Samstag, 31. März 2012

3 Tage Nacht (Tag 1)

16:30 Uhr. Der Wecker ertönte zum zweiten Mal. Pia streckte sich im Bett. Acht Stunden mussten reichen. Sie hatte sich sogar noch eine halbe Stunde extra gegönnt.
Durch die winzig feinen Löcher, die sie beim Herunterziehen der Jalousien gelassen hatte, drang das Tageslicht. Bett, Schrank, Boden, alles war mit hellen Pünktchen übersäht.
Pia grinste. Sie hatte es tatsächlich geschafft. Ihr Tagesplan war innerhalb von zwei Tagen und Nächten komplett umgekrämpelt worden. Jetzt konnte es so richtig losgehen. Ohne die metaphorischen Streichhölzer für die Augenlider. Sie stand auf und zog die Jalousien mit einem knarzenden Geräusch hoch. Lange würde sie sowieso nichts mehr von dem Licht haben. Beim Weg in Richtung Bad steckte sie das Telefonkabel wieder in die Dose und hängte den Hörer der Sprechanlage wieder ein. Mitten am Nachmittag begann ihr Arbeitstag.
Pia frühstückte, als sie sich angezogen hatte, mit einer der ersten Nachmittagssoaps. Den Rhythmus der Mahlzeiten hatte sie weitestgehend beibehalten. Als erste Mahlzeit Cornflakes, am späten Abend etwas Vollwertiges und tief in der Nacht eventuell noch einen kleinen Snack, ein Süppchen oder ein belegtes Brötchen. Und zwischendrin viel Kaffee. Das war das Überbleibsel der Phase, als sie ihren Biorhythmus mutwillig umgestellt hatte. Erstaunlich, wie schnell sich der Körper an etwas gewöhnen konnte.
Nach dem Frühstück machte sie einen Ausflug zum Briefkasten. Diese Phase des Tages war für Besorgungen reserviert. Es war das einzige Zeitfenster, das sich für Einkäufe im Supermarkt eignete, sonst müsste sie später ihren Arbeitsablauf unterbrechen. Wenn sie die Supermarktöffnungszeiten aber ganz verpasste, gab es im dringlichsten Notfall auch noch einen Spätkauf. Aber auch wirklich nur dann, denn überteuerte Artikel mit geringerer Auswahl, aber dafür zwielichtige Gestalten zwischen den Regalen, fanden wenig Anklang bei Pia. 
Sie gönnte sich eine halbe Stunde oder Stunde, in denen sie ihre Mails abrief, bei Facebook und verschiedenen anderen Seiten vorbeisurfte. Als das alles erledigt war, blieb ihr nichts anderes übrig als sich an ihre Masterarbeit zu setzen. Dieser frühe Abend war die größte Herausforderung, hatte sie festgestellt. Facebook war dann voller Freunde, im Fernsehen liefen die besten Sendungen und Filme und es war auch die Zeit, in der das Telefon mal klingeln konnte. Das war die Phase, in der ihr Leben fast dem der Mehrheit ihrer Mitmenschen entsprach. Nur, dass sie sich vorgenommen hatte, in dieser Zeit bereits produktiv zu sein, während alle anderen in den Feierabend starteten.
An diesem Tag, dem ersten Tag, an dem ihr Schlafrhythmus genau so funktionierte, wie sie es sich ausgemalt hatte, klappte es zwar mit dem Wachsein, nicht aber mit der Produktivität. Pia hatte Schwierigkeiten sich in ihren Text einzuschreiben. Nach einigen Anlaufen wusste sie, was zu tun war. Sie hatte die Nachtaktivität, sie hatte den extensiven Kaffeekonsum, den gelegentlichen Alkoholkonsum, fehlte nur noch die Raucherpause zum Abschalten.
Pia stand auf und zog ihre schwarze Fleecejacke an. Sie trat auf den Balkon in die kalte Herbstluft. Immerhin war es ein trockener Tag. Der Balkon war nicht gerade das, was man geräumig nannte und der Ausblick war nicht famos, aber Pia fühlte sich großartig. Sie setzte sich auf den unbequemen Klappstuhl. Sie hatte jedes Mal, wenn sie eine gewisse Zeit auf ihm gesessen hatte, das Gefühl, dass ihr Po von roten Querstreifen mit abwechselnden Vertiefungen und Erhöhungen übersäht sein musste.
Aus der linken Jackentasche zog sie die Zigarettenpackung. Sie war ein paar Tage im Supermarkt um diesen Einkauf herumgeschlichen, hatte auf den Tag gewartet, an dem der Gitterverschlag an der Supermarktkasse bereits geöffnet war und sie eine Packung aufs Fließband legen konnte. Wortlos. Mit der gehörigen Normalität.
Die abgelöste Folie knüllte sie zurück in die Tasche. Dann nahm sie eine einzelne Zigarette heraus und fühlte ihre Leichtigkeit in den Fingern. Sie führte sie an die Nase, zog sie einmal quer daran vorbei wie ein Zigarrenfeinschmecker. Der Tabakgeruch überraschte sie mit seiner holzigen Süßlichkeit. Sie mochte ihn – wider Erwarten. Das Balkongeländer lud ihre Füße ein, sich darauf auszuruhen. Pia presste ihre Beine zusammen, damit sie nicht auskühlten. Sie lehnte sich zurück. Jetzt würde sie auch an ihrem Rücken die vermeintliche Querstreifenmusterung erhalten, die sie am Ende doch nie im Spiegel überprüfen würde.
Das Feuerzeug machte ein kratziges Geräusch, während es zwei Mal nicht mehr als ein paar Funken erzeugte. Eine Wunderkerze für Arme, dachte Pia. Dann leuchtete die Flamme auf, die sie zu der Zigarette an ihrem Mund führte.
Aus einem unerklärlichen Grund war sie aufgeregt. Die erste Zigarette mit Mitte Zwanzig. Zehn Jahre nachdem sie es anderen hätte beweisen müssen. Auf Geburtstagen von Freunden hatte sie den ungeliebtesten Job übernommen: Schmiere stehen. Während die anderen in der hintersten Ecke des Gartens einer von Pias Freundinnen im Dunkeln versammelt standen, wartete Pia auf den Stufen zum Haus. Wenn die Eltern der Freundin heimgekommen wären, hätte sie deren Schritte als Erste gehört und hätte ihre Freundinnen warnen müssen. Es war ein Loser-Job, aber auf seine Weise war er auch wichtig und brachte die Anerkennung, die sie als Rauchverweigererin brauchte, um noch in der Gruppe akzeptiert zu sein. Als ihre Freundinnen zurückkamen, hauchten sie sie nacheinander an und Pia sollte jedes Mal ihre Einschätzung bezüglich des Geruchsgrades abliefern. Bis am Ende ausnahmslos alle im Badezimmer dicht an dicht am Waschbecken gequetscht standen und Odolwasser aus Trinkbechern gurgelten. Nur Pia hatte am Badewannenrand gesessen und teilnahmslos zugesehen.
Ihre Angst vor dem berüchtigten Kratzen im Hals war stärker gewesen als der Gruppenzwang. Ihre Eltern rauchten nicht, hatten nie geraucht. Pia wusste noch nicht einmal, wozu diese Raucherei gut sein sollte.
Aber irgendwie war die Neugierde bestehen geblieben. Die Ungewissheit. Das Bedürfnis, diese Erfahrung zu machen und mitreden zu können und endlich aus dem Spießerleben auszutreten und zu den ‚Coolen’ zu gehören.
Dann hatte Pia ihr Studium im großen Berlin begonnen. Sex, Drugs & Rock’n’Roll musste doch einfach das Motto eines jeden Studenten in der Hauptstadt sein. Hatte sie zumindest vermutet. Viel zu viel Verführung bot doch die Metropole an, um widerstehen zu können. Pia hatte eine Einraumwohnung ergattern können. Die idealen Umstände für ein ausschweifendes Leben. Sie musste sich niemandem gegenüber rechtfertigen und was den Sex angeht, könnte sie so laut und so oft wie sie wollte.
Die ersten Mitstudierenden, die sie kennen lernte, waren jedoch mindestens genauso spießig wie sie selbst. Die Seminarräume waren voll von nichtrauchenden und kaumtrinkenden Studenten. Sie hörten gern Kuschelrock oder auch mal Brahms. Von Drogen keine Rede. Die meisten waren natürlich auch in gesitteten Langzeitbeziehungen. Wie es sich für eine Grundschullehrerin eben gehörte. Und die paar wenigen Männer im Studiengang waren schwul.
Pia zog mit einiger Vorsicht an der Zigarette an ihrem Mund wie an einem Strohhalm, wenn man noch nicht weiß, ob das Getränk schmecken wird. Sie sah, wie das Ende des Glimmstängels aufleuchtete, während sie den Unterdruck erzeugte. Also musste ja etwas passieren. Die Zigarette löste sich von ihren Lippen, sie wartete kurz, öffnete den Mund und atmete aus. Ein graues Wölkchen stieg vor ihrem Gesicht in die Höhe. Sie zog noch einmal und stieß dann den Qualm mit einem Pusten aus. Es war so völlig unspektakulär.
Sie dachte wieder an den 14. Geburtstag ihrer Freundin zurück. Da fiel es ihr ein. „Hhhhh, Papa kommt.“ Das hatten die Mädchen immer gesagt, kurz nachdem sie gezogen hatten. Der Satz war ja völlig egal gewesen, wusste Pia jetzt. Es ging um die Atemtechnik zu Beginn. Es ging um die Imitation eines erschrockenen Einatmens, um den im Mund befindlichen Rauch die Luftröhre hinunterzujagen. Kurz wurde Pia mulmig zumute, aber dann dachte sie an all die Millionen Raucher, die es gab. Man bekam nicht gleich nach der ersten Zigarette Krebs. Sie stand unter Leistungsdruck. Jeder würde Verständnis haben, dass sie sich ein Laster zugelegt hatte.
Pia setzte an, zog und atmete gleich danach kräftig ein. Genau so, als würde sie sich erschrecken. Diesmal spürte sie genau, wie der Rauch ihre Atemwege nach unten krabbelte. Der Hustenreiz entstand ganz automatisch. Pia wollte ihn kurz aufhalten, aber beugte sich ihm schließlich und hustete. Sie hielt inne, sah in den Hinterhof, der nur durch die Lichter aus den Fenstern der Hausbewohner beleuchtet wurde. Dann zog sie erneut, dieses Mal von vornherein so kräftig, dass der Rauch nach hinten rutschte. Sie dachte gar nicht mehr ans Erschrecken. Es kribbelte noch immer, aber sie blies tapfer die Qualmwolke gezielt in die Nacht hinaus. Ein erstes Mal klopfte sie die überschüssige Asche ab.
Den Aschenbecher hatte sie schon seit Jahren auf dem Balkon. Erst auf dem klapprigen Tischchen, später auf dem Boden. Bereit für die rauchenden Gäste. Gäste, die nie kommen sollten.
Pia rauchte den Rest der Zigarette und drückte den Stummel schließlich auf dem klaren Glasboden des Aschenbechers aus, zögerlich weil sie nicht wusste, ob es am Finger heiß werden würde. Dann stand sie auf und ging zurück in ihre kleine Wohnung, um ihren geriffelten Po wieder glatt zu sitzen. Sie war voll und ganz auf den Geruch ihrer Finger konzentriert, hielt Zeige- und Mittelfinger vor die Nase. Sie mochte den qualmigen Tabakgeruch, der sich an ihrer Haut festgesetzt hatte und daher anders roch als eine einfache Qualmwolke in der Luft. Mehr nach ihr selbst. Einem toughen Selbst.
Aus Routine griff sie mit der anderen Hand zu dem Riemen, mit dem die Jalousien herunterzulassen waren. Sie sah auf und besann sich eines Besseren. Die Fenster und die Balkontür sollten unverdeckt bleiben. Es gab sowieso nichts zu sehen außer einer jungen Frau, die an ihrem Computer herumtippte oder ihre Nase in Bücher steckte. Und genau das tat sie nun.
Pia schaffte prompt eine ganze Seite Fließtext, den sie quasi aus dem Ärmel schüttelte. Also hatte die Raucherpause doch ihren Zweck erfüllt! Dann begann sie, sich nebenbei in Fachtexten zu vertiefen. Sie wollte in ihrer Arbeit Methoden des Schriftspracherwerbs von Kindern im Grundschulalter vergleichen. Immerhin hatte sie da einen Anhaltspunkt, wie sie methodisch vorzugehen hatte. Sie hätte sich genauso gut in der Germanistik für irgendein rein literaturwissenschaftliches Thema entscheiden können. Dann hätte sie wieder geschrieben und geschrieben, wie in den Hausarbeiten zuvor, und nicht gewusst, ob das Endergebnis in irgendeiner Weise sinnhaft war.
Dieses Semester, in dem sie ihre Masterarbeit schreiben wollte, war purer Luxus. Eigentlich war die Studienordnung so vollgepackt, dass sie nebenher noch mindestens vier Seminare hätte belegen müssen. Sie hatte sich das alles zu Beginn des Masters gründlich überlegt und durchgerechnet. Schließlich hatte sie sich einfach dazu entschlossen, ein Semester mehr zu machen. Das war keine Schande. Es erging vielen in ihrem Studiengang so, allerdings eher zufällig, weil sie unerwartet das Pensum nicht geschafft hatten. Und irgendwann, als ihr Masterarbeitsthema feststand, hatte Pia sich gesagt: ‚Jetzt oder nie.’ Sie wollte endlich mal etwas völlig Verrücktes machen, zum Beispiel die Nacht zum Tag. Später würde sie nie wieder die Gelegenheit dazu haben. Nicht, wenn sie brav als Grundschullehrerin arbeiten würde. Außerdem gab es im tiefsten Dunkel der Nacht am wenigsten Ablenkung. Es lockte sie nicht zu Spaziergängen, im Fernsehen lief nur Schrott, Facebook war ab Mitternacht wie tot und es würde auch mit Sicherheit niemand anrufen.
Nachdem sich Pia irgendwann ein Mitternacht-Mittagessen gemacht hatte und sich wieder ein gehöriges Päuschen gegönnt hatte, fiel sie in ein kleines Motivationstief. Sie quälte sich ein bisschen weiter, bis sie irgendwann gegen ein Uhr beschloss, einfach wieder eine Raucherpause einzulegen. Sie versprach sich davon natürlich auch eine Erfrischung durch die kühle Nachtluft. Durchatmen, wach werden und gestärkt weiterarbeiten können.
Sie setzte sich schwarze Handschuhe auf, an denen die Fingerkuppen fehlten. Der Zündstein im Feuerzeug knirschte einmal ohne Ergebnis, dann gelang ihr das Entfachen der Glut. Dieses Mal setzte sie sich nicht. Sie hatte schon viel zu viel gesessen. Pia stützte ihre Unterarme auf das kalte Metallgeländer und aschte kühn in den Hinterhof. Es war sowieso niemand dort. Und niemand konnte es sehen. Nur zwei, drei Fenster waren noch erleuchtet. Pia wohnte an der Ecke zum nächsten Quergebäude. Wenn sie auf dem Balkon war, hatte sie also direkt alle Fenster und Balkone der Nachbarn vor Augen.
Sie schaute zu dem Fenster, was noch am hellsten erleuchtet war. Die anderen Lichtquellen schienen nur flimmernde Fernsehbildschirme oder indirekte Beleuchtung zur Dekoration zu sein. Aber hinter der kleinen Fensterfront und der Balkontür musste mindestens ein ganzer Kronleuchter im Gange sein. Neugierig schaute Pia zu der Wohnung des Quergebäudes, genauso dicht am Knotenpunkt wie ihre, aber eine Etage unter ihr. Sie konnte niemanden erkennen. Während sie erneut an der Zigarette zog, ging sie die verbliebenen Schritte nach rechts, bis ans Ende ihres Balkons. So war die Perspektive zum Einblick in die fremde Wohnung etwas größer.
Plötzlich sah sie eine Bewegung. Sie tippte mit ihrem Daumen auf dem Zigarettenfilter herum, der zwischen den Fingerkuppen von Zeige- und Mittelfinger klemmte. Die Zigarette schnipste leicht hin und her. Da war die Bewegung wieder. Sie blieb in Pias Blickfeld. Ein glänzendes Kleid in mattem Grasgrün tänzelte auf Absätzen durch das Wohnzimmer. Pia musste lächeln. Es war kein zweites Paar Beine zu entdecken, aber in den Schritten erkannte sie einen langsamen Walzer. Wenigstens etwas, das von den Tanzstunden ihrer Jugend hängen geblieben war.
Die Schritte wurden kleiner und die Person blieb schließlich stehen. Sie beugte sich seitlich nach hinten und streckte die Arme von sich, die in dunkelgrünen Satinhandschuhen steckten, die bis zu den Ellenbogen reichten. Wie eine Diva, die den Applaus genoss. Jetzt sah Pia auch den Haarschopf. Die Frau trug einen etwa kinnlangen Bob in facettenreichem Rotbraun. Ihr Haar glänzte unter der Festbeleuchtung.
Da begann sie wieder ihre Hüfte zu bewegen. Ihr rechtes Bein blieb standhaft, während links in einem Takt wippte, den Pia nicht hören konnte. Sie tänzelte wieder los, dieses Mal leichter, ohne vorgegebene Schrittabfolge. Ihr Oberkörper schlängelte sich durch die Luft. Die Arme drehten und wendeten sich. Pia konnte erkennen, dass die Spannung bis in die Fingerspitzen gehalten wurde. Dann eine Drehung.
Pia dachte, die federleichte Zigarette würde ihren kalten Fingern entgleiten und in die Rabatten fallen. Sie transferierte sie von der rechten in die linke Hand, die noch warm und damit empfindsam war. Sie starrte auf das Gesicht der Diva. Kein Zweifel. In der Nachbarswohnung tänzelte ein Mann in einem Kleid.
Das war Berlin! Genau das! Die verrückte Großstadt, in der alles möglich war. Wieso war es ihr bisher verborgen geblieben?
Pia wollte gerade an der Zigarette ziehen. Sie hatte eben gar nicht gemerkt, dass sie ausgegangen war. Das Feuerzeug entzündete sich dieses Mal gleich beim ersten Mal. Sie sah wieder runter in die fremde Wohnung. Im selben Moment sah er nach oben und entdeckte sie. Schnellen Schritts und völlig unmusikalisch ging er zur Balkontür und ergriff den Gurt, mit dem er die Jalousie herunterlassen konnte. Es schien als würde er mit sich ringen. Er schaute erneut nach oben und jetzt kam es Pia vor, als reckte er sein Kinn stolz in die Luft. Wirklich wie eine Diva. Sie kam nicht umhin und musste lächeln. Und auch seine Mundwinkel zuckten leicht nach oben. Er zog die Hände von der Jalousie. Dann legte er den Kopf ein wenig schräg und versetzte seiner steifen Perücke mit der flachen Hand von unten ein wenig Volumen. Seine knallroten Lippen waren angespannt und er blinzelte. Mit diesen überspitzten Gesten sah er aus wie eine Burlequetänzerin, nur züchtiger gekleidet.
Ja, du siehst bezaubernd aus, dachte Pia und lächelte vor sich hin. Ihre Zigarette war aufgeraucht und sie drückte den Stummel in den Aschenbecher. Dann drehte sie sich zurück zur Diva von nebenan. Die schwang bereits wieder leicht die Hüften. Ihre Musik lief offenbar immer noch.
Pia hob die Hand und winkte wie ein kleines Kind. Ihre Hand schüttelte sich so heftig, dass ihre hellen Fingerspitzen nicht mehr voneinander zu unterscheiden waren. Die Diva lächelte. Sie hob ebenfalls die Hand. Viel langsamer und eleganter, doch Pia war geduldig, genoss das Schauspiel. Dann winkte er, geradezu zärtlich. Die Finger klebten flach aneinander mit viel Spannung. Die Handfläche kippte leicht hin und her.
Pia winkte ein letztes Mal zurück und verschwand dann in ihrer Wohnung. Sie lächelte noch immer, als sie wieder ihr Fachbuch aufschlug und es sich in den Schoß legte. Die Konzentration blieb noch immer aus. Sie schlug das Buch energisch zu, drehte sich auf dem Sofa zu der Wand, die der fremden Wohnung am nächsten lag. Dann legte sie das Ohr an die kalte Rauhfaserwand und lauschte auf die Klänge, die einen gestandenen Mann dazu brachten, in einem eleganten Abendkleid durch die Wohnung zu tanzen. Keinen Mucks hörte sie. Sie schüttelte den Kopf und setzte sich wieder mit dem Rücken zur Wand.
Eine Weile konnte sie sich danach auf den Text einlassen, aber sie ertappte sich immer wieder dabei, auf die Uhr zu blicken oder auf die Stille zu horchen. Nach einer Stunde entschied sie, dass es Zeit für die nächste Raucherpause war. Pia streifte die schwarzen Handschuhe über und zog ihre Jacke an.
Auf dem Balkon sah sie sofort, dass er auch noch wach war. Er stand auf dem Balkon. Das Zimmer hinter ihm war noch genauso hell erleuchtet wie vor einer Stunde. Er nahm sofort ihre Anwesenheit wahr. Eine Pelzstola lag um seine Schultern und in der rechten Hand hatte er einen Zigarettenhalter, der den Glimmstängel auf mindestens 20 Zentimeter Abstand hielt.
„Hey“, sagte sie zur Begrüßung.
„Hey.“ Seine tiefe Stimme war ein auffälliger Kontrast zu seiner Aufmachung.
Pia zündete sich ihre Zigarette an.
„Ey, aber wehe, deine Asche wedelt auf mein Kleid.“ Er reckte das Kinn wieder stolz in die Luft, aber ein feines Zucken um die Mundwinkel ließ Pia wissen, dass er nur Spaß machte.
Pia griff zum Aschenbecher hinter sich und hielt ihn demonstrativ in die Luft. Sie behielt ihn in der Hand und aschte vorsichtig hinein. Immer wieder sah sie verzückt nach unten. Ihre Blicke trafen sich.
„Wie kommts, dass ich dich noch nie gesehen habe?“, fragte er.
„Wie kommts, dass ich dich noch nie gesehen habe?“, konterte Pia.
Sein Kopf neigte sich nach hinten, während er den Zigarettenqualm in die Dunkelheit blies. „Ich habe normalerweise keine Zeit dafür, nachtaktiv zu sein.“
„Wieso?“, hakte Pia sofort nach.
„Na, na, nicht so neugierig, mein Fräulein!“
Pia musste kurz lachen. Sie verhielt sich wirklich, als würden sie sich bereits lange kennen. Aber sie fürchtete sich nicht, dass er sie ernsthaft rügen würde. Seine Worte erschienen ihr immer noch wie eine Fassade. „Ich bin sonst auch nicht nacktaktiv“, gab sie von sich aus Auskunft.
„Und warum jetzt?“
„Ich schreib meine Abschlussarbeit fürs Studium.“
„Oh, und morgen ist Abgabetermin?“
„Nein.“ Sie lachte. „Ich lieg ganz gut in der Zeit, aber nachts ist die Ablenkung geringer.“
„Wenn nicht gerade der Travestiestar von nebenan seinen großen Auftritt probt.“ Seine Zigarette war zu Ende geraucht. Er nahm den Stummel vom Halter, drückte ihn am Balkongeländer aus und warf ihn in den Hof. Wie ungalant, dachte Pia. Er warf seine Pelzstola noch einmal über die Schulter. „Na gut, Liebchen, mir ist frisch. Frohes Schaffen noch.“
„Tschüss!“
Er ging zurück in Richtung Balkontür, stakste etwas seltsam, weil er offenbar versuchte, mit den Absätzen nicht über die Fliesen auf dem Balkon zu klappern. Dann drehte er sich kurz vor der Tür noch einmal zu Pia um, war plötzlich wieder ganz Diva, spielte mit dem Ausdruck seiner Augen. Eine seiner behandschuhten Hände tänzelte sich vor sein Gesicht, jeder einzelne Finger ein Teil der Choreographie. Seine Lippen und die Finger näherten sich an, bis sie sich zu einem Kuss vereinigten, den er im Anschluss Pia von der Handfläche zupustete. Pia lachte und er zwinkerte und verschwand.
Pia rieb die kalten Handflächen aneinander, als sie wieder in ihrer Wohnung war. Auf ein Neues! Wieder setzte sie sich an den Fachtext, den sie noch immer nicht beendet hatte. Sie quälte sich weiter durch, musste sich immer wieder zusammenreißen. Und so nahmen ihre Besuche auf dem Balkon eine gewisse Regelmäßigkeit an. Jedoch nicht in erster Linie des Nikotins wegen.
Als sie die Diva das nächste Mal sah, sagte er zu ihr: „Herzchen, wieso hast du dich eigentlich für Schwarz entschieden?“ Mit dem Zigarettenhalter hatte er auf ihre Jacke gedeutet.
Dieser Gedanke war Pia völlig neu. „Weil es warm ist!“
Die Diva rollte mit den Augen. „Das ist doch kein Argument! Dann kannst du ja gleich eine fette Daunenjacke anziehen und wie ein Michelin-Männchen rumrennen.“
Pia musste lachen. „Aber warum sollte ich mich denn schick anziehen, wenn ich sowieso nur allein drinnen sitze. Außerdem ziehe ich die nur hier draußen an.“ Pia zog ihren Reißverschluss nach unten und gewährte ihm einen Blick auf ihren Pullover. Ein scheuerlappengraues, ausgeleiertes Rippenteil.
Die Diva lachte. „Das ist doch wohl nicht dein Ernst!“ Pia zog schnell den Reißverschluss wieder nach oben. „Hör mal, ich trete dir doch auch nur in sorgfältig ausgewählter Kleidung unter die Augen.“
„Bist du morgen Nacht auch noch nachtaktiv?“
„Selbstverständlich, Schätzchen. Noch mindestens eine Woche lang.“
„Und danach?“
„Das wird nicht verraten“, sagte er geheimnisvoll.
„Okay, dann verspreche ich, dass ich mir morgen etwas Schöneres anziehe.“

Freitag, 30. März 2012

Vom Suchen und Finden … der Hundekekse



„Der will nur spielen“, ein genialer Spruch, prangt regelmäßig auf den T-Shirts von Martin Rütter, wenn er auf der Mattscheibe oder den Bühnen Deutschlands zu sehen ist. Manchmal steht da auch „Der tut nix“, in Anlehnung an den Namen seines Bühnenprogramms. Ich finde jedoch, der tut `ne ganze Menge. Der bildet Deutschland in Hundefragen, aber verpackt das immer wieder so, dass es nicht wie Bildung rüberkommt, witzig, überraschend und geistreich. Das macht er in verschiedenen TV-Formaten, in Sachbüchern zur Hundeerziehung und auch in seinem Roman „Wie immer Chefsache“.

Quelle: randomhouse.de

Protagonist Mattes Reuter ist an einem Punkt in seinem Leben, wo es eigentlich nur noch bergauf gehen kann. Er ist frisch getrennt und wohnt zweckmäßigerweise in der Einliegerwohnung seiner Schwester. Eine Situation, die sicher für alle Beteiligten angenehmer sein könnte, denn Mattes hat – natürlich – einen Hund, seine Schwester Astrid scheint aber geradezu einen tiefsitzenden Hass gegen diese lästigen Vierbeiner zu hegen. Beruflich läuft bei Mattes auch gerade nichts Bahnbrechendes. Als ausgebildeter Journalist war er erstmal eine Weile beim Klatschblatt ‚Der rote Teppich’, nichts Erfüllendes, aber eine Stufe der Karriereleiter. Er träumt vielmehr von den großen, politischen Blättern, am liebsten in Form eines Postens als Chefredakteur der ZEIT. Wie gesagt, nach oben hin ist alles offen.
Da kommt der Anruf einer Frau Althoff wie gerufen. Ein Chefsessel ist zu besetzen. Gut, sie ist nicht von der ZEIT, aber Chefposition ist Chefposition, oder? Genauer gesagt ist sie von dem kleinen, süßen Blättchen ‚Hassos Herrchen, Finas Frauchen’, einem Hundemagazin. Einen Hund hat Mattes ja, also nichts wie hin. Die Hinterhofkaschemme, die sich Redaktion schimpft, wartet mit dem Minimum an Mitarbeitern auf, ein Grafiker, eine Journalistin, eine Sekretärin und eine überflüssig erscheinende Praktikantin warten auf einen willigen Chefredakteur, damit alles seinen gewohnten Gang gehen kann. Da ist Mattes vielleicht nicht ganz die richtige Wahl, denn wenn schon Chefsessel in der Hinterhofredaktion, dann aber auch richtig! Die Ideen zur Verbesserung des Magazins sprudeln nur so aus ihm heraus und da man als Chef auf keinen Fall klein beigeben darf, da man sonst den Titel des Chefs nicht verdient, setzt sich Mattes trotz Widerständen der Redaktion durch. Er boxt seine Entscheidungen (teilweise hinter dem Rücken der Verlagsleitung) durch und macht aus dem lächerlichen Wochenblatt mit Artikeln zur lokalen Welpenspielgruppe ein überregionales Hochglanzmagazin mit Werbung für Luxusspielzeug und Artikeln über Designer von Hundemode. Er entwickelt die Rubrik „Ich hätt’ da mal `ne Frage…“, eine Art Dr.-Sommer-Fragestunde zur Hundeerziehung.
Von da an geht es eigentlich nur noch bergauf… Mattes wird über Nacht zum Kultstar, er genießt den Ruhm, vielleicht ein bisschen zu sehr, und verschließt die Augen vor den Schattenseiten.
Mattes ist eben ein Finder und kein Sucher. Die Sucher, ja, das sind die, die sich abhetzen und ihren Zielen hinterherhecheln. Die, die immer ver-suchen, alles richtig zu machen, sich zu perfektionieren. Die Finder hingegen (scheinbar die Minderheit der Bevölkerung), lassen entspannt alles auf sich zukommen und müssen nur das aufheben, was ihnen in den Weg kommt. Sie wandeln es mit einer Leichtigkeit in Erfolg um.
Mattes Selbstsicherheit grenzt manchmal an Arroganz und ich bin zumindest froh, dass er „Finder“ und „Sucher“ sagt anstatt von Alpha-Menschen zu sprechen (was ja vielleicht thematisch auch naheliegend wäre). Die einzige Stelle, wo Reuter aus dem Rahmen fällt, und an dieser Stelle ist die Figur für mich etwas unlogisch, ist die Zurückhaltung gegenüber seiner Schwester. Er verschweigt ihr seinen neuen Posten, den er doch aber eigentlich so prestigeträchtig findet. Überall sonst ist er über die Maßen selbstsicher. Man erwartet – bei so viel Überzeugung – den unvermeidlichen Absturz. Letztlich ist Mattes trotzdem noch sympathisch genug, dass man ihm nicht eine komplette Niederlage wünscht. Selbstsicherheit kann ja auch als Naivität gedeutet werden, denn es wäre doch wirklich sehr vermessen, wenn es tatsächlich Finder gäbe, denen alles in den Schoß fallen würde. Nein, Mattes muss auch Opfer bringen, z.B. wird er zum totalen Workaholic und besitzt fast kein Privatleben mehr.
Jetzt muss ich mich aber zur Ordnung rufen und aufpassen, was ich sage. „Wie immer Chefsache“ scheint mir nämlich sehr autobiografisch angehaucht zu sein. Kein Wunder, wenn Martin Rütter, der Hundeprofi, einen Roman über – Obacht! – Mattes Reuter, den Hundeprofi, schreibt und auch selbst auf dem Cover zu sehen ist. Da liegt es nahe, dass die LeserIn auch Rütter als Reuter vor Augen hat. Aber das ist nichts Schlechtes, denn mein Eindruck von Rütter ist jedenfalls nicht der des arroganten Finders. Für mich ist der Hundetrainer-Entertainer eine Sympathiegranate, der aufklärt und lehrt ohne lehrerhaft zu sein. Vielleicht doch auch so etwas wie ein Multitalent, eine Rampensau, die alles ausprobieren muss? Dass er unterhaltsam schreiben kann, hat er mir jedenfalls bewiesen. Auch wenn die Figuren mir anfangs etwas zu plakativ erschienen, am Ende hatte ich sie doch ins Herz geschlossen. Manchmal ist die Handlung etwas ausgelatscht und es gibt kein so famoses, funkensprühendes Finale, wie man es sich vielleicht gewünscht hätte. Ich bin jedenfalls nachsichtig mit einer Sympathiegranate, denn er macht das alles wett mit interessanten (Alltags)Beobachtungen von Hunden, Menschen und deren Zusammenspiel (wie immer mit subtilem Bildungsauftrag).
Fazit: Nettes Dick-Lit-Romandebut eines Medienhelden.
Geeignet für: Hundemenschen werden daran ihre Freude haben, vielleicht sogar auch Katzenmenschen?!
Mehr hier.

Donnerstag, 22. März 2012

Leipzig lohnt


Wie immer mit deutlicher Verzögerung möchte ich mich kulturellem Tagesgeschehen widmen. Seit längerem war ich mal wieder auf der Leipziger Buchmesse. Dort gab es vier Tage lang Bücher, Bücher und nochmals Bücher … und natürlich Autoren, Verleger und Leser, Leser, Leser.
Laut Medienberichten sind die Veranstalter zufrieden mit der Bilanz. Die Anzahl der Besucher aus dem Vorjahr ist erreicht worden. Wie bitte? Das war letztes Jahr auch schon so voll? Und ich hatte den Eindruck, so voll wie es dieses Mal war, müssen doch alle Rekorde gesprengt worden sein.
Ich war am Samstag da, bekanntlich sowieso der vollste Tag. Und in diesem Jahr hat sich das Wetter auch von seiner schönsten Seite gezeigt. Frühling ließ sein blaues Band durch die Lüfte flattern und unter den Glashallendächern des Messegeländes brutzelte das geschriebene Wort. Gut, dass ich frühlingshaft genug gekleidet war.
Leipzig soll ja bekanntlich die Publikumsmesse sein, während Frankfurt eher trocken und bieder daherkommt. Ich kann das nicht beurteilen, weil ich nur Leipzig kenne. Leipzig mit den unzähligen begeisterten Manga- und Animekonsumenten, die ihre Liebe in ihren Outfits zum Ausdruck bringen. So sehr wie dieses Jahr ist mir dieser Trend nicht aufgefallen. Es war ein Traum! Und man munkelt, die Leipziger Buchmesse hieße deswegen im Volksmund auch schon Wave Gothik Treffen light. Eine Kamera hatte ich zwar mit, aber letztlich mangelte es mir an Batterien. Fotografie ist sowieso nicht mein Medium, das überlasse ich lieber anderen. Interessierte mögen also bitte auf den Seiten http://www.comics-in-leipzig.de/ oder http://www.leipziger-buchmesse.de/ nach visuellen Impressionen stöbern oder den Erfahrungsbericht von Soleil zu Rate ziehen.
Was macht man da dann so den ganzen Tag, werden sich alle fragen, die noch nie auf der Buchmesse waren. Ich für meinen Teil war gar nicht schlecht vorbereitet. Ich hatte mir einen Plan vorbereitet mit Lesungen, Vorträgen und Signierstunden, die interessant sein könnten. Das war bereits eine abgespeckte Version. Man könnte den ganzen Tag dort von einer Veranstaltung zur nächsten hecheln. Aber es gibt ja auch noch die übliche Ausstellungsfläche mit Verlagen und Akteuren des Literaturbetriebs. In der verbleibenden Zeit wollte ich also einfach ziellos durch die Messehallen schlendern und alles auf mich wirken lassen. Soweit der Plan. Nun, ihr kennt vielleicht die Meinung von Mario Barth dazu wie Frauen shoppen: sobald sie die elektronischen Sicherheitsschranken eines Geschäfts passieren, wird ihr Kurzzeitgedächtnis ausgelöscht und sie wissen nicht mehr, warum sie in das Geschäft wollten (sorry, falls ich jemandem mit diesem wiedergekäuten Sexismus auf den Schlips trete, aber es passt zu gut). So ähnlich muss man sich mich auf der Messe vorstellen. Irgendwann holte ich also meinen Plan raus und entschied, okay, jetzt auf in Messehalle x zu Programmpunkt y. Ich falte den Zettel wieder zusammen, stecke ihn in die Hosentasche und sehe auf. Haha, cool, vor mir laufen Super Mario und Luigi. Oh, und dahinten eine Fee mit Streitaxt. Moooment, hier gibt’s Bücher. Schnell mal das Verlagsprogramm einstecken. Das sieht aber interessant aus. Wollte ich gerade irgendwohin?
Ansonsten rate ich allen, die nächstes Jahr hinwollen, trotzdem zu einem Plan. Verwerfen kann man ihn immer noch, aber stehen sollte er erstmal. Weitere unerlässliche Tipps sind im folgenden zusammengestellt:
1.      Kleidung: Zwiebellook (also zum Auspellen) und flaches Schuhwerk.
2.      Gepäck: abhängig davon, ob man die Verkaufsstände plündern will (es gibt auch einen riesigen Antiquariatsstand und zu den Signierstunden sind i.d.R. die Werke käuflich zu erwerben); wenn dies der Fall ist, rate ich zu einem Rollkoffer. Ansonsten alles, was einigermaßen rückenschonend ist.
3.      In der individuellen Veranstaltungsplanung sollten großzügige Lücken für Toilettengänge sein. Frau stelle sich bitte bereits dann an, wenn sie noch gar nicht muss. Die Wartezeit wird sich um das Übrige kümmern. Oder aber frau erscheint in drag und geht selbstbewusst aufs Herrenklo.
4.      Nicht vergessen: Kopfschmerztabletten. Zu viele Eindrücke, zu viele Menschen, zu viel stickige Luft unter den Glasdächern. Immer auch genügend trinken (mit Konsequenzen für Punkt drei)!
5.      Noch unsicher? Einfach hinfahren und selbst erleben! Leipzig lohnt, macht Lust auf das geschriebene (und gesprochene) Wort und ist und bleibt Kult!

Mittwoch, 21. März 2012

[Welttag der Poesie] Der Wächter auf den Zinnen

Mir kam zu Ohren, heute sei Welttag der Poesie. Nun denn, zur Feier des Tages habe ich meine Schublade umgestülpt und etwas Schönes zutage gefördert, thematisch natürlich an eventuell aufkommende Frühlingsgefühle angelehnt – nur für euch. Viel Vergnügen!


Tagelied „Der Wächter auf den Zinnen“ (© 2008)

Der Wächter auf den Zinnen
Singt sein Tagelied
Der Tag scheint zu beginnen
Es ist Zeit für den Abschied

Seine letzten Zeilen
widmet er bedacht
Der Herrin die bisweilen
Von Liebe ist entfacht

„Gebieterin, so schaut hinaus
Die Zeit ist schnell verstrichen   
Euer holder Besuch muss raus
Bis Sterne der Sonne wichen“

„Oh, Wächter, nein, was sagst du bloß?
Die Ritterin schläft fest
Deine Worte so rigoros
Gar schlimmer als die Pest“

Bei diesem Satz erwacht der Gast
Sie ward der Dämmerung gewahr
Hat sogleich der Liebsten Arme gefasst
Die waren warm und wunderbar

„Auch wenn es mir gar sehr zuwider
Ich muss dich nun verlassen, Schatz
Verstummt sind schon des Wächters Lieder
Für mich ist hier kein Platz“

Da weint die Dame voller Qual
Auf jede Träne traf ein Kuss
Geräusche drangen von unten aus dem Saal
Die Ritterin fasst einen Entschluss

Sie entließ die Holde aus dem Griff
Kletterte zum Fenster hinaus
Mit Mühe sie sich Verzögerung verkniff
Sandte einen letzten Luftkuss aus

Freitag, 16. März 2012

Nervenkostüme und andere Unruhen


„Nervenkostüme und andere Unruhen“ – das ist ein interessanter Titel, da müsst ihr mir doch zustimmen, oder? Das Buch von Therese Roth erschien im bis dato mir nicht bekannten Verlag FRAUEN.KULTUR.LABOR.thealit in der Schriftenreihe queer lab. Über diese Schriftenreihe kann man in Erfahrung bringen, dass es sich mit der Ordnung oder Unordnung von Geschlecht und Geschlechtskonstrukten beschäftigt. Als Mittel dazu werden experimentelle literarische und bildnerische Arbeiten genutzt. Experimentell ist „Nervenkostüme und andere Unruhen“ in der Tat.

Quelle: thealit.de

Es geht um Paula, Paula Paura, wie der Klappentext verrät. Paula ist schätzungsweise in den späten 20ern und dem Studentenmilieu eng verbunden, genauer gesagt kann man immer wieder eine Nähe zu queer- und linkspolitischen Szenen entdecken. Der Roman spielt in Hamburg und Umgebung im Jahre 2001.
Paula ist von Ängsten zerfressen, die teilweise ins Neurotische ufern. Das allein ist nichts Besonderes. Interessant finde ich aber, wie transparent diese Eigenschaft für Paulas Freund_innen ist und wie locker sie damit umgehen. Sie kennen Paula offenbar nur so und lassen sich von ihren unendlichen hypochondrischen Fragen nicht beirren.
Paula ist seit fünf Jahren Single, lässt sich mit dem Taxi herumfahren und hat einen dubiosen Job, für den sie Internetrecherche betreiben muss. So ganz bis ins Letzte ist ihr Leben nicht erklärt und dadurch blieb sie mir ein wenig fern.
Für die angstdurchzogene Paula ist es besonders tragisch, als an einem besonderen Tag die Nachricht die Runde macht, dass Flugzeuge in die Twin Towers in New York geflogen sind und hunderte Menschen in den Tod gerissen haben.
All das wird jedoch nebensächlich, weil Paula sich in eine Frau verguckt, die ihr zum ersten Mal in einem Café begegnet. Sie tauft die Namenlose in ihren Gedanken dank der Frisur Punkrockerin. Sie begegnet ihr wieder, als sie mit einer Freundin einen Ausflug nach Husum macht und dort für ein paar Tage alte Bekanntschaften auffrischt. Kann Paulas Interesse an ihr auf Gegenseitigkeit beruhen?
Sprachlich ist der Roman gut verständlich. Hier und da gibt es kleine Highlights, z.B. eines Morgens erwacht Paula und „Staub tanzte Aufwärmübungen“ (S. 9). Da der Text typografisch im nur für Szenenwechsel unterbrochenen Blocksatz gestaltet ist, sind die Dialoge teilweise etwas schwer nachzuvollziehen (und auch inhaltlich sind sie manchmal schwach).
Was den Roman von anderen unterscheidet, ist die Kombination von Text mit unterstützenden Illustrationen. Diese Bilder sind in der Tat experimentell. Teils sind es Fotos (manche leicht bearbeitet), sehr ästhetisch und treffend, wie ich finde. Die andere Hälfte sind digitale Zeichnungen, grobgepixelt und schlicht. Letzterem konnte ich leider wenig abgewinnen. Ein großes Lob verdient allerdings das Daumenkino am Fußende der Seiten, das eine hüpfende Person zeigt. Sehr hübsch, sehr fröhlich und wenn es nach mir ginge, sollte es mehr Daumenkinos in Büchern geben!
„Nervenkostüme und andere Unruhen“ ist rein textlich nicht herausstechend, aber der experimentelle Charakter sollte durchaus gewürdigt werden und lädt zur kontroversen Positionierung ein. Wie man es dann findet, darf jede und jeder aber selbst entscheiden.
Fazit: Alles andere als Mainstream!
Geeignet für: Alle, die sich nach „Mängelexemplar“ immer noch mit Ängsten beschäftigen wollen.
Mehr hier.

Donnerstag, 15. März 2012

Flirt-Dinos

 
Letztens entdeckte ich etwas in meinem Umfeld und dachte plötzlich ‚Das ist irgendwie ein bisschen schräg’. Schwupps, war eine neue Blog-Kategorie geboren. Das gehört zwar in die Sparte ‚Quatsch & Ulk’, aber ich machs trotzdem J
Also, ich taufe die Kategorie „KrimsKrams“. Dabei werde ich euch Dinge aus meinem Umfeld vorstellen. Alltagsgegenstände, kleine Schätze, Besonderheiten und was mir dazu in den Sinn kommt.

Et voilá: Die Flirt-Dinos



Was ist denn das?
Ein Stift
Wo gibt’s denn so was?
Gute Frage. Ich besitze ihn wohl seit der Schulzeit (Unterstufe/Mittelstufe?) Da weiß ich natürlich nicht mehr, wo er erworben wurde. Er ist tatsächlich dermaßen alt, dass ich erstaunt bin, dass er immer noch schreibt (wobei baldiges Aufgeben zu erahnen ist).
Was ist daran so besonders?
Es sind Dinosaurier darauf abgebildet. Dinosaurier. Ich hatte nie irgendetwas mit Dinosauriern am Hut und finde sie bis heute höchstens in wissenschaftlichen Zusammenhängen spannend, nicht aber in gestalterischen.
Auf der Kappe steht Flirt. Mit Herz als i-Punkt.
Geht es nur mir so, dass ich die Kombination schräg finde? Ist der zum Flirten da, weil flirt draufsteht? Wenn ja, wie flirte ich denn mit einem Stift und wie helfen die Dinosaurier dabei?


Mittwoch, 7. März 2012

+++ News +++

Ich freue mich, ankündigen zu dürfen, dass eine Geschichte von mir in "Mein lesbisches Auge 11" zu finden sein wird. Die Anthologie erscheint demnächst (im Konkursbuchverlag). Seid gespannt! Frohes Schmökern allerseits! 

Vanessa

In Frankfurt wohnt die kleine Vanessa
Mit Schenkeln von einem Riesendurchmesser.
Dann macht sie `ne Kur,
Aß Salatblätter nur
Und seitdem fühlt sie sich besser.