Mittwoch, 19. Dezember 2012

100 Seiten deutsche Zeitgeschichte


Dass Comics nicht nur von Superhelden mit übermenschlichen Fähigkeiten erzählen müssen, beweist „drüben!“ von Simon Schwartz. Was ursprünglich ‚nur’ als Diplomarbeit des damaligen Hamburger Studenten gedacht war, mutierte zu einem überaus erfolgreichen Großprojekt, das auch ich hier nur wärmstens weiterempfehlen kann.
Schwartz arbeitet aus persönlicher Motivation heraus seine ganz individuelle Vergangenheit auf. Anfang der 80er, als er gerademal ein Jahr alt war, reisten seine Eltern mit ihm von der DDR nach West-Berlin aus. Er wuchs in der BRD auf und musste Stück für Stück begreifen, was da mit Deutschland los war, warum es so aufwendig war, Bekannte zu besuchen, die weiter weg wohnten und warum seine Großeltern den Kontakt abgebrochen hatten.
Für dieses bewegende Projekt grub Schwartz tief in der eigenen Familiengeschichte und fragte mehr als einmal genauer nach. „Drüben!“ stellt einfühlsam den Lebensweg und die Beweggründe seiner Eltern dar. Dabei ist nicht nur die Handlung authentisch, auch zentrale Orte wurden – soweit möglich – genau recherchiert um sie entsprechend grafisch darzustellen (so z.B. die Ein- und Ausreisepunkte, die penibel genau überwachten, wer wann wo welches Land verließ oder betrat).
Wer also noch schnell ein Weihnachtsgeschenk braucht (vielleicht sogar für Menschen, die sonst kaum Bücher in die Hand nehmen), kann mit „drüben!“ eigentlich nicht falsch liegen.
Fazit: Brillantes Dokument deutscher Zeitgeschichte.
Geeignet für: ‚Wessis’ und ‚Ossis’ und alle, die sich diesbezüglich nicht  (mehr) festlegen wollen.
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Sonntag, 4. November 2012

Penisneid deluxe


Meine aktuelle Buchbesprechung beschäftigt sich mit dem, was ich nicht habe, aber gern mal probehalber so für 24 Stunden besitzen würde – einen Penis. Da es insgeheim eigentlich jeder Frau so geht, dürfte Fiona Giles keine Probleme gehabt haben, AutorInnen für ihre Anthologie „Mann für einen Tag. Frauen erzählen“ zu finden.
Die Anthologie ist eine Zusammenstellung von Kurzgeschichten, fiktiven Biografien, Essays, Lyrik sowie Zeichnungen und Cartoons. Alle beschäftigen sich mit dem besten Stück des Mannes, nur dass er hier im Besitz von Frauen ist. Was würden sie tun, wenn sie einen Tag lang einen Penis geschenkt bekämen? Wie würden sie sich fühlen? Inwiefern würde es sie verändern? Die Beiträge sind so verschieden, wie die Autorinnen es sind (es befinden sich auch einige wenige Männer darunter, die hypothetisch gefragt wurden, was sie als Frau täten, wenn sie einen Penis hätten). Einige der Autorinnen sind gestandene Persönlichkeiten in der Literaturszene (Patricia Cornwell, Germaine Greer, Carol Wolper), andere eher kleine Lichter oder gänzlich unbekannt. Es sind Lesben vertreten sowie bisexuelle Frauen, doch der Fokus liegt eindeutig auf den heterosexuellen Frauen.
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gern an eine Szene aus ‚The L-Word’, in der die Damen sich genau zu dieser Frage, was sie denn mit einem Schwanz einen Tag lang anfangen würden, geäußert haben. Zwei Standardantworten liegen auf der Hand: pinkeln und diverse sexuelle Handlungen (allein oder in Gesellschaft). Diese beiden Antworten kommen in der Tat auch häufiger in „Mann für einen Tag“ vor. Allerdings ist die Anthologie dennoch viel mehr als nur eine statistische Ansammlung von Antworten auf ein philosophisches Thema. Es werden futuristische Szenarien entworfen wie bei Lisa Hill, die von einer Welt schreibt, in der Schwänze die Erweiterung der Palette an Schönheitsoperationen sind. Wie wäre eine Welt voller freiwilliger hermaphroditischer, weiblich sozialisierter Wesen? Es gäbe beispielsweise Schönheitssalons, die sich allein mit dem Wellness und der Verschönerung des Gemächts beschäftigen. Andere Beiträge beleuchten auf kritische Weise bestimmte Bereiche des Weltgeschehens (und deren patriarchale Strukturen), so z.B. den Zweig der Wissenschaft (Margaret Wertheim).
Sehr interessant war auch der Beitrag von Pat Califia (der mittlerweile Patrick heißt und der Leserschaft dieses Blogs vielleicht sogar ein Begriff ist*). Sein Text trägt den Titel „Dildo-Neid und andere phallische Abenteuer“ und auf ihn war ich besonders gespannt, da für ihn die Ausgangsfrage dieses Buch keine hypothetische war. Er schreibt: „Viel ist über das Phänomen des Penisneids geschrieben worden [...] [ich] würde aber gern zu bedenken geben, dass es – falls dieser Penisneid wirklich existiert – einen ähnlichen mächtigen, wenn auch weit weniger sichtbaren Komplex gibt, und zwar den des Dildo-Neids.“ (S. 102). Ziemlich anschaulich und sehr einleuchtend erläutert er die Machtposition von Lesben, da sie vom fehlenden Penis der Partnerin weniger eingeschränkt als bevorteilt sind, denn Dildos gibt es in allen Größen und Ausführungen und sie machen alles mit – so lange man möchte.
Im englischen Original heißt diese Anthologie „Dick for a day. What would you do if you had one“ und passenderweise lässt sich auch ihr entsprechendes Gegenstück „Chick for a day. What would you do if you were one“ finden. Leider ist dieser Band nicht auf deutsch erschienen und ich finde, die Übersetzung und Verbreitung auf dem deutschen Markt sollte unbedingt nachgeholt werden. Bis dahin bleibt uns nur, unsere eigene Fantasie anzustrengen: Was würdet ihr tun?
Fazit: Penisneid neu betrachtet – Freud hätte sicher seinen Spaß an diesem Buch.
Geeignet für: Gender-studies-StudentInnen/-Interessierte und alle, die schon mal über ihren hypothetischen Penis nachgedacht haben (oder jetzt damit anfangen wollen).
Das Buch ist vergriffen und nur noch aus zweiter Hand zu erwerben.

*Im Deutschen erschien von ihr u.a. der Ratgeber „Wie Frauen es tun“ und die Erzählungen „Frauen und andere Raubtiere“ (beides vergriffen).

Donnerstag, 1. November 2012

Fröhliches Gevögel


Manchmal verstecken sich im weitesten Sinne lesbische, sexuell explizite Themen dort, wo man sie nicht vermutet: in einem Buch mit Brust- und Penistorte auf dem Cover. Zur Unterstreichung möchte ich den überaus reizenden Klappentext von „Fröhliches Gevögel: Was Frauen sonst noch wollen“ zitieren:
„Journalistin: ‚Welche Praktik beschreiben Sie am liebsten?’
Ich (Sophie Andresky): ‚Cunnilingus, da ist man so schön nah dran.’
Journalistin: ‚Was?’
Ich: ‚Nah dran.’
Journalistin: ‚Nein, vorher.’
Ich: ‚Cunnilingus, also französischer Sex.’
Journalistin: ‚Ah! Blasen!’
Ich: ‚Nein. Lecken. Bei Frauen.’
Journalistin (mit rotem Gesicht): ‚O Gott.’“
Aus diesem kurzen Gespräch wird einiges deutlich. Zum einen lässt sich erahnen, dass die Autorin den Cunnilingus nicht nur gern (im Sinne der passiven Variante) beschreibt, sondern vielleicht sogar selbst mal ganz gern... Des Weiteren wird klar, dass Andresky kein Blatt vor den Mund nimmt und sich keines Wortes schämt, das ihr über die Lippen kommt. Und tatsächlich: wie es sich nämlich für eine sexpositive Frau wie sie gehört (nein, das ist nicht kritisch-ironisch gemeint), bekennt sie sich in ihren Texten zu ihrer Bisexualität. Und wir reden hier nicht von keuschen Küsschen um mitreden zu können (oder womöglich von Dreiern, um dem beteiligten Mann zu imponieren). In einer Episode schildert Andresky eine Begegnung zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben, als ihre sexuellen Erfahrungen noch keine Superlative erreicht hatten: „Ich war unerfahren bis auf einige Erlebnisse mit [...] und einigen sehr schönen Nächten mit Frauen. [...] / Der große Höhenflug war bisher nicht dabei gewesen (die Mädels mal ausgenommen [...])“ (S. 42). Das liest frau doch gern!  
Die schlechte Nachricht ist, dass „Fröhliches Gevögel“ zu gefühlten 90% dann doch nur Heterosex und alles, was dazugehört, zum Thema hat (ich nehme mal an, weil die Autorin in einer Heterobeziehung gelandet ist). Aber das tut dem Buch keinen Abbruch. Es ist trotzdem mehr als lesenswert (sofern man kein lesbisches Manifest erwartet oder die Herzfrequenz sich bei den Wörtern ‚ficken’ oder ‚vögeln’ in gesundheitsgefährdende Höhen steigert).
Im Übrigen handelt es sich hierbei um Andreskys gesammelte Kolumnen von joyclub und Penthouse, also abgeschlossene, kurze, essayartige Texte zu Themen der Pornobranche.
Andresky ist Feministin und auch wenn das Wort mittlerweile einen unangenehmen Beigeschmack hat und völlig unpopulär klingt, sie steht zu ihrer Meinung (z.B. spricht sie sich gegen Retuschierung von Fotos in Frauenmagazinen aus – ein nachvollziehbares Anliegen, wie ich finde).
Irgendwann habe ich in den vielen durchaus unterhaltsamen Essays bemerkt, dass Andresky gern vom Thema abkommt. In der Regel fällt es aber nicht auf, wenn sie vom Hundertsten ins Tausendste kommt, denn die Übergänge sind so geschmeidig wie ein gleitgelbenetzer Finger*. Langweilig wird das jedenfalls nie. Ob es an der Maxime ‚Sex sells’ liegt, an Andreskys unterhaltsamem, manchmal lakonischem Ton oder an der Tatsache, dass sie versucht, auf ungeklärte Fragen eine Antwort zu finden (und sich dafür auch gern in andere Blickwinkel hineindenkt), kann jedeR LeserIn für sich erkunden.
Nur manchmal erschien Andresky mir etwas zu festgefahren in ihrer Meinung. Genau das könnte man wieder als unfeministisch auslegen (denn nein, ich finde nicht, dass die Qualität der/des LiebhaberIn an der Quantität der erreichten Orgasmen zu messen ist). Aber vielleicht sollte man auch genau das mit Andresky nicht tun: jedes Wort auf die Goldwaage legen.
Fazit: Erfrischend unverblümte, authentische Essays über Sex und alles, was am Rande damit zu tun hat.
Geeignet für: Alle, die gern ihre zwei große Leidenschaften vereinen möchten: Bücher und vögeln.
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*Pardon, das konnte ich mir an dieser Stelle einfach nicht verkneifen.  

Samstag, 27. Oktober 2012

Unversehrt


 
Jüngst veröffentlichte Phenomenelle ein Interview mit einer der „beliebtesten deutschen Autorinnen für Literatur mit lesbischem Inhalt“, Mirjam Müntefering. Es war etwas ruhig im sie in letzter Zeit (der Grund dafür wird in diesem Interview genannt). Das soll jemanden wie mich nicht stören, die längst noch nicht alle bisher erschienen Bücher von ihr gelesen hat. Eines kommt nun aber dazu: „Unversehrt“.

Quelle: piper-verlag.de
Protagonistin ist Cornelia. Sie wird als uneheliches Kind der gerademal 16jährigen Gigi geboren. Ihr Vater ist Amerikaner und als er von der Schwangerschaft erfährt, lässt er Gigi im Stich. Cornelia wächst also mit ihrer jungen Mutter und ihren Großeltern auf. Statt der erhofften Prinzessin wird aus ihr ein Wildfang.

Die Leserin erlebt Cornelias Kindheit und Jugend mit, als würde eine gute Freundin davon erzählen. Bald bürgert sich durch ein Missverständnis ein ganz eigener Spitzname für Cornelia/Nelli in ihrem Freundeskreis – ja in der ganzen Schule – ein: David.

Als Gigi 30 wird, will sie mit David aus den elterlichen bzw. großelterlichen Gefilden ausziehen. Die neue, erstmals eigene Wohnung verändert für David und ihre junge Mutter alles. Gigi lernt Alois kennen und bringt ihn mit nach Hause. Zum ersten Mal muss David ihre Mutter mit jemand anderem teilen.

Als David mit ihrem besten Freund Henning auf das Gymnasium wechselt, um die Oberstufe zu absolvieren, wird sie in Schwärmereien verwickelt, da einige junge Mädchen sie für einen Jungen halten – nicht mehr nur ihres Namens wegen. David gewöhnt sich schnell an diese himmelnden Blicke. Nur ein Mädchen schafft es noch, sie mit ihrer Reaktion zu überraschen. Auf dem Schulflur begegnet sie Maya. Sie ist die erste, die sich für sie interessiert, WEIL (nicht obwohl) sie ein Mädchen ist. Es entwickelt sich eine zuckersüße Liebesgeschichte zwischen den beiden, obwohl Maya in einer so ganz anderen Welt lebt als David. Die beiden träumen von einer Zukunft und erwägen genau, wie es nach dem Abitur für David weitergehen wird, denn Maya wird den Abschluss erst ein Jahr nach ihr machen. Dann geschieht jedoch das, was die Leserin längst zwischen den Zeilen erahnt hat oder frühestens im Klappentext herausgefunden hat: nach der Abiturfeier wird David in einen schweren Autounfall verwickelt. Maya wird verletzt, ihre beste Freundin stirbt. Nur David bleibt – unversehrt.

Obwohl der Plot sich nicht immer dramatisch weiterentwickelt oder zumindest im ersten Teil absehbar ist, fliegt man durch die Seiten und hängt an Davids Lippen, als würde sie ihre Geschichte nur für die Leserin selbst erzählen.

Fazit: „Unversehrt“ ist ernster als viele andere Romane von Müntefering – dennoch für mich der beste, den ich bisher von ihr gelesen habe.

Geeignet für: dich ;-)

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Donnerstag, 25. Oktober 2012

Macken, Marotten, Ticks und spinnerte Gewohnheiten

 

Seltsam wie sich der Blick auf ein Buch verändern kann. Zugegebenermaßen habe ich diesen Titel vor längerer Zeit bereits gelesen und war nur noch nicht dazu gekommen, ihn zu besprechen. Wenn ich nun erneut hineinblättere, wird mir wider Erwarten schwer ums Herz.
Eigentlich hat mir „Des Wahnsinns fette Beute“ von Hella von Sinnen und Cornelia Scheel viel Freude und Amüsement beschert. Ich habe beim Lesen laut lachen und beim Lachen laut lesen müssen. Mit wunderbarem Kölschem Sprech interviewen die Damen deutsche Stars und Sternchen und stellen ihnen ganz besondere Fragen. Wissen wollen sie nämlich nichts über ihre Biografie, ihre Erfolge oder ähnliches, sondern die intimsten Geheimnisse gilt es ans Tageslicht zu bringen. Wer schläft noch mit einem Plüschtier im Arm und wenn ja, wie heißt es? Wer ist abergläubisch? Welche sinnfreien Macken und Marotten bereichert das Leben des jeweiligen Promis?
Die Beiträge beinhalten jedes Mal eine persönliche Kurzbiografie bzw. eine Erklärung dazu, wie die AutorInnen mit der jeweiligen Person in Kontakt kamen. Es folgen die intimen, herausgekitzelten Geständnisse in Form von akkurat abgetippten Interviews (inklusive lustigen Versprechern und Situationskomik). Dekoriert werden die Kapitel mit Fotos der Promis, die sie selbst aufgenommen haben und die sie beim Ausüben ihrer spinnerten Gewohnheiten zeigt.  
Mit dabei sind SchauspielerInnen, Berühmtheiten aus der Comedyszene, aus dem Musikbusiness und vielen anderen Bereichen. Der Großteil der Befragten stammt aus dem privaten Bekanntenkreis von Scheel und von Sinnen. Demnach ist auch der Anteil von Queeren und Freunden groß. Nach diesem Einschub jetzt wird jeder erahnen können, weshalb ich plötzlich etwas bedrückt bin, wenn ich dieses Buch besprechen soll. Auch der vor nicht allzu langer Zeit verstorbene Comedian und Moderator Dirk Bach wurde von den AutorInnen interviewt.
Weitere Highlights in diesem Buch sind für mich: Gayle Tufts, Gaby Köster, Barbara Schöneberger, Ralf König, Olivia Jones, Peter Plate (von Rosenstolz) und Partner, Bastian Pastewka, Jürgen Domian, Gabi Decker und Wigald Boning.
Fazit: Auch Promis sind nur Menschen und genauso gaga (oder auch mal ‚normal’) wie Otto-Normal-Menschen.
Geeignet für: Alle, die denken, sie hätten einen an der Klatsche. Denn die Antwort lautet: ja, habt ihr, aber keine Sorge, es geht jedem so.
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Mittwoch, 24. Oktober 2012

++ News ++ News ++


Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.
Es ist gängige Praxis, die schlechte Nachricht zuerst zu nennen, aber dem widersetze ich mich hiermit mal.
Die gute Nachricht ist: Ich habe einen Platz beim Buchjournal-Schreibwettbewerb belegt. Näheres dazu sowie die Geschichte selbst gibt es bei einem Klick auf das Wort ‚KlickJ
Nun zur schlechten Nachricht: Wer hier ab und an mal vorbeischaut, hat es längst gemerkt. Ich bin so was von vielbeschäftigt neuerdings. Juliette gets a life sozusagen. In der Tat gab es jüngst ein paar grundlegende Veränderungen im Bereich meines Brotjobs. Jene Tätigkeit ermöglicht es mir neuerdings nicht mehr, in den bisherigen übersichtlichen und regelmäßigen Abständen Blogartikel zu posten. Ich werde es ab sofort trotzdem weiter versuchen – eben in unregelmäßigen Abständen. Vermutlich wird die Themenvielfalt ausgedünnt werden. Wenn ich abergläubisch wäre, würde ich den Zusammenhang im Niedergang meiner Mimi sehen.
Das war’s auch schon. Kurz und knapp.
Haut rein!

Dienstag, 23. Oktober 2012

Das Orangenmädchen


„Wer nie jetzt lebt, lebt nie. Was machen Sie?“
(Piet Hein, dänischer Wissenschaftler und Literat)
Was machen Sie? Was macht ihr? Was machst du? Nutzt ihr jede Stunde, jede Minute, die ihr auf Erden habt, um das zu tun, was euch glücklich macht, sie vielleicht mit den Menschen zu verbringen, die ihr liebt? Wir haben nur dieses eine Leben.*
In „Das Orangenmädchen“ von Jostein Gaarder werden genau diese Fragen provoziert. Das Buch erschien in deutscher Übersetzung ein Jahrzehnt, nachdem Gaarder mit „Sofies Welt“ der internationale Durchbruch gelungen ist. Der philosophische Roman erzählt von Sofie, die plötzlich Briefe erhält und in einen geisteswissenschaftlichen Dialog tritt. Getreu dieser Linie ist auch „Das Orangenmädchen“ ein Briefroman. Das Besondere ist jedoch, dass er einseitig stattfindet, da einer der Gesprächspartner nicht mehr antworten kann.
Der fünfzehnjährige Georg erhält von seiner Großmutter übermittelt einen Brief von seinem bereits seit über elf Jahren verstorbenen Vater. Sie hat ihn durch Zufall in einem Versteck gefunden. Es ist ein langer Brief, der auch eine Geschichte enthält. Die Geschichte des Orangenmädchens. Georg schließt sich in sein Zimmer ein, lässt seine Familie links liegen. Seine Mutter, seinen Stiefvater, seine Halbschwester Miriam, seine Großeltern. Eine Aufregung macht sich in Georg breit, da er nun endlich mehr über den Mann erfahren kann, an den die Erinnerung so sehr verblasst ist, dass er gar nicht mehr weiß, ob sie echt ist oder sich nur noch aus Erzählungen speist.
Sein Vater berichtet von der Begegnung mit dem Orangenmädchen. Es war ein magischer Moment, als er in der Straßenbahn das Mädchen sieht, das eine mit Orangen prallgefüllte Papiertüte trägt. Eine kleine Fehleinschätzung bringt ihn dazu aufzuspringen und sie zu stützen, wodurch die Papiertüte reißt. Das Mädchen verschwindet und er bleibt in der Bahn mit all den liegengebliebenen Orangen und Fragen zurück. Das war der Auslöser. Er ist so fasziniert von diesem Mädchen, dass er beginnt, sie mitten in Oslo wiederzufinden. Und vor allen Dingen eine Frage ist es, die ihn beschäftigt: wozu braucht sie diese enorme Anzahl Orangen?
Georgs Vater erzählt ihm diese Geschichte in seinem Brief aus mehreren Gründen. Einer davon ist, dass er verdeutlichen will, dass die Welt, in der wir leben, voller Wunder, Rätsel und Magie steckt. Warum zieht es uns zu einem Menschen hin, dass wir bis zum Äußersten für diese Person gehen, während andere nichts dergleichen bei uns auslösen? Immer wieder kündigt er an, dass er Georg noch eine wichtige Frage stellen muss. Aber die findet erst ihren Platz, als die Geschichte des Orangenmädchens zu Ende erzählt ist.
In einem Briefwechsel gehen die Partner normalerweise auf das vorher Geschriebene ein. Georg kann nun nur noch antworten. Er unterbricht den Brieffluss seines Vaters hin und wieder und berichtet aus seinem Leben, antwortet auf die gestellten Fragen. Und so schreibt Georg ein Buch gemeinsam mit seinem Vater, auf zwei Zeitebenen, in zwei Leben.
Jostein Gaarder ist ein wunderbarer Roman gelungen, zu dem man leicht Zugang findet. Nicht nur die Teile von Georg sind in einer einfachen Sprache verfasst, sondern auch der seines Vaters, denn er ist ja letztlich auch für ihn bestimmt. Damit ist „Das Orangenmädchen“ auch wunderbar für Jugendliche geeignet und schafft gleichzeitig den Spagat, auch zu jeder anderen Altersgruppe Zugang zu haben. Für solche Bücher wurde wohl der Begriff „All-Age-Roman“ entwickelt. 
Fazit: Verträumt. Romantisch. Berührend.
Geeignet für: Einen Einstieg in Jostein Gaarders Werk.
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*Quod esset demonstrandum.

Freitag, 24. August 2012

100 und 1


Ich finde, es ist an der Zeit, mal eine kleine Bilanz zu ziehen. Dies ist nämlich sage und schreibe mein 100. Blogpost. Vor mehr als 1 Jahr habe ich mit diesem Spaß angefangen. Auch wenn sich mittlerweile immer größer werdende Pausen eingeschlichen haben, aufgehört habe ich nicht und werde ich alle Wahrscheinlichkeit auch nicht (auch wenn die Pausen wieder nicht zu vermeiden sein werden).
Ich möchte diesen Post auch nutzen um euch reinen Wein einzuschenken. Mimi, mein Mimöschen, ist nicht wiederauferstanden. Ich habe keinen grünen Daumen. Oder Mimi hat sich doch etwas sehr mimosenhaft gegeben. Ich hatte eine Weile mit dem Gedanken gespielt eine Mimi 2.0 zu ziehen, aber ich lass es wohl besser gleich sein. Ich hoffe nur, das ist kein schlechtes Omen für diesen Blog. Eigentlich müsste er zeitgleich mit Mimi verbuddelt werden (denn Mimi war ja das Maskottchen des Blogs). Aber ich brings nicht übers Herz. Was meint ihr denn, tut das Not oder kann ich diesen Blog ruhigen Gewissens weiterführen?
Und wenn ja, würde mich anlässlich dieses kleinen Jubiläums ja mal interessieren, was ihr an diesem Blog besonders wertschätzt…oder anders gefragt, was ihr euch für die Zukunft mal wünschen würdet. Ich geb da jetzt gar nichts vor, sondern lass mich überraschen. Oder auch nicht und mach weiter wie bisher J.

Dienstag, 21. August 2012

Freundefinder


Marie-Claire tat was Skandalöses
Im Sinn stand ihr dabei nichts Böses.
Hat sich selbst aus Facebook entfernt,
Denn sie hat aus ihren Fehlern gelernt.

Stattdessen belebt sie eine alte Mode
Entweckt das Poesie-Album der Schlafperiode
Das Problem dabei war klein:
Keiner schrieb sich ein.

Montag, 20. August 2012

Schüchternes Mädchen trifft knallharte Butch


Es gibt Bücher, die es schaffen, eine ganz explizite Stimmung zu transportieren. Dazu gehört für mich „Shy Girl“ von Elizabeth Stark.
Sobald man auch nur wenige Sätze gelesen hat, ist man von Melancholia ergriffen. Die rührt von dem dauerhaften Leben in der Vergangenheit her. Es ist Alta, die coole Bodypiercerin aus San Francisco, in der Szene bekannt wie ein bunter Hund (nicht zuletzt wegen ihrer sexuellen Abenteuer), die immer wieder in Erinnerungen schwelgt. Denn obwohl ihr Leben eigentlich erfüllt ist, hängt sie den Zeiten nach, in denen sie mit Shy glücklich war. Shy (die eigentlich Sasha heißt) war die Tochter der Nachbarin. Sie war zwei Jahre älter und freundete sich schnell mit Alta an. Bald war es Alta, die sich reifer fühlte. Sie wusste als Erste über ihre Gefühle für Shy, aber auch Shy spürte die Anziehungskraft, die bald über Freundschaft hinausging. Diese Erinnerungen wirken auf den Leser oft nicht wie ein literarisches Mittel sondern so wie Erinnerungen im realen Leben sind; nämlich viel mehr als nur Erlebtes; etwas, das einen bis ins Mark geprägt hat.
Altas Erinnerungen werden stärker denn je hervorgerufen, als sie die Nachricht erhält, dass Shys Mutter wegen einem Schlaganfall im Krankenhaus liegt. Die etwas eigenwillige Mrs. Mallon hat Alta damals bei sich aufgenommen, als diese mit ihrer eigenen Mutter zunehmend Probleme hatte. Mrs. Mallon ist daher viel mehr als nur eine Nachbarin. Sie ist der Rettungsanker, der Alta zwar auch mehr als genug Rätsel aufgegeben hat, aber den sie auch uneingeschränkt wertschätzt, weil sie von ihr immer so akzeptiert wurde, wie sie war.
Seit etlichen Jahren hatte Alta keinen Kontakt mehr zu Shy und wüsste auch gar nicht, wie sie sie erreichen sollte. Der Zufall will es, dass sie mit der Wiederwahltaste von Mrs. Mallons Telefon Erfolg hat. Shy sträubt sich erst, aber willigt schließlich ein, sich von Seattle auf den Weg zu machen. Sie hat ihre Mutter nicht mehr gesehen, seit sie nach der Schule fortgezogen ist und ihren eigenen Weg gegangen ist. Und jetzt hängt das Leben ihrer Mutter in der Schwebe.
Als Alta Shy vom Flughafen abholt, wartet die erste Überraschung auf Alta. Es ist nicht die letzte, die das Buch bereithält und je mehr Alta in der eigenen Vergangenheit gräbt, desto mehr Wahrheiten kommen ans Tageslicht – nicht immer zur Freude aller Beteiligten.
Was die optische Aufmachung angeht, so setzt Orlanda für das Cover auf eine Fotografie der bekannten Fotografin Anja Müller. Ich finde sie auch sehr ansprechend, aber leider decken die Frauen sich nicht mit dem Bild in meinem Kopf, das ich mir im Laufe des Lesens von Shy und Alta machte. Das tut dem Buch jedoch keinen Abbruch. Der Amerikanerin Elizabeth Stark ist mit „Shy Girl“ ein toller Roman gelungen, auf dessen Nachfolger wir weiterhin gespannt sein können („Shy Girl“ erschien 2002; in der Information zur Autorin stand, dass sie an einem nächsten Roman arbeitet).
Lieblingszitat: „"Aber Neugier ist auch eine Art Wissen, ein Wissen, dass es etwas zu wissen gibt." (S. 141)
Fazit: Atmosphärisch, berührend, unvergesslich.
Geeignet für: Melancholische Wanderungen in die Vergangenheit.
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Donnerstag, 19. Juli 2012

Höflichkeit: ein Update. 2: Mit freundlichen Grüßen


Beim ersten Höflichkeitsupdate ging es um Hüte, wann man sie zieht und wann man sie getrost auf dem Kopf behalten kann. Dieses Thema tangiert uns auch, wenn es ums Grüßen geht.
Als Herren noch behütet das Haus verlassen mussten, war ein Gruß meist mit dem Ziehen des Hutes verbunden. Warum eigentlich? Diese Tradition reicht zurück in eine Zeit, in der es etwas kriegerischer zuging. Der Ursprung liegt nicht im Hut, sondern im militärischen Helm. Wenn man ihn abgesetzt hat, war dies eine deutliche Bekundung der eigenen, friedlichen Gesinnung. Diese Motivation wurde auf das Lüften des Hutes übertragen. Barhäuptigkeit war also mit friedlicher Gesinnung gleichzustellen.
Das hat sich in unserer weitestgehend pazifistischen Welt etwas verloren, aber wenn jemand jemanden aus dem Freundschafts-, Bekannten- oder Verwandtenkreis auf der Straße oder andernorts trifft, ist der Wechsel eines Grußes noch immer angebracht bis dringlichst empfohlen. Aber wer, was, wen, wie? Ich fasse noch mal kurz zusammen (mit Dank an die Herren Schweickert und Hold):
!          In Deutschland grüßt grundsätzlich der Herr die Dame. (Das ist in anderen Ländern anders. Z.B. grüßt in England die Dame zuerst, da es ihr überlassen ist, ob sie in aller Öffentlichkeit zur Bekanntschaft des Herrn stehen möchte).
!          Bei Vertretern des gleichen Geschlechts grüßt der_die Jüngere den_die Ältere_n.
!          In Dienstverhältnissen grüßt der niedere den höheren Angestellten.
(S. 27f.)
Eigentlich kommen mir diese Regeln sehr natürlich daher. Im Gegensatz zu den alten Hüten ist das etwas, das mir durchaus nahegebracht wurde. Freilich weniger in Form solch penibler Reglements. Als Faustregel galt sonst immer: lieber einmal zu viel gegrüßt als einmal zu wenig. So kommt beispielsweise auch ein grüßender Chef sehr gut an (bemerken auch Schweickert und Hold). Genderpolitisch sind diese starren Regeln natürlich auch absoluter Mumpitz. Wer wen zuerst grüßt, sollte wirklich egal sein (in obigen Regeln geht es ja darum, wer mit dem Grüßen beginnt, denn erwidert werden soll er ja so oder so). Am besten ist es doch, wenn beide möglichst gleichzeitig grüßen.
Schwieriger finde ich allerdings die Frage, ab wann man sich denn überhaupt kennt. Reicht es, wenn man sich täglich im ÖPNV zur selben Zeit begegnet? Oder muss man auf jeden Fall dann auch schon mal ein Wort miteinander gewechselt haben? Was ist, wenn man selbst denkt, man kenne sich vom Sehen her oder auch durch einen kurzen Wortwechsel so sehr, dass man sich grüßen könne, das Gegenüber sieht das aber ganz anders? Vielleicht ist man der_dem anderen auch einfach gar nicht im Gedächtnis geblieben. Wenn man in diesem Fall grüßen würde, liefe man doch Gefahr, als schrullig dazustehen. Derartige Gedanken kommen mir manchmal. Auch Schweickert und Hold haben die Realität nicht außer Acht gelassen und grenzen damit die Grußmodalitäten ein. Sie schreiben vom Verhalten, das man an den Tag legt, wenn man jemanden einfach nicht kennen möchte und der Begegnung öffentlich aus dem Weg gehen möchte. Die Aufmerksamkeit wird dauerhaft auf etwas völlig anderes fixiert. Sicher ist dies auch eine Möglichkeit. Womöglich ist das Nichtkennenwollen auf Gegenseitigkeit begründet, sodass es gar nicht erst zur Diskrepanz im Grüßenwollen kommt.
Wie gesagt, wenn ich nicht grüße, liegt das oftmals auch daran, dass ich davon ausgehe, dass mein Gegenüber mich gar nicht (mehr) zuordnen kann, weil ihm_ihr vielleicht am Tag mehr Leute über den Weg laufen als mir. Im Zweifelsfall kann man ja auch mal davon ausgehen, dass nicht jeder immer gegrüßt werden will.
Nun trifft dies ja vor allem auf entfernt stehende Bekannte oder berufliche Kontakte zu. Was ist aber mit engeren Bekannten und Freunden? Genau jetzt kommen wir an den Punkt, an dem das Update notwendig ist. Man nickt sich nämlich nicht mehr einfach nur zu oder zieht den Hut (was ja wie gesagt auch nicht mehr getan wird). Wir sind cosmopolit. Dank der Globalisierung küssen wir uns sogar! In südeuropäischen Ländern ist dies gang und gäbe und mittlerweile auch bei uns nichts Seltsames mehr. Dennoch sind wir Deutschen eben keine Südländer und diese neue Nähe beim Begrüßen wird nicht immer nur genossen. So gilt im nordeuropäischen Raum z.B. eine Armlänge als Richtwert für den Abstand zu weitestgehend fremden Menschen oder entfernteren Bekannten. Ansonsten ist die Konsequenz der Weltoffenheit, dass es ein weitläufiges Mischmasch aus Begrüßungsritualen gibt. Man kann sich einfach nur verbal begrüßen. Man kann sich die Hand geben. Man kann während des Reichens der Hand eine halbe Umarmung andeuten. Man kann sich richtig mit beiden Armen umarmen. Man kann bei einer solchen Umarmung mit den Lippen die Wange des anderen streifen, ein Küsschen andeuten. Man kann letzteres zwei Mal machen (links-rechts). Oder gar dreimal (links-rechts-links). Dann gibt es noch den schwungvollen Handschlag auf Brusthöhe, der bisweilen vor allem von Herren praktiziert wird. Fortgeschrittene Grüßer ziehen sich zueinander, bis die eine Schulter kurz die andere berührt. Man kann dies Gebaren auch weiterführen und ganze Choreografien erfinden, bei denen Fäusten von oben oder unten aufeinanderprallen, sich wieder öffnen usw. usf. Durchaus unterhaltsam finde ich diese Tenzenden.
Der harmonische Mittelweg, eine freundliche, aber nicht zu aufdringliche Umarmung finde ich persönlich meist am angenehmsten. Je lieber der Mensch einem ist und je vertrauter man miteinander ist, desto fester darf man zudrücken. Die Schwierigkeit ist manchmal noch, zu erkennen, welches Distanzbedürfnis der andere hat und inwiefern das mit einem selbst vereinbar ist. Denn auch so manch besonders enger Freund hat wortwörtlich Berührungsängste und mag keine übertriebenen Umarmungszeremonien.
Grüßen ist also schlussendlich immer noch wichtig und gehört quasi zum guten Ton. Nur die Art und Weise hat sich geändert. Mit Hüten haben nur noch die wenigsten etwas am Hut. Stattdessen werden engere Bekannte gern mal etwas ausufernder geherzt.
In diesem Sinne
Mit lichen Grüßen
Juliette

Montag, 16. Juli 2012

Transformation

Es war einmal ein kleiner Geselle,
Der veränderte sich an Ort und Stelle.
Immer wenn er etwas aß,
Dann begann ein großer Spaß.
Vor allem für das Publikum,
Denn er wurde schief und krumm.
Und auch so blass wie Rügenkalk,
Man nannte ihn kulinarischen Hulk.

Ihm blieb nichts übrig außer Faxen.
Gegen Hunger war kein Kraut gewachsen.

Donnerstag, 5. Juli 2012

Die ewige Schule


Mit Erzählbänden ist es so eine Sache. Jede Geschichte muss aufs Neue überzeugen. Das habe ich diesmal sogar besonders deutlich in „Die ewige Schule“ von Christa Reinig gespürt.
Ich habe dieses Büchlein vor längerer Zeit gebraucht erstanden. Der besondere Reiz lag für mich daran, dass die Autorin einer völlig anderen Generation entstammt, andere Erfahrungen gesammelt hat und diese natürlich auch ihre Texte beeinflussen. Christa Reinig wurde 1926 in Berlin geboren und verstarb vor vier Jahren. Sie hat den Krieg miterlebt und genau diese Abgeklärtheit und das Wissen um die Vergänglichkeit des Lebens spürt man in ihren Geschichten.
So beginnt beispielsweise gleich die erste Erzählung „Ein Sonntag im Krieg“ mit einem schrecklichen Albtraum, den die Protagonistin Angelika, die sich eigentlich den Frieden herbeisehnt, im Laufe der Geschichte zu verarbeiten sucht.
Viele der übrigen Erzählungen hatten leider keinen besonderen Nachhall für mich. Da wären zum Beispiel „Leben auf dem Land“, das von der stadtsüchtigen Rosi und der landwütigen Sara erzählt, die versuchen, sich gemeinsam mit Hunden und Katzen in einem Landleben einzurichten.
In „Die Wölfin“ sitzt Lupe im Park auf einer Bank und versinkt in einem ihrer vielen Wolfs-Bücher. Von niemandem will sie dabei gestört werden, aber als da diese Frau neben ihr sitzt und sie anspricht, überlegt sie es sich noch einmal.
Über „Kluge Else, Katherlieschen und Gänsemagd als Bremer Stadtmusikanten“ heißt es im Klappentext trefflich: „Gemeinsam sind sie stark: die bei den Grimms so typisch verdämlichten Märchenfiguren tun sich bei Christa Reinig zusammen und schlagen sogar eine Kameraderie Soldaten samt Offizier in die Flucht.“
„Der schwarze Mond“ ist ein gehobener, wissenschaftlich geprägter Text über literarische und sprachliche Frauenkultur, an dem ich leider den Unterhaltungswert vermisst habe.
Nun aber zu den Glanzstücken des Erzählbandes. Für mich sind das ganz eindeutig „Asche und Erde“ sowie die Titelgeschichte „Die ewige Schule“. In „Asche und Erde“ geht es um ein Lesbenpaar, das gemeinsam alt geworden ist. In der beschriebenen Beziehung geht die Zuneigung zueinander (oder ist es Gefälligkeit?) über den Tod hinaus, denn beide Frauen haben verschiedene Vorstellungen davon, was nach dem Tod mit ihren Körpern passieren soll. Dennoch wollen sie ein gemeinsames Ende und auch im Tode miteinander vereint sein. So entsteht ein hitziger Disput über Bestattungsmethoden und sie versuchen sich gegenseitig in ihren Entscheidungen zu beeinflussen.
In „Die ewige Schule“ gibt es ein Wiedersehen mit den Figuren des legendären Films „Mädchen in Uniform“ beziehungsweise dessen literarischem Vorbild von Christa Winsloe*, mit dem sich die Autorin eingehend beschäftigt hat. Die Leserin zieht mit der Erzählerin durch die Straßen Potsdams bis zu dem Mädcheninternat, das im Film Schauplatz für die Liebe von Manuela Meinhardis zu ihrer Lehrerin Fräulein von Bernburg wurde. Die Erzählung geht aber über diese Betrachtung hinaus. Sie verwebt verschiedene Ebenen miteinander und beleuchtet dabei den Schulalltag im Wandel der Zeit. Das Paradoxon ist, dass es keinen Wandel gibt. Es gab und wird sie immer geben: Schüler und Schülerinnen, die sich nicht dazugehörend fühlen, die gegen den Strom schwimmen und wenn auch nur in Gedanken. Gleichzeitig ist die Schulzeit aber vielleicht sogar die prägendste des Lebens. Ein schwerer Balanceakt für alle Beteiligten: sich entfalten können und wollen, Anerkennung bekommen aber auch Toleranz lehren, lernen und von anderen erfahren. Wer weiß, wie man das alles unter einen Hut bekommt, erhält wohl den Nobelpreis für Pädagogik.
Fazit: Tiefschürfende Erzählungen mit Deutungspotential.
Geeignet für: LeserInnen, die zum Nachdenken angeregt werden wollen.
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*Der Roman wurde ursprünglich von Daphne verlegt. Eine Neuauflage von „Das Mädchen Manuela“ erscheint im August bei Krug & Schadenberg.

Dienstag, 26. Juni 2012

Höflichkeit: ein Update. 1: Gut behütet


Wir sind nicht mehr im Mittelalter! Nein, sind wir nicht, aber dennoch gibt es ein paar Relikte aus der spätmittelalterlichen Zeit, zum Beispiel die Tugend der Höflichkeit (man betrachte in diesem Zusammenhang auch die Etymologie des Wortes: Höflichkeit > Hof / höfisch). Beim Wort Höflichkeit denkt man sicher auch zuerst an den Freiherrn von Knigge, dessen Name sich ja längst zu einem Konzept verselbstständigt hat. Knigge, das ist Verhalten nach festgesetzten Regeln. Wir denken an Atü-Grenzen beim Begrüßungshändedruck. Wir denken an Pretty Woman Julia Roberts, die in ihrer berühmtesten Rolle kleine Irritationen zeigt, angesichts der Vielfalt an Besteck beim formalen, abendlichen Dinner*. Und letztlich geht es uns allen darum: wie kommen wir beim Gegenüber an? Was denkt er_sie von uns? Gut, dass es da eben so etwas wie den guten alten Knigge gibt. Problematisch ist nur, dass wir nicht im luftleeren Raum leben. Die Sozialkultur ist ständig im Fluss. Wir verändern uns, die Kultur verändert sich. Die Globalisierung trägt ihr Übriges dazu bei. Und plötzlich hört man, dass man gar nicht mehr ‚Gesundheit’ sagen soll, wenn jemand niest. Da blickt doch kein Mensch mehr durch! Ich nehme diese Bürde mal auf mich und versuche für euch den Durchblick zu erhaschen und in loser Reihenfolge als Blogposts zu veröffentlichen.
Als Textgrundlage für meine Ausführungen stütze ich mich auf das Buch „Guten Tag, Herr von Knigge: Ein heiteres Lesebuch für alle Jahrgänge über alles, was ‚anständig’ ist“ von W.K.Schweickert und Bert Hold (1958). Hauptsächlich deshalb, weil ich es gerade da habe. Dieser Band ist ja quasi eine der vermutlich sehr vielen Sekundärliteraturen zum Knigge. „Über den Umgang mit Menschen“ erschien 1788, das ist also ein Sprung von fast 200 Jahren. Da sind die gut 50 Jahre, die ich seit dem Erscheinen von Schweickerts und Holds Buch noch mal drauflege doch ein Klacks, oder?

Teil 1: Gut behütet

Im Kapitel „Goethe contra Knigge“ beschäftigen sich Schweickert und Hold mit der Frage ‚In welchen Situationen sollte der Herr seinen Hut lüften?’ Goethe plädierte dafür, den Hut beim Neigen des Hauptes anlässlich des Grußes einer Dame, auf dem Kopf zu belassen. Diesbezüglich vertritt er eine andere Meinung als Knigge. Die Autoren fassen also noch einmal zusammen, wie es denn nun wirklich gemacht werden solle:
!          Betritt ein Herr einen geschlossenen Raum, hat er den Hut abzunehmen.
!          Auch ein Fahrstuhl ist ein geschlossener Raum.
!          Treppenhäuser und Korridore großer Verwaltungsgebäude zählen nicht als geschlossene Räume.
!          In Bus und Straßenbahn darf man(n) den Hut aufbehalten. Allerdings nicht mehr dann, wenn er denselben zieht, um mit dieser Geste seinen Sitzplatz einer Dame oder einer älteren Person anzubieten.
!          In der Eisenbahn jedoch lüftet man seinen Hut zum Gruße, wenn man das Abteil betritt und setzt ihn künftig auch nicht wieder auf.
!          Damen haben es wesentlich leichter. Sie dürfen ihre Kopfbedeckung – bis auf die Einnahme von Hauptmahlzeiten im Restaurant – dauerhaft auf dem Haupte belassen.
(S. 26f.)
Okay, das alles ist so was von nicht mehr up-to-date. Es fängt ja schon damit an, dass 90% der Bevölkerung häufig gar keine Hüte mehr trägt. Die übrigen 10 % sind die Queen und Jan Delay. Ihn habe ich übrigens noch nie den Hut ziehen sehen. Und hat es mich gestört? Nein, es ist mir noch nicht einmal aufgefallen. Vielleicht lenkt seine quietschige Stimme von allem anderen ab.
Ich musste beim Lesen dieser Passagen immer an die heutige Generation denken. Ich stellte mir zum Beispiel einen kleinen Hip Hopper mit Basecap vor und versuchte, einzuschätzen, wie ich es finden würde, wenn er in der Straßenbahn vor meinen Augen aufstehen, sein Basecap ziehen und mir seinen Sitzplatz anbieten würde. Ich kann nicht sagen, ob ich mich freuen oder veräppelt fühlen würde. Irritiert wäre ich in jedem Fall.
Wenn ich aber lese, dass Damen schon wieder ganz andere Verhaltensweisen gestatten werden, was die Hutmode betrifft, kommt die genderpolitisch geschulte Emanze in mir heraus. Also bitte, ich setze mich dafür ein, dass diese Regeln allesamt gestrichen werden. Ich möchte, dass niemand – egal, ob Mann oder Frau, (Drag-)King oder Queen – seinen oder ihren Hut oder Mütze lüften muss, egal zu welcher Gelegenheit. Einzige Ausnahme: wenn die Kopfbedeckung (z.B. breite Hutkrempen oder Schirmmützen) die freie Sicht auf die Augen während eines Gespräches einschränkt! Ansonsten darf aber jede und jeder den Hut oder die Mütze lüften, egal ob aus Hitzestau oder zur Parodie höflichen Verhaltens.
Schweickert und Hold mokieren sich in ihrer Regelzusammenfassung übrigens darüber, dass viele Herren ihre Hüte in Kaufhäusern, Fahrstühlen und so weiter nicht abnehmen. Dabei gehe es doch darum, den dort arbeitenden Angestellten denselben Respekt zu zollen, den man selbst zu empfangen erwartet. Wie gesagt, ich erwarte das nicht. Aber liegt das an mir oder geht euch das auch so? Vielleicht würde Jan Delay beim Lüften seines Hutes Kleingeld hineinfliegen, weil die Fans diese Geste längst nicht mehr kennen.
Schlage ich nun mit dieser Meinung aus der Art, sollte ich mehr auf der Hut sein oder seht ihr das ähnlich? Lasst es mich wissen, bevor ich mich total blamiere, wenn ich mal meinen Hut zu ziehen vergesse.
In diesem Sinne,
wohlbehütet grüßt
Juliette

*Interessanterweise beschäftigt sich der Freiherr von Knigge in seinem Buch gar nicht mit derartigen Benimmregeln. Die wurden viel später erst dazugedichtet.

Montag, 11. Juni 2012

Michaela


Michaela lebt mitten im Pott,
wechselt die Frauen andauernd und flott.
Schuld ist nur ihr Dortmund-Shirt, weil
Nach unten zeigt der deutliche Pfeil.
Geschmacklos ist sie, aber Sexgott!

Freitag, 8. Juni 2012

Fuckwoman - eine Heldin?

Warwick Collins’ Roman „Fuckwoman“ beginnt im Büro der L.A. Angel Times Newspaper. Es wird über eine mysteriöse Frau berichtet. Sie macht die Straßen von Los Angeles unsicher. Ihre Opfer sind jedoch nicht willkürlich gewählt. Es handelt sich stattdessen um gesuchte Sexualstraftäter. Nach dem Motto ‚Auge um Auge – Zahn um Zahn’ rächt sie sich an diesen Männern, entblößt Exhibitionisten, zahlt es Vergewaltigern mit ihren eigenen Mitteln heim. In besagter Zeitungsredaktion werden die Fernsehberichte über Fuckwoman, wie sich die Unbekannte nennt, verfolgt. Die erste Assoziation, die sich quasi aufdrängt, während der Leser einen Kameraflug durch die Redaktion macht, ist Superman. Der wohl berühmteste Superheld unserer Kultur ist ebenfalls Zeitungsreporter (beim Daily Planet im Metropolis des DC-Universums). Dass diese Assoziation beabsichtigt ist, zeigt sich im Verlauf des Romans durch intertextuelle Verweise auf die Superman-Figur. So ist beispielsweise einer der Schauplätze die Los Angeles City Hall, die in der Superman-Fernsehserie als Sitz des Daily Planet fungierte.
So ist es auch kein großes Geheimnis, dass das Alter Ego von Fuckwoman eine Reporterin ist. Cynthia Laleague ist die Vorzeigeemanze bei der L.A. Angel Times und damit nicht unbedingt die beliebteste Angestellte ihres Macho-Chefs. Cynthia ist verantwortlich für Polizeiberichte und Reportagen über Sexualstraftaten. So ist sie bestens informiert und arbeitet eng mit der Polizei zusammen, wodurch sich natürlich erklärt, wie Fuckwoman ihre Opfer findet.
Fuckwoman spaltet die Bevölkerung L.A.s. Sie findet zum Einen eine große Anhängerschar innerhalb der Bevölkerung, wird als Heldin verehrt. Auf der anderen Seite stehen die Behörden und der Polizeiapparat, die ihre Macht untergraben sehen. Genau dieser Reibungspunkt ist die große Stärke des Romans. Ich war von Anfang an äußerst angetan von dieser Grundidee. Es wird dauerhaft beim Lesen eine Debatte eröffnet. Immer wieder stellt man sich selbst Fragen. Ist Selbstjustiz gerechtfertigt? Ist sie es vielleicht nur manchmal? Ist Selbstjustiz gerecht? Wo hört Zivilcourage auf? Ist Gewalt gerechtfertigt? Wo endet Notwehr, wo beginnt der eigenmächtige Angriff? (Und wie ist die Meinung des Autors zu all dem?)
Spannung erzeugt „Fuckwoman“ dadurch, dass Cynthias Motive nur sehr sparsam aufgedeckt werden – und das obwohl große Teile des Romans Cynthias Perspektive beleuchten. Sprachlich ist der Roman leicht verständlich, lässt sich ohne Stocken lesen und manchmal findet man sogar die ein oder andere originelle Beschreibung.
Gen Ende hin war ich etwas enttäuscht von der Handlung. Es geht um zu viele Themen, als dass man sich auf eines konzentrieren könnte (in meinen Augen müsste das Selbstjustiz sein). Beispielsweise geht es später auch noch um den Umgang der Justiz mit Straftätern. Fuckwoman wird immer weniger mit ihren Motiven greifbar, damit bleibt mir auch bis zum Ende ein Rätsel ob sie (für den Autor) eine Heldin, eine Anti-Heldin oder ein Opfer darstellt.
Interessante Nebensächlichkeiten:
Ø     Einer der gesuchten Sexualstraftäter, die Fuckwoman aufsucht, ist ein Vergewaltiger namens – Achtung – Pablo Cipasso. Was uns Collins mit dieser interessanten Namenswahl sagen möchte, soll bitte jede_r selbst schlussfolgern. Ich glaube jedenfalls nicht, dass sie zufällig geschehen ist.  
Ø     Eine Zeugenaussage nach einer von Fuckwomans Angriffen schätzt die Täterin wie folgt ein: „Am ehesten eine Diesel-Dyke aus Orange County“ (S. 61). Dies zeigt nicht nur, dass der Roman auch Stereotype thematisiert (z.B. die Lesbe als Männerhasserin), sondern ich habe auch einen neuen Begriff gelernt (ich finde ja, dass ‚Diesel-Dyke’ klingt, als würde es sie nur in den U.S.A. geben).
Ø     Und auch das Thema Homosexualität wird angesprochen, nicht nur mithilfe der Diesel-Dyke. „Er [ein schwuler Freund von Cynthia] hatte ihr eröffnet, dass er schwulen Sex als rein empfinde, die Heterosexualität hingegen als mit dem Makel konfliktträchtiger, widerstrebender Erwartungen behaftet.“ (S. 71) Diese Textstelle scheint mir etwas konstruiert, weil es nicht noch einmal aufgegriffen wird. Es ist nicht ganz klar, ob es hier nur um Physisches geht oder auch um die soziokulturelle Ungleichheit von Mann und Frau. Aber zum Nachdenken regt es allemal an.
Fazit: „Fuckwoman“ versetzt den_die Leser_in vielleicht nicht unbedingt in Atemlosigkeit. Dennoch hätte dieses Buch schon allein des Themas wegen etwas mehr Aufmerksamkeit verdient.
Geeignet für: Held_innen des Alltags
Wenn die Rechercheuse nicht irrt,
ist dieses Buch aktuell nicht im Handel erhältlich,
sondern nur second hand zu erwerben.

Donnerstag, 24. Mai 2012

Es wird besser in der Politik


Fast zwei Jahre ist es her, dass Amerika der Atem stockte: mehrere Teenagerselbstmorde als Folgen von Homophobie gingen durch die Presse. Es war Zeit zu handeln. So wurde das „It gets better“-Projekt geboren, eine internetbasierte Plattform, deren Ziel es ist LGBTI-Jugendlichen Mut zu machen. Es fängt Stimmen von Betroffenen ein und hat prominente Unterstützerinnen, die sich gegen Homo- und Transphobie aussprechen. Darunter sind z.B. Gloria Estefan, Justin Bieber, Ellen DeGeneres, Tom Hanks oder Lady Gaga.
Und auch der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack Obama, vermittelte bereits 2010, dass es besser werden wird. Die Zukunft ist jetzt. Mittlerweile hat sich Obama dazu bekannt, die Homoehe (in Gleichstellung zur herkömmlichen Eheschließung und nicht in Form einer Zivilpartnerschaft) zu unterstützen. Der Satz „I think same-sex couples should be able to get married.“ wird in Amerika wohl ähnlich viel bewegen wie „Ich bin schwul und das ist auch gut so!“ Obamas Stellungnahme ist besonders brisant, da den Staaten erneut Wahlen bevorstehen.
Trotz Amerikas Status als Weltmacht ist das Land doch recht weit weg von uns. Gut also, dass „It gets better“ auch in Europa Fuß fasst.
Kürzlich bin ich auf folgendes Video aufmerksam geworden, in dem Mitglieder des Europaparlaments sich zu Wort melden. Viele äußern sich in ihrer Muttersprache, aber nicht nur Linguisten werden ihre Freude an dem Clip haben.

Auch speziell in Deutschland gibt es mittlerweile einen Ableger der Kampagne. Näheres dazu findet ihr auf http://www.eswirdbesser.org/ und speziell deren Youtube-Account.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Die Rumba


Eines Nachts um kurz nach drei
Schaut Paul in Emmis Garten vorbei.
Wie sie doch das Schicksal traf:
Genau wie Paul wandelt sie Schlaf.

In beider stillem Einvernehmen
Beginnen sie ohne sich zu schämen
Eine Rumba erster Güte.
Zertreten dabei fast jede Blüte.

Drehn sich heiß im Mondesschatten
Dachten, sie wärn einander Ehegatten.

Dienstag, 22. Mai 2012

Kohlenstofflebensformen


Passend zum kürzlichen GCT (und zum jüngsten Queergelesen) möchte ich euch heute einen Comic von Alison Bechdel vorstellen: „Lesben und andere Lebensformen auf Kohlenstoffbasis“. Es ist der bisher zuletzt erschienene Band in deutscher Übersetzung um Mo und ihre Freundinnen.
Mo, die Frau, die von ihrer zeichnenden Erschafferin zum dauerhaften Tragen von gestreifter Oberbekleidung verdammt ist, arbeitet in dem unabhängigen Frauenbuchladen Madwimmin Books. Viel kommt dabei nicht rum, wohingegen ihre Partnerin Sydney etwas freigiebiger mit ihren Einkünften sein kann. Für beide geht es daher immer wieder um die berufliche Zukunft. Wird Sydney einen Posten als Professorin an der Uni erhalten, wo sie promoviert? Ist der neue, riesige Internetversandhandel eine zu große Bedrohung für Madwimmin Books? Ist der Job überhaupt das, was Mo bis ans Ende ihrer Tage machen möchte?
Darüber hinaus schneidet Bechdel vielfältige Themen an. Ein Fokus scheint mir auf der Entwicklung von Langzeitbeziehungen zu liegen. Wie sieht es aus, wenn die Leidenschaft verpufft? Ist das ein schlechtes Zeichen oder einfach nur Alltag? Es geht um das Familienleben mit einem Kind, Ungleichgewichte in Beziehungen, Workaholismus, Depression und Wechseljahre, die eine Partnerschaften auf die Probe stellen können. Daneben spielen aber auch neue Liebschaften eine Rolle, wie z.B. die von Ginger, die Jasmin kennen lernt und schockiert ist, als sie feststellt, dass sie bereits ein Kind hat. Ist sie bereit für eine feste Bindung jenseits der Spaßgeneration? Ernste Entwicklungen nimmt auch die Beziehung von Sparrow an, die von ihrem Radikallesbendasein in eine Heterobeziehung gerutscht ist und nun auch noch schwanger geworden ist.
Anhand der Freundschaft von Mo und Lois zeigt Bechdel eindrucksvoll, dass auch innerhalb der LGBTI-Community Intoleranz existieren kann und einzelne Gruppe ausgegrenzt werden können. Homophobie und Transphobie sind nämlich zwei Paar Schuhe, wie wir begreifen, als Mo immer wieder ablehnend auf Lois’ anfängliche Scherze über eine Geschlechtsangleichung reagiert. Davon angestachelt macht Lois munter weiter und rutscht von den Scherzen auf standfeste Vortäuschung. Dabei läuft doch in Wirklichkeit gar nicht mehr als gelegentliche Dragking-Auftritte. Kann das gut gehen?
In all diesen locker miteinander verbundenen Episoden steckt wie immer eine gehörige Portion zeitpolitischen Geschehens aus den USA. Es geht um Wahlen, die verschiedenen politischen Einstellungen der Protagonistinnen und kulturell und politische Entwicklungen (immer wieder in Zeitungsüberschriften angedeutet). Höhepunkt dessen ist die Verarbeitung von 9/11, die Debatten über Amerikanismus nach sich zieht.
„Lesben und andere Lebensformen auf Kohlenstoffbasis“ ist ein vielseitiger Comicband, der unendlich viele Themen vereint und verbindet. Dabei besteht immer die Gefahr, angesichts dieser Themenvielfalt nur auf der Oberfläche zu kratzen. Sicher wäre es hier und da interessant gewesen, noch mehr in die Tiefe einzudringen und noch mehr Emotionen einzufangen. Dennoch, finde ich, gelingt es Bechdel ausgezeichnet, Gedankengänge anzustoßen, Sympathien für die Figuren hervorzurufen und dabei meisterlich zu unterhalten.
Fazit: I just can’t get enough.
Geeignet für: Alle, die auf der Suche sind nach einer hochkarätigen, politischen und emotionalen Seifenoper aus und über die Community.
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