geben. Wer kann Mund-zu-Blatt-Beatmung? Oder wer kann anderweitig aufgrund von Mimosen-Erfahrung helfen?
Ich zweifelte kurz, ob ihr Verhalten vielleicht aufgrund des nahenden Winters adäquat wäre. Ich kann es mir jedoch nicht vorstellen und Dr. Google hat mir das bisher auch nicht bestätigt.
Ich hatte mir gewünscht, euch irgendwann Mimis erste prächtige Blüte zeigen zu können. Stattdessen nun diese traurige Mitteilung. Und was soll nun aus diesem Blog werden? Sind er und Mimi noch zu retten?
Ich hoffe auf zahlreiche Hinweise aus der lesenden Bevölkerung mit dem grünen Daumen.

Dienstag, 8. November 2011

Einmal Kind und zurück II


Kruschkrasch, kruschkrasch machte es, als sie zu Patricia durch den Berg flitzte. Die Frau blieb vor Patricia stehen und schaufelte blitzschnell mit beiden Händen Blätter, die sie knapp über Patricias Kopf in die Luft warf. Wie kleine Segelflieger glitten sie an ihr vorbei und auf sie herab. Als stünde sie während einer kräftigen Windböe unter einem Baum.
Patricias Lachen kitzelte wieder in ihr. Es wollte heraus. Noch einmal. Immer noch. Doch sie legte ihre Hand auf die der Fremden. „Wir zerpflücken den Haufen noch total.“
„Okay, schon genug geraschelt, ja?“
Krusch. Patricia bewegte ihre Füße, die unter den Blättern begraben waren. Krasch. Leise. Krusch. Vorsichtig. Krasch. Wie beim Mikadospielen. Kruschkrasch Kruschkrasch. Sie schüttelte ihre Füße ein letztes Mal kräftig innerhalb des Haufens aus. Wie wenn etwas an der Fußsohle klebt, was einfach nicht abfallen will. „Okay, genug, glaube ich“, sagte sie zu ihrem Gegenüber.
„Gut.“ Die Fremde lächelte verschmitzt, sodass sich winzige Grübchen bildeten, die Patricia erst jetzt sah, wo sie so dicht vor ihr stand. Oder erst jetzt, als sie dieses eine bestimmte Lächeln benutzte.
Sie schien darauf zu warten, dass Patricia den Anfang machte und aus dem Berg hinausstapfte. Patricia nickte und setzte sich in Bewegung. Da bückte sich die andere noch einmal ruckartig und ließ erneut trockene Blätter auf Patricias Kopf regnen. Beide Frauen lachten zufrieden und verließen den Blätterhaufen.
„Wow, das war lustig. Man möchte meinen ich hätte keine Sorgen!“, bemerkte Patricia.
„Was hast du denn für Sorgen?“
„Ach, verdammt. Ich bin heute zum zweiten Mal durch meine mündliche Prüfung geflogen. Wenn ich es das nächste Mal nicht schaffe, kann ich mein Studium knicken.“
„Das ist ja eine harte Regelung. Welches Fach?“
„Jura.“
„Oh je.“
„Ja, und ich schwöre dir, ich hab so viel dafür gebüffelt“, sprudelte es plötzlich aus Patricia heraus. „Ich habe nur immer bei mündlichen Prüfungen totale Blackouts. Klausuren, Hausarbeiten, alles kein Thema. Aber sobald ich vor dem Prüfer stehe und ich weiß, er will genau in diesem Moment eine bestimmte Antwort von mir hören, macht mein Kopf dicht. Und weißt du, schon bei den Einführungsveranstaltungen hieß es, dass die Durchfallquoten und Abbrecherquoten riesig hoch sind. Ich wusste das ja, aber ich hätte nicht gedacht, dass es ausgerechnet mich trifft. Ich hab mich schon so weit durchgekämpft und jetzt soll alles für die Katz gewesen sein?“ Da war es alles. Einfach so, ohne dass jemand Patricia gefragt hatte.
„Aber noch kannst du es doch schaffen! Die schriftlichen Prüfungen hast du doch auch bestanden, oder?“ Die Fremde setzte sich langsam wieder in Bewegung. Seite an Seite spazierten sie zurück zum Parkeingang, aus dessen Richtung sie gekommen waren.
„Ja, ich hab nur so wahnsinnig Schiss vorm nächsten Mal.“
„Wahrscheinlich brauchst du nur ein bisschen Selbstvertrauen.“
„Du hast gut reden!“, echauffierte Patricia sich. „Oh Gott, warum erzähle ich dir das bloß alles?“
„Das ist völlig in Ordnung“, lächelte sie. „Ich finde das sehr interessant.“
„Aber wir kennen uns kaum und ich binde dir hier meine Probleme auf die Nase. Erzähl mir was von dir!“ Damit wir wieder quitt sind, dachte Patricia.
Sie lächelte geheimnisvoll. „Okay.“ Trotz der Zustimmung zögerte sie. „Ich werde dir mal was beichten.“
Da wurde Patricia hellhörig und musterte sie von der Seite.
„Ich hätte dich gar nicht nach dem Weg fragen müssen.“ Und sie setzte noch eins drauf: „Ich wusste ganz genau, wo ich hin muss. Ich hatte den Kurs ja schon ein paar Mal.“
Patricia stutze. „Aber…wieso...?“
„Du warst meine Hausaufgabe“, sagte die andere und lächelte geheimnisvoll.
Patricia blieb stehen. So abrupt, als hätte es ihr ein Erdbeermännchen befohlen. „Was soll denn das heißen?“
Die andere vergrub ihre Hände tief in ihren Jackentaschen und wich Patricias Blick aus. Auf einmal wirkte sie längst nicht mehr so stark und selbstbewusst wie bisher.
„Was…?“ Am liebsten hätte sie gesagt ‚Was ist denn das für eine schräge Nummer hier?’, aber da kam die Fremde ihr zuvor:
„Ich mach ein Flirtseminar.“ Das sagte sie schnell. Wie ein Zugeständnis. Vielleicht in der Hoffnung, dass Patricia die Bedeutung der Worte gar nicht recht aufnehmen konnte.
Aber sie konnte. „Sowas gibt es?“ Dann kreisten die Gedanken in Patricias Kopf wie trockene Blätter im Wind. Hatte sie Patricia nur angesprochen, um ihre Hausaufgabe zu erledigen? Wollte sie sie veräppeln? Wenn es diesen Kurs wirklich gab, wie verrückt musste man sein ihn zu belegen? Stand sie überhaupt auf Frauen? Hatte sie das offene Ohr für ihre Probleme nur vorgetäuscht? Hatte sie sich nur eingebildet, dass es da eine Magie zwischen ihnen gegeben hatte?
„Warum hast du mich nicht gefragt, ob ich einen Kaffee mit dir trinken gehe statt nach dem Weg zu fragen?“ Sie standen noch immer auf dem Kiesweg in der Nähe des Parkeingangs und bewegten sich nicht weiter. Die Ampelmännchen in Patricias Kopf wechselten sich immer schneller ab, steigerten sich in ein rot-grünes Blitzgewitter. Stehen. Gehen. Glauben. Misstrauen.
„Hättest du denn ja gesagt?“
Patricia wusste keine Antwort. Sie sagte auch nichts.
„Hör mal, ich muss los, der Kurs fängt bald an.“
„Moment, du kannst doch jetzt nicht einfach abhauen.“ Wieso sollte sie das nicht können?
Die Fremde lächelte, ging aber schon langsam ein paar Schritte rückwärts.
„Wie heißt denn du überhaupt?“ Patricia wusste nicht, ob sie das wirklich wissen wollte. Sobald sie einen Namen hatte, war sie real. So real wie die nichtbestandene Prüfung, von der sie ihr erzählt hatte. Und noch waren die Fragen in ihrem Kopf nicht beantwortet.
„Christine“, antwortete sie. Sie lächelte kurz und blieb stehen. „Jetzt sollte ich aber wirklich…“ Sie deutete mit dem Daumen in Richtung Eichstraße.
Patricia nickte. Das war eindeutig. Zweimaliges ‚Ich muss los’ beantwortete alle Fragen in ihrem Kopf.
„Ich bin in einer Stunde wieder hier am Parkeingang. Vielleicht hast du Lust, dann mit mir einen Kaffee zu trinken.“ Sie zögerte, konnte Patricia nicht ansehen. „Ciao!“, verkündete sie und machte kehrt.
„Warte mal“, rief Patricia hinterher. Dann rannte sie die paar Schritte, bis sie wieder dicht neben ihr war. „Woher… wusstest du überhaupt, dass ich auf Frauen stehe?“
Die Fremde hatte ihr souveränes, mystisches Lächeln wiedergewonnen. „Ich wusste es nicht.“ Damit verabschiedete sie sich endgültig und verließ den Park mit einem letzten Blick über die Schulter zu Patricia.
Sie legte den Kopf schräg und sah Christine hinterher. Die Abstände, in dem die Ampelmännchen wechselten wurden wieder größer. Bis einer am Ende als Sieger aus dem Duell hervorgehen würde. Grün – Rot – Grün – Rot
Patricia steckte die Hände in die Jackentaschen. Ein glatter harter Knubbel empfing sie auf der rechten Seite.
Grün.


Montag, 7. November 2011

Mieses Karma


 
Bereits als ich die ersten Kapitel von „Mieses Karma“ las, ging mir etwas durch den Kopf. Dieses Etwas war: ‚Hier hat es aber jemand gehörig drauf’. Und dieser jemand heißt David Safier.
In „Mieses Karma“ geht es um die erfolgreiche Fernsehmoderatorin Kim Lange, deren lang gehegter Traum endlich in Erfüllung geht: ihr wird der deutsche Fernsehpreis verliehen. Das wäre auch an sich ganz toll, wenn sie nicht kurz darauf, nach einem exstatischen One-Night-Stand mit ihrem Fernsehkollegen Daniel Kohn, ums Leben kommen würde. Die Überreste einer russischen Raumstation sind ihr Verhängnis, als sie auf der Dachterrasse stehend über ihren Fehler sinniert. Kim ist nämlich verheiratet, hat sogar eine Tochter. Doch sowohl Gatte Alex als auch Töchterchen Lilly werden gnadenlos vernachlässigt. Viel zu besessen ist sie davon, die besten Quoten in der Fernsehlandschaft zu erzielen.
Aber all das sind bald nicht mehr Kims Sorgen. Nachdem sie das Zeitliche gesegnet hat, wird sie nämlich wiedergeboren. Und zwar ausgerechnet als Ameise. Der allbekannte Buddha hat nämlich festgestellt, dass Kim mit ihrem Egoismus nicht gerade viel gutes Karma gesammelt hat. Aber das lässt sich ja ändern, denn auch im Leben einer Ameise ist so einiges los.
Bald macht Kim Bekanntschaft mit einer anderen Ameise, die genau wie sie ein wiedergeborener Mensch ist. Diese Person ist kein geringerer als der berühmt berüchtigte 1789 verstorbene Giacomo Casanova. Der Frauenheld begattet nun Ameisenköniginnen – so es ihm denn gestattet wird.
Die Leben von Kim und Casanova sind miteinander verstrickt. Eine eigenwillige Freundschaft entwickelt sich. Wie der „Zufall“ (den es ja bekanntlich nicht gibt) so will, landet Kim mit ihrem neuen Ameisenleben direkt im Garten ihrer (früheren) Familie. Sie stellt bald fest, dass ihre Jugendfreundin Nina ihren Platz einzunehmen droht. Eine frühere Romanze, die sie mit Alex verbindet, macht dies besonders wahrscheinlich. Doch es ist vor allen Dingen die Sehnsucht nach Lilly, die Kim dazu bringt, gutes Karma sammeln zu wollen, um in der Wiedergeburten-Hierarchie aufzusteigen und auf Lillys Leben einwirken zu können.
Genau das tut sie im Laufe des Romans und durchlebt dabei unzählige Leben in vielen verschiedenen Körpern. Casanova ist dabei nie sehr weit weg und auch Buddha lässt immer wieder von sich hören.
David Safier brilliert in diesem Werk mit sprachlicher Stärke. Ironie, Wortspiele und Neologismen machen jedes Kapitel lesenswert und locken den ein oder anderen Lacher hervor.
Liebenswerte, tiefgründige Figuren und Überraschungen im Plot machen „Mieses Karma“ zu einem unnachahmlichen Unterhaltungsroman, der jedoch viel mehr ist als das. Man fühlt und leidet mit Kim und wird auch das ein oder andere Mal zum Nachdenken angeregt.
Fazit: Unbedingt lesen!
Geeignet für: Jeden, der gern mit Humor unterhalten wird.
Mehr hier oder hier.


Sonntag, 6. November 2011

Neue Fernsehkultur


Ich kam vor kurzem in die Verlegenheit das „Supertalent“ zu schauen. Ja, ja, ich hör euch ja schon bis hierher meckern. Furchtbar, diese Castingkultur, ich weiß. Furchtbar, wie Menschen vorgeführt werden. Wie sie strukturiert gesucht werden, um ein Jahr lang (gern auch länger) Euros in die Kasse zu bringen. Schlimm auch, dass sie nur dann überhaupt Aussicht auf Erfolg haben, wenn sie den Schicksal-Bonus haben.
Aber um all das soll es hier ausnahmsweise mal gar nicht gehen.
Stattdessen will ich mich mal ‚fachfremd’ über eine lästige Eigenart der Produktion auslassen. Bin ich denn die Einzige, der auffällt, dass dieses Format ständig Wiederholungen und Zeitlupen einbaut?
So verwerflich die Castingkultur auch sein mag, es ist trotzdem immer noch erstaunlich, wie viel Talent in Deutschland steckt. Und ja, genau das ist durchaus sehenswert. Aber bitte, wenn jemand einen Salto rückwärts aus dem Stand macht, wieso muss das Selbe zwei Sekunden danach erneut in Zeitlupe ausgestrahlt werden? Ich fühle mich dann leicht verschaukelt. Diese Wiederholungen der kleinen Sensationen und Skandale treten so vermehrt auf, dass mir schon eine waghalsige Theorie in den Sinn kam: die Sendung ist Ausdruck einer neuen Fernsehkultur.
Ich behaupte jetzt einfach mal, dass sich das Fernsehverhalten der letzten Jahrzehnte geändert hat. Insofern, als dass der Fernseher in vielen Haushalten als eine Art Hintergrunddauerbeschallung dient. Nimmt quasi die Rolle von Radio ein. Viele Menschen finden das offenbar angenehm, hören gar nicht mehr richtig hin. Da mutiert die Geräuschkulisse des Apparates wohl zum ‚weißen Rauschen’.
Klar, dass diese Veränderung auch eine Veränderung im Programm mit sich bringen muss. Kein Wunder also, dass die Highlights ständig wiederholt werden, für den Fall, dass man gerade mit etwas anderem beschäftigt war. Für die ‚herkömmlichen’ Fernsehzuschauer, die sich bewusst hinsetzen und ein Programm gezielt (vielleicht sogar von Anfang bis zum Ende!) ansehen, ist das durchaus ärgerlich.
Kein Wunder auch, dass bei der Vorstellung der Kandidaten schon innerhalb der ersten Sekunden erkennbar ist, ob sie ‚top’ oder ‚flop’ sind. Bei top Kandidaten läuft harmonische Mainstream-Musik im Hintergrund. Alle anderen werden auf irgendeine Weise vorgeführt. Das heißt, das Publikum kann sogar partiell fernsehen und alle paar Minuten aufs neue entscheiden, ob es dem Programm Aufmerksamkeit schenkt oder nicht (je nachdem ob es sich mehr für die ‚top’ oder ‚flop’ Kandidaten interessiert).
Wo soll denn das bitte hinführen, liebe BlogleserInnen? Wird im Krimi demnächst schon zu Beginn (und am besten gleich noch mal in der Mitte) der Täter enttarnt, damit auch ja niemand die Chance verspielt zu erfahren, wer es ist? Wird im Liebesfilm der erste Kuss in erneuter Wiederholung gezeigt, falls man gerade nicht aufmerksam war? Über das dann potenzierte Gemetzel im Horrorfilm möchte ich nur ungern nachdenken.
Mein Alternativvorschlag um dem zu entgehen: einfach mal den Kasten ausschalten und die Stille genießen. Oder mal das Fenster öffnen und lauschen, wie ein echter Vogel klingt.  

Donnerstag, 3. November 2011

Einmal Kind und zurück


Rot. Patricia hielt an der Fußgängerampel. Heute hatte sich alles gegen sie verschworen. Einzig der obligatorische Wolkenbruch, der noch gefehlt hätte, blieb aus.
Sie könnte jetzt nach links und rechts schauen und wenn kein Auto kam, die Straße trotzdem überqueren. Das hatte sie oft genug getan. Und dann? Sie hatte es nicht eilig nach Hause zu kommen. Dort würde nur ihr Mitbewohner warten und sich auf sie stürzen. Und dann würde sie mit Maik reden müssen. Kein Problem, dazu waren Mitbewohner schließlich da. Wäre sie nur nicht so schlecht drauf gewesen. Aus offensichtlichen Gründen. Sie wollte ihn nicht mit ihrer Laune vergraulen. Vor allem wollte sie ihm nicht sagen, was sie zu sagen hätte. Es klang viel zu sehr nach Verlierer. Und solange sie es nicht aussprach, war es vielleicht nicht real.
Das Wichtigste war erst einmal runterzukommen, damit sie das Gespräch mit Maik gelassen nehmen konnte. Ach, im Prinzip ging es doch überhaupt nicht um Maik.
Vielleicht war die Fußgängerzone eine gute Möglichkeit ihre Laune zu heben? Die Menschen, die bunten Schaufenster, alles würde sie ein bisschen ablenken.
Grün. Patricia überquerte in aller Ruhe die Straße. In Gedanken war sie schon in der Fußgängerzone und überlegte, ob das wirklich so eine gute Idee war. Eigentlich war ihr mehr nach Fitnessstudio, um ihre ganze Wut auf einen Boxsack einzudreschen. Wut auf sich selbst. Wut auf das …Schicksal? Nur besaß sie gar keine Fitnessclubmitgliedschaft.
Rot. Patricia lächelte zynisch. Klar, heute schwamm sie auf der roten Welle. Jetzt könnte sie es aber wagen. Sie sah nach links und dann nach rechts, wo … plötzlich eine junge Frau zum Stehen kam.
Sie sah sie unverwandt an. Hatte etwa Patricias Größe und mittellanges Haar, das ihr in einem klassischen Straßenköterblond die perfekte Tarnung verschaffte. Dennoch sah sie Patricia offen an. Versteckte sich nicht. Und lächelte.
Für einen Moment war Patricia völlig aus der Bahn geworfen. Mit so etwas konnte ja keiner rechnen. Wo doch heute ganz augenscheinlich nicht ihr Tag war. Sie sah zurück zu dem erdbeerroten Männchen mit Hut. Sogar der war auf der Hut.
„Entschuldigung“, hörte sie da neben sich und sah die Frau an, die sie eben noch so nett angelächelt hatte.
„Ja?“
„Geht es hier zur Eichstraße? Bin ich da richtig?“
„Ja, Sie sind schon ganz dicht“, gab Patricia sofort Auskunft. Wenn wir hier die Straße überquert haben, gehen sie auf der anderen Seite rechts und die nächste Querstraße müsste es schon sein.“
„Super! Vielen Dank.“ Sie lächelte warm und sah sehr zufrieden aus mit sich und der Welt.
Patricia wollte gar nicht so recht den Blick abwenden, aber je länger sie sich ansahen, desto alberner kam sie sich vor. Dann sah sie geradeaus und bemerkte, dass das eifrige Männchen mit der Waldmeisterjacke seinen Erdbeerfreund abgelöst hatte. „Oh, wir können ja“, murmelte Patricia, halb zu sich selbst, halb zu der Fremden. Gerade als sie losgehen wollte, verabschiedete sich der kleine waldmeisterfarbene Genosse schon wieder.
Die Frau neben ihr kicherte. „Da waren wir wohl beide nicht schnell genug.“ Wo nahm sie nur ihre Leichtigkeit und Gelassenheit her?
„Sie haben es wohl gar nicht eilig? Sieht man ja selten in der Großstadt.“
„Stimmt. Meistens hetzen alle aneinander vorbei und kleine Besonderheiten fallen einem gar nicht mehr auf.“ Sie hielt kurz inne. „Zum Beispiel die schöne Blätterfärbung jetzt im Herbst. Die gibt es nur einmal im Jahr für wenige Wochen zu sehen. Aber niemanden interessiert es so recht.“
„Doch, mich. Ich liebe diese knallrot gefärbten Ahornblätter.“ Die Fremde neben ihr lächelte und nickte zustimmend. „Und ich geh total gerne durch einen großen Blätterhaufen und höre dem Rascheln zu.“ Wo kam das auf einmal her?
Die Fremde schien sich keineswegs daran zu stoßen, sondern behielt ihr freundliches Lächeln bei. „Und sie sind gerade auf dem Weg in einen Park um genau das zu machen?“
Patricia gefiel der Gedanke. Vielleicht wäre das ähnlich befriedigend wie einen Boxsack zu verprügeln. Ob nun die Arme oder die Beine in Aktion traten, war ja letztlich egal. „Nein, ich bin auf dem Weg nach Hause“, antwortete sie.
„Schön. Also waren sie schon Blätterrascheln?“
Patricia musste lachen. „Nein, leider nicht. Das hatte ich eigentlich auch gar nicht vor, aber wissen Sie was, das klingt sehr verführerisch. Vielleicht gehe ich jetzt doch einen kleinen Umweg und raschel noch ein bisschen.“
„Wenn Sie möchten, begleite ich Sie. Ich habe noch Zeit. Und jetzt weiß ich ja, dass die Straße gleich um die Ecke ist.“
Patricia sah sie einen Moment lang verwundert an. Wahrscheinlich hatten das grüne und das rote Männchen mittlerweile schon drei Mal mehr den Staffelstab ausgetauscht. „Okay“, sagte sie nur.
„Okay“, stimmte auch die Fremde zu.
„Aber nur, wenn wir das mit dem Siezen mal lassen.“
„Stimmt. Hat sich irgendwie eingeschlichen. So alt sind wir ja eigentlich nicht.“ Sie sah erfreut aus.
Patricia überlegte kurz und achtete dann gar nicht mehr darauf, welches kleine Männchen vor ihr leuchtete. „Bleiben wir doch auf der Seite, gehen rechts bis ans Ende der Straße. Ich glaube, da kommt ein Park.“
Die Andere nickte und gemeinsam gingen sie in die vorgeschlagene Richtung.
Mehr als absurd, dachte Patricia, aber freute sich schon jetzt über die Ablenkung. Einfach nicht darüber nachdenken, dass du gleich mit einer völlig fremden Frau durch Blätterberge rascheln willst, ermahnte sie sich.
„Und wohin wolltest du nun genau?“, fragte sie die Frau, die an ihrer Seite ging.
„Zu einem Seminar.“
„Ach so, ja, in der Eichstraße ist die Volkshochschule.“
„Genau.“ Sie lächelte sie direkt an und sah dann wieder auf den Weg.
„Was machst du denn dort für einen Kurs?“
Patricia konnte ihr Grinsen von der Seite sehen, konnte es aber nicht genau einordnen.
„Es ist im weiteren Sinne kommunikationswissenschaftlich angelegt.“
„Uh, schon allein das Wort wissenschaftlich – das kann ich heute leider gar nicht hören.“ Patricia spürte, wie der ganze Ballast zurückkam. Hoffentlich gab es genügend Blätterberge, um das alles loszuwerden und platt zu treten.
Sie überquerten die Straße und kamen genau auf einen Park zu. „Wow, die Farben sind wirklich schön“, staunte Patricia. Das hatte sie den ganzen Herbst noch gar nicht wahrgenommen. Wann auch?
„Na dann mal los“, lachte die fremde Frau und wies auf das braune Blattwerk, das um den ersten Baum verstreut lag.
Patricia wollte losrennen, fand es aber doch zu übertrieben. Von einem Blätterberg konnte man hier gar nicht sprechen. Der Haufen war mickrig. Also ging sie gemächlich zu ihrem Ziel und schlurfte ein paar Mal hindurch. „Nee, das bringt’s nicht. Ich hab mir das ein bisschen besser vorgestellt.“
„Na ja, dann ist der Herbst wohl noch nicht soweit.“
Plötzlich fühlte sich Patricia wieder seltsam neben der Frau. Jetzt, wo doch auch ihr gemeinsames Ziel auf enttäuschende Weise weggefallen war. Sie beobachtete die Blonde, die keineswegs irritiert schien, ziellos neben Patricia spazieren zu gehen. Plötzlich blieb sie stehen und bückte sich. „Schau mal. Wir können alternativ kleine Männchen bauen.“ Sie reichte ihr eine Kastanie.
„Ich bin Nichtraucherin. Also habe ich leider keine Streichhölzchen dabei. Unser Männchen hätte dann also weder Arme noch Beine.“ Es war ein Wunder, dass sie noch nicht Kettenraucherin war nach den Strapazen der letzten Zeit. Es war eigentlich auch ein Wunder, dass sie nicht ausgerechnet heute mit dem Rauchen anfing.
Patricia betrachtete die kleine braune Murmel in ihrer Handinnenfläche. Sie war etwas oval mit einem kleinen Höcker. Das könnte der Kopf des Männchens werden. Mit einer nach vorn gerichteten Knollnase.
„Oh, ich sehe da etwas, das dich interessieren könnte.“
Patricia sah auf. Und da war er. Der größte Blätterberg weit und breit. Der einzige Blätterberg weit und breit. Eine Schubkarre samt Harke standen daneben, aber der dazugehörige Gärtner machte wohl gerade ein Kaffeepäuschen. Patricia sah sich im Park um und als sie niemanden entdecken konnte, steckte sie die Kastanie in ihre Jackentasche und rannte los. Sie rannte, bis sie ein paar Schritte im Berg stand. Dann hüpfte sie auf dessen Spitze, die unter ihrem Gewicht nachgab. Kniehoch umgaben sie die braunen, roten und gelben Blätter. Patricia hüpfte noch einige Male mehr in dem Berg umher. Das Lachen aus ihr kam so tief von innen, dass sie es unter keinen Umständen unterdrücken könnte. Wann war sie das letzte Mal einfach nur Kind gewesen? Sie spürte den Wunsch, die Beine in die Luft zu schleudern, sodass Blätter mitgerissen würden, vielleicht sogar über ihren Kopf flogen. Wenn der Gärtner aber genau dann wiederkommen würde, gäbe es Ärger. Sie hielt sich zurück, zügelte das Kind in sich.
Die fremde Frau stand lächelnd neben dem Berg und kam plötzlich schnellen Schritts auf Patricia zu. Irritiert merkte sie, dass sie nicht das Bedürfnis hatte, rückwärts zu gehen. Sie kannte diese Frau zwar nicht, aber sie wusste, dass sie ihr nichts Böses wollte. Sie ahnte es nicht, sie wusste es.

Fortsetzung folgt - und zwar hier