Mittwoch, 25. April 2012

Der Wollmaus-Worksong


Es ist soweit, ich krieg Besuch.
Getränke hab ich und Schokolade.
Jetzt geht es nur noch um den Fluch,
Sonst denkt jeder, ich wär Mietnomade.

Der Fluch, von dem ich spreche
Meint graues, flusiges Getier.
Ich hoffe, dass ich ihn bald breche
Und nicht die Finger mir.

Immer wieder von vorn
Geh ich diesen Wollmausplagen
Mit allen Mitteln und meinem Zorn
An die verfluchten Wollmauskragen

Die Mausefallen hinter Schränken
War ein Tipp vom Biologen
Doch ich hatts mir können denken
Darum macht jede Maus `n Bogen.

Stattdessen brauch ich schwere Geschütze,
Den Dyson DC26.
Man sagte mir, dass er was nütze.
Wenn nicht, geht er retour nach Danzig.

Immer wieder von vorn
Geh ich diesen Wollmausplagen
Mit allen Mitteln und meinem Zorn
An die verfluchten Wollmauskragen

Steht der Sauger dann still im Haus
Bekomm ich feinste Paranoia
Wie Spinnen krabbeln die Mäuse wieder raus
Da hilft nur der Einsatz von Feuer.

Doch ich besinn mich auf des Feuers Feind,
Geb Meister Propper auf `n feuchten Lappen.
Wisch solange bis der Glatzkopp erscheint
Meine Wohnung in Etappen.

Immer wieder von vorn
Geh ich diesen Wollmausplagen
Mit allen Mitteln und meinem Zorn
An die verfluchten Wollmauskragen

Im feuchten Tuch sind sie gekräuselt.
Feine, schwarze Komprimate.
Ich bin sicher, dass hier nichts mehr mäuselt.
Nichts, egal von welchem Formate.

Zufrieden husch ich in die Federn schnell
Mit rissigen Händen und wunden Knien.
Werf einen letzten Blick unters Bettgestell.
Seh Wollmausfamilien! Nein, es sind schon Kolonien!

Morgen geht es wieder los
Ich geh den Wollmausplagen
Mit allem, was ich hab und rigoros
An die verfluchten Wollmauskragen


Dienstag, 24. April 2012

Plötzlich du selbst



In signifikantem Gelb liegt es vor mir, das nächste zu besprechende Buch. Gelb wie Bienenhonig, gelb wie ein Sommertag, nein, man möchte es fast schon das Safier’sche Gelb nennen. Nach „Mieses Karma“ geht es nun hier um „Plötzlich Shakespeare“ von David Safier.

Quelle: rowohlt.de

„Au Mann, ich war ja so etwas von einem Frauenklischee!“ Mit diesem Satz lernen wir Rosa kennen. Rosa ist in den besten Jahren, nämlich in denen, die über ein erstaunlich lautes Ticken der biologischen Uhr verfügen. Sie ist notorisch Single, ertrinkt in Selbstmitleid, hat einen schwulen besten Freund und Orangenhaut. Außerdem übt sie einen Beruf aus, den sie nur mittelprächtig befriedigend findet: sie ist Grundschullehrerin. Wir erfahren auch sehr bald, dass sie sich während der Schulzeit immer mal am Schreiben versucht hat, vor allem Musicals – bis ein Lehrer ihr sagte, dass ihre Stücke nichts taugten. Das Schlimmste ist aber, dass ihre große Liebe Jan kurz davor ist, jemand anderen zu heiraten. Jemanden, der ‚standesgemäß’ ist, eine Zahnärztin aus der Oberschicht mit kultivierten Eltern (ganz anders als Rosas Eltern).
Holgi, der besagte schwule Freund, macht Rosa klar, dass das mit dem Selbstmitleid eine ganz schlechte Idee ist. Stattdessen soll sie doch einfach einen One-Night-Stand haben, das Leben genießen, rauskommen. Mit an Perfektion gleichendem Timing fragt Axel, der Sportlehrer an Rosas Schule, kurz darauf, ob sie mit ihm in den Zirkus gehen will. Axel ist ein Frauenheld, der so lange baggert, bis er auch die letzte Grundschullehrerin von seinen Qualitäten überzeugt hat. Und das hätte er auch schon einmal fast bei Rosa geschafft. Da war sie aber noch mit Jan zusammen und hat sich trotzdem zu einem unmoralischen Kuss hinreißen lassen. Das war dann aber auch das Ende ihrer Beziehung mit Jan.
Nun denn, Axel und Rosa landen im Zirkus und das verändert für Rosa schlagartig alles. Sie lernt den Hypnosekünstler Prospero kennen, der ihre Unzufriedenheit mit sich und der Welt spürt und sie von einer Rückführungserfahrung überzeugt. Rosa soll erleben, was ihre Seele in der Vergangenheit erlebt hat, lernen, was ihr die Vergangenheit beibringen kann. Sie schaut in Prosperos schwingendes Pendel, döst weg und landet in einem anderen Körper und in einer anderen Zeit. Und dieser Körper ist kein geringerer als der von William Shakespeare, einem der größten Schreiberlinge der Weltgeschichte. Allerdings ist Rosa auch kurz davor, in diesem Körper das Zeitliche zu segnen. Shakespeare, offenbar mit ähnlichen Interessen versehen wie Axel, hat mit der Gattin des Seefahrers Francis Drake geschlafen, der ihn nun dafür einen Kopf kürzer machen will.
Natürlich endet Rosa nicht in einem Sarg. Stattdessen nimmt eine turbulente Geschichte ihren Lauf. Dabei geht es immer wieder um das Thema Liebe, denn dafür ist Rosa in der Vergangenheit gelandet. Prospero prophezeite, dass sie erst dann in die Gegenwart zurückkäme, wenn sie verstanden hätte, was die wahre Liebe sei. Nun hat sie also ein Ziel und fängt an, das elisabethanische England dahingehend zu erkunden. Shakespeare selbst, immerhin noch als Stimme in ihrem Kopf wahrnehmbar, kann ihr zuerst nur bedingt dabei helfen. Er hat schließlich auch einen Auftrag. Er soll der Queen einen Dienst erweisen. Nebenbei muss er auch noch Auftragssonette schreiben.
Nach „Mieses Karma“ geht es also auch diesmal wieder um Wiedergeburt und die Unsterblichkeit der Seele, ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch Safiers Werk zu schlängeln scheint. „Plötzlich Shakespeare“ traf bei mir voll ins Schwarze. Es hat alles, was ein guter Unterhaltungsroman braucht: Action, Liebe, unendlich viel Humor, Spannung und er verbreitet ein wohliges Gefühl, wenn man die letzte Seite umschlägt. Safier erzählt ungemein bildlich. Ich habe ständig phantasiert, dass dieses Buch eine tolle Vorlage für einen Sat1-FilmFilm wäre. Oder in der Deluxe-Version würde ich es gern als Kinofilm mit Matthias Schweighöfer sehen (wobei Jürgen Vogel ganz obligatorisch eine großartige Nebenrolle zugewiesen werden muss).
Fazit: Bildlich, witzig, unterhaltsam, rührend, großartig.
Geeignet für: In der Tat kann ich mir niemanden vorstellen, dem ich das Buch nicht empfehlen würde.
Mehr hier.


Sonntag, 22. April 2012

23.04.2012

Wer von euch weiß nicht, was morgen für ein Tag ist?

Sollte es da wirklich noch jemanden geben (jemanden, der keine Zeitung liest, kein Radio hört, nicht fernsieht und nur das Nötigste im Internet surft)? Diese paar Leute erfahren es eben genau jetzt. Morgen ist der UNESCO-Welttag des Buches. Um diesen Tag zu etwas Besonderem zu machen, kooperieren die Stiftung Lesen, der Börsenverein des deutschen Buchhandels sowie etliche deutsche Verlage miteinander. Seit Jahren erscheint aus diesem Anlass, immer pünktlich zum 23.04. das Büchlein „Ich schenk dir eine Geschichte“, welches Schülerinnen und Schülern überreicht wird. Dieses Jahr geht die Initiative nun noch einen Schritt weiter und bezieht erstmals auch die Erwachsenen mehr mit ein. Die Vorbereitungen dafür laufen seit Wochen. Über die Webseite ‚Welttag des Buches’ konnte man sich als Buchschenker registrieren. Wurde man als eine_r von 33.333 Teilnehmern ausgewählt, erhielt man 30 Bücher eines Titels, die man am oder um den 23.04. verschenken darf.

Morgen heißt es also ‚Augen auf’! Vielleicht spricht euch in der Fußgängerzone, im Park oder im Bus auch jemand wildfremdes an und bietet euch freundlich ein Buch an. Nehmt es ruhig an. Dieses Mal handelt es sich nicht um eine Sekte. Zumindest nicht, wenn es eines dieser Titel ist.

Außerdem wird es etliche Lesungen (v.a. im Bereich Kinder-/Jugendliteratur) und Events geben. Informiert euch mal, was in eurer Stadt so los ist.

Wie gesagt, den meisten dürfte diese Information bekannt sein. Zusatzfrage also für alle, die das bis hierhin schon wussten: was wird denn zwei Tage später, am 25.04.2012 begangen?

An diesem Tag ist Tag des Baumes (in Deutschland). Dieses Jahr hat dieser ‚Gedenktag’ auch noch 60jährigen Geburtstag. 1952 wurde er von der Schutzgemeinschaft deutscher Wald ins Leben gerufen. Bundespräsident Theodor Heuss und Bundesinnenminister Robert Lehr pflanzten zu diesem Anlass in Bonn einen Ahornbaum. Auch in diesem Jahr wird die Politprominenz wieder den Spaten schwingen und Vorbild sein für viele andere, die in ganz Deutschland Bäume pflanzen werden.

Der 25.04. ist mindestens genauso wichtig wie der 23.04. Nachdem nämlich für den 23. Berge von Büchern produziert wurden, wird am 25. wieder nachgeforstet. Damit wir ruhigen Gewissens unsere Lesefreude genießen können und auch in Zukunft noch vom wertvollen Rohstoff Holz Gebrauch machen können.

Zum Abschluss noch die Zusatzfrage zur Zusatzfrage: Welcher Baum ist Baum des Jahres 2012? Zur Lösung geht es hier.


Samstag, 21. April 2012

Babsi

Nach der Trennung von Franka zog Babsi fort.
In Stuttgart spricht sie seitdem kein Wort.
Weint nur Tränen in den Schlossgartenteich,
Isst nichts mehr und wird ganz bleich.
Schläft schließlich aus Frust mit einem Lord.


Freitag, 20. April 2012

Sexy Schokoladengenuss mit vielen Facetten


Ich könnte es immer und immer wieder durchblättern und würde wahrscheinlich immer und immer wieder hängen bleiben, erneut die Bilder bestaunen, Texte anlesen, neue Blickwinkel finden. „Mein lesbisches Auge“ ist für mich ziemlich gut vergleichbar mit einer exquisiten Pralinenschachtel, die unzählige, unterschiedliche Pralinen enthält. Harte, weiche, große, kleine, herbe, nussig-knackige, likör-versetzte, fruchtige, liebliche, … Alles handgefertigt, mit viel Liebe. Und genauso sollten auch die Texte und Bilder im „lesbischen Auge“ behandelt werden. Frau sollte sie in Maßen, langsam, genüsslich konsumieren. Nämlich dann, wenn sie in der rechten Stimmung dazu ist. So habe ich es gemacht. Und auch wenn die Pralinen manchmal noch so verlockend waren, habe ich mir Zeit gelassen.
Quelle: konkursbuch.com
Das 11. Auge vereint acht thematische Schwerpunkte.
Worum es im Kapitel „I masturbate“ geht, ist nicht schwer zu erraten. Gleich der allererste Text („Coitus interruptus“ von Kali Drische) hat mich völlig begeistert. Das ist so eine Praline, die viel zu schnell im Mund geschmolzen ist. Das war auch meine erste Erkenntnis während der Augenlektüre: es kommt nicht auf die Länge an ;-)
Dass aber Masturbation sogar eine politische Dimension haben kann, hat mich sehr fasziniert. Gezeigt hat mir das die Arbeit von Shilo McCabe, die Fotografien und Texte kombiniert, in denen sich Frauen über ihr Verhältnis zur Masturbation offen aussprachen. Ich erfuhr, dass der Mai nationaler Masturbationsmonat ist, der von sexpositiven Initiativen seit einem politischen Eklat in der Clinton-Ära gefeiert wird. Mehr zu Shilo McCabes sexpositivem Fotoprojekt gibt es mit einem Klick.
Im Kapitel „Der Anfang“ geht es um erste Küsse, erste Lieben, erste Begegnungen. Auch hier war es die Auftaktgeschichte, die ich besonders gelungen fand. In „Sex mit 49“ von Anne Bax geht es allerdings nicht ums Lottospielen. Auch hier habe ich wieder festgestellt: in der Kürze liegt die Würze. Was nicht heißt, dass längere Texte nicht auch schön sein können. In Peggy Munsons „Tendenz steigend“ geht es um eine junge Frau in San Francisco, die endlich das real erleben will, was sie sich schon so lange ausmalt. Und das ausgerechnet zu der Zeit, in der die Presse das tausendste Selbstmordtodesopfer erwartet, das sich von der Golden Gate Bridge stürzt.
Es folgt das Kapitel „Polyamory. Prostitution“, in der meine persönlichen Highlights der Kurzcomic von Madame Zappho sowie die wunderbar geschriebene Kurzgeschichte „Ljuba“ von Dorit David sind.
Das Kapitel „Gewalt“ hat eine Sonderstellung. Ein einziger Beitrag lässt sich finden und eigentlich ist er im wahrsten Sinne des Wortes so gewaltig, dass er das Kapitel gut allein ausfüllen kann. Zanele Muholis Arbeit „Isilumo siyaluma“ hat mich zutiefst berührt. An dieser Stelle schaut das „lesbische Auge“ wieder einmal über den Tellerrand, ist politisch und aufklärerisch. Eine bittere Praline, aber wenn frau sie nicht isst, weiß sie nicht, wie sie schmeckt.
„Fremdgehen, Trennung, Liebe“ vereint experimentelle Arbeiten, wie zum Beispiel die Collagen von Violetta Jara oder „Verben“ von Michaela Regus, mit glatten, wunderbar wegzulesenden Texten wie „Amors verirrter Pfeil“ von Carolin Schairer (nach dieser Praline habe ich Appetit auf eine ganze Schokoladentafel).
Das Kapitel „Sex“ entführt uns neben schönen Geschichten wie „Land-Lust“ von Regina Beyer in den Bereich der Independent-Pornofilm-Industrie. Fünf Filmemacherinnen tauschen sich aus über das Pornoimage, den Mainstream und ob Porno per se keine Kunst ist.
„Fremde Länder“ ist leider wieder sehr kurz. Es beinhaltet „Fuchsjagd“ von Silke Brandt und „Das Kästchen“ von Andrea Karimé. Offenbar ist dieses Thema nicht von besonders großem Interesse. Andererseits ist es auch immer eine Entscheidungssache. Wenn eine Arbeit so schlicht wäre, dass sie ganz klar nur einem Thema zuzuordnen wäre, wäre sie wohl nicht in der exquisiten Pralinenschachtel gelandet. So gehört für mich zum Beispiel auch die oben erwähnte Geschichte „Ljuba“ in dieses Kapitel.
In „Körperbilder“ geht es um (lesbische) Schönheitsideale. Gibt es sie? Wenn ja, wie sehen sie aus? Mein Gesamteindruck ist hierbei, dass vor allem muskulöse Oberarme als attraktiv empfunden werden. Nun, wenn das so ist, ziehe ich schnell ein Fazit, bevor ich noch ein Paar Liegestützen mache (ein Paar, nicht ein paar ;-)
Fazit: „Mein lesbisches Auge 11“ ist eine exquisite, facettenreiche Sammlung unendlich vieler Bilder, Texte, Ansichten und Gedanken. Ich bin mir sicher, jede Frau wird einen Aspekt in dieser Anthologie finden, in dem sie sich wiedererkennt, weshalb der Titel „MEIN“ Auge mehr als gerechtfertigt ist.
Geeignet für: Sexpositive Frauen und solche, die es werden wollen.
Mehr hier.


Donnerstag, 19. April 2012

Autor_in vs. Schriftsteller_in - Kampf der Synonyme


„Sie wird mal Schriftstellerin.“ Davon ist ein Freund von mir schon seit einiger Zeit überzeugt. Kürzlich berichtete er mir von diesem Zitat. Ich finde das einen ganz passenden Anlass für einen Beitrag, der mir schon länger im Kopf herumschwirrt.
Schriftstellerin soll ich sein. Warum nicht Autorin? Ich frage mich, was diese beiden Synonyme voneinander unterscheidet. Worin begründet sich ihre Daseinsberechtigung und vor allem: was von beidem favorisiere ich?
Aus diesem Anlass steigen beide Wörter nun für mich in den Ring.
Autor_in vs. Schriftsteller_in. Let the battle begin!

Autor_in

Beliebtheit (Google-Suchergebnisse, Stand 16.04.2012):
Autor: ca. 1.540.000.000
Autorin: ca. 3.350.000
zusammen: 1.543.350.000 (WOW!)

Was steckt drin?
Auto. Nun ja, ich kann mit motorisierten Gefährten ungefähr so viel anfangen wie Charity Redmun in „Heißes Erbe“: bevorzugt als Beifahrerin und ohne daran rumwerkeln zu müssen. Automarken erkenne ich in der Regel daran, dass ich die Besitzerin frage. Alles in allem habe ich mit Autos nicht viel am Hut. Keine besonders guten Voraussetzungen also für dieses hübsche Synonym.

Wo kommt es her?
Autor kommt vom französischen auteur („Urheber“) bzw. dem lateinischen auctor („Förderer, Veranlasser, Urheber, Bürge“). Sprachpuristische Bewegungen im 17. Jahrhundert wehrten sich gegen den Gebrauch eines Übermaß an Fremdwörtern in der deutschen Sprache, wenn man sich doch auch mit Wörtern germanischen Ursprungs ausdrücken könne. So empfahl Philipp von Zesen für das Fremdwort Autor die Verdeutschung Verfasser, die bis heute zwar genutzt wird, jedoch nicht eigenständig als Berufsbezeichnung stehen kann. Philipp von Zesen gilt übrigens als einer der ersten Berufsschriftsteller.

Schriftsteller_in

Beliebtheit (Google-Suchergebnisse, Stand 16.04.2012):
Schriftsteller: ca. 13.500.000
Schriftstellerin: ca. 2.750.000
zusammen: 16.250.000

Was steckt drin?
Schrift und stellen. Wo stell ich sie denn hin, dass die Buchstaben nicht umfallen, wenn ein Windhauch kommt? Momentan stelle ich ja einige ins Netz. Ansonsten ist das Stellen in Bücher ziemlich empfehlenswert.

Wo kommt es her?
Tatsächlich kommt es von ‚in Schrift stellen’. Das Wort stammt aus dem 17. Jahrhundert und sollte eben genau Autor ersetzen (als Berufsbezeichnung). Aber auch das Fremdwort Skribent (veraltet für Schreiberling) sollte mit Schriftsteller eine deutsche Entsprechung finden.

Fazit nach der ersten Runde:
Beide Kontrahenten sind auf Augenhöhe. Ein K.O. wird es nicht geben. Den Punkterichtern ist der Schweiß auf der Stirn ausgebrochen. Während Autor_in klare Beliebtheitsvorteile hat und durch knackige Kürze brilliert, jedoch Sympathie missen lässt, steckt sehr viel mehr in Schriftsteller_in, als man zuerst erahnen mag.
Während Fausthiebe verteilt wurden und geschickt ausgewichen wurde, mischten sich plötzlich Zuschauer ein und betraten den Ring. Verfasser, Skribent und Schreiberling stolzierten, hüpften und schlichen in den Boxring und teilten kräftig mit aus. Die Zuschauer wurden in blankes Staunen versetzt. Alle fünf Beteiligten vereinigten sich zu einer großen Masse. Staub wirbelte auf. Arme rauschten von rechts nach links. Von links nach rechts. Der Ringrichter ging vorsorglich einen Schritt zurück. Auch er wusste – wie das Publikum – nicht mehr, wem welche Faust zuzuordnen sei. Die Punktrichter begannen wie wild am Gong zu schlagen, aber die Kampfeslustigen waren nicht zu trennen. Ab und an sah ich den Schreiberling, der mich sympathisch anlächelte. Dann verschwand er wieder in der wirbelnden Staubwolke. Und wenn sie nicht gestorben sind…

Und ich? Also ich mach was mit Wörtern.

Mittwoch, 18. April 2012

3 Tage Nacht (Tag 3)

 Dies ist Teil 3 der Fortsetzungsgeschichte. Hier geht es zu Teil 2.

16.00 Uhr. Der Wecker setzte zum ersten Ton an, doch Pia unterband ihn sofort. Sie hatte den Wettlauf der Sekundenanzeige gebannt gefolgt, bis aus der 59 schließlich wieder 00 geworden war. Ihre Augen waren längst an das spärliche Licht aus den Ritzen der Jalousie gewöhnt. Wie gern hätte sie sich unter der Decke noch einmal umgedreht und gedöst, aber sie konnte nicht. Ständig schwirrten ihre Gedanken durcheinander. Sie dachte an Moritz, an das, was er gesagt und getan hatte. Und sie dachte nur noch an ihn als Mann. Marita war nur eine dünne Papierhülle, die man auflegen konnte, aber nachdem man die kleinen Papierlaschen nach hinten gefalzt hatte, befand sich hinter ihr immer noch nur Moritz.
Pia versuchte, ihre Emotionen einzuordnen. Es war der dritte Tag ihres Nachtexperiments. Sie wollte nicht noch mehr Zeit verlieren, indem sie ihren Rhythmus plötzlich doch wieder zurückstellte. Sie musste endlich mit ihrer Arbeit vorwärtskommen.
Pia strengte sich an, vertiefte sich in Texte und kam zumindest ein bisschen voran. Raucherpausen ließ sie erst einmal ausfallen. Natürlich um Zeit zu sparen. Natürlich. Es hatte nichts mit Moritz zu tun.
Gegen zehn war sie so geschlaucht davon, sich bei Facebook abzulenken, dass sie doch zu ihrer schwarzen Fleecejacke griff.
Sie ging auf den Balkon, atmete tief die kühle Luft ein und gleich darauf die Tabakluft, die sie produzierte. Sie war allein im Hinterhof. Bis sie links eine Bewegung hinter der Fensterscheibe sah. Die Balkontür ging auf und da stand er dann, schräg unter ihr, mit einer dicken Jacke an.
„Hey“, sagte sie und musterte sein kurzes, braunes Haar, seine blasse Haut und die Augen, die zum ersten Mal nicht von Kajal und Lidschatten umrahmt waren.
„Hey.“ Auch er zündete sich eine Zigarette an.
„Nanu, keine Beschwerde darüber, wie ich aussehe?!“, meinte Pia.
„Ich geh ja nicht gerade mit Vorbild voran.“
Pia zögerte, aber hakte dann nach: „Was ist denn bei dir der Grund?“
„Marita wollte mal eine Pause“, sagte er und sah ihr fest in die Augen, soweit das im Dunkel des Hinterhofs über eine Etage möglich war. „Und bei dir?“
„Ich habe leider nur das eine Kleid, was einigermaßen elegant aussieht.“
„Oha, damit habe ich jetzt nun gar nicht gerechnet.“
„Okay, außerdem bin ich ja dann gestern zu gar nichts mehr gekommen. Da wollte ich nicht heute auch noch das Risiko eingehen, Zeit zu verschwenden.“
Moritz nickte. „Aber wenn es nur der Kleidermangel ist, kann ich dir da mal irgendwann aushelfen. Gold würde dir bestimmt auch prima stehen.“ Er zwinkerte. Pias Gedanken rasten wieder im Kreis. Sie im Goldkleid, sie an seiner Brust ohne Implantate im BH, Hände streichelten das flüssige Gold.
„Deine CD ist noch bei mir.“
„Ja, habe ich wohl vergessen.“
„Willst du sie dir abholen?“
„Kann ich machen.“ Er zögerte. „Soll ich irgendwas mitbringen?“
Pia zuckte die Achseln.
„Bin in fünf Minuten bei dir.“
Als sie im Flur stand und ihn aus dem Treppenhaus kommen sah, war es nicht, als würde sie ihn schon ewig kennen.
Sie gingen in Pias Wohnung. „Das Goldene ist in der Wäsche, aber ich hab dir erstmal auch kein anderes mitgebracht. Ich dachte, das würde mehr Spaß machen, wenn Marita mitmischt.“
„Da könntest du Recht haben.“ Pia legte den Kopf schief und musterte ihn. Die Haarwurzeln seines Bartes schimmerten durch, sein Gesicht war von großen Poren bedeckt. Er hatte nicht den Hauch eines Makeups aufgelegt.
„Ganz schön anders, oder?“ Er hatte ihren Blick genau gesehen.
„Ja.“
„Würdest du trotzdem noch mal mit mir tanzen wollen?“
Pia zog wieder lustlos die Schulter hoch. Da ging Moritz einfach an ihren CD-Player und schaltete ihn an. Die vertrauten Piano-Klänge ertönten und mit einer Selbstverständlichkeit umfasste er ihre Taille und führte sie zu der Musik durch den Raum. Als hätte er keine Ablehnung erwartet. Und sie kam auch nicht.
Verstohlen berührten Pias Fingerspitzen die Haut an seinem Hals und hoffte, dass er es als zufällige Berührung verstand.
„Du bist also gar nicht schwul?“
„Nein, ich war lange Zeit mit einer Frau zusammen, aber sie kam mit Marita nicht klar, aber Marita wollte nicht nur im Schrank eingesperrt werden.“
Pia nickte erwachsen. 
Nach diesem Tanz verabschiedete sich Moritz.

In den nächsten zwei Tagen war Pia damit beschäftigt ihren Rhythmus wiederzufinden. Sie krempelte alles erneut komplett um, sodass sie wieder acht Uhr morgens aufstehen würde und einen Tagesablauf wie jede normale Frau hätte. Moritz sah sie dadurch nicht mehr auf dem Balkon. Der würde sowieso selbst bald wieder zurück in seinen Spießerjob gehen und konnte es sich nicht mehr leisten, nachts auf die Pauke zu hauen. Auch den Zigarettenkonsum hatte Pia ein gutes Stück zurückgefahren.
Ihre Mitstudierenden würden das, was getan hatte, wahrscheinlich Prokrastination nennen. Sie nannte es Lebenlernen. Und sie würde es jederzeit wieder tun.

Es war am zweiten Tag der Umstellung ihres Tagesrhythmus, als sie eine Postkarte in ihrem Briefkasten fand. Darauf war ein Gemälde eines tanzenden Paares abgebildet, vielleicht im Original vor hundert Jahren entstanden, vielleicht durch den Pinsel eines Toulouse-Lautrec oder eines seiner Zeitgenossen. Pia drehte die Karte um.
„Königin der Nacht,
ich denke immer an unsere erste Nacht, ans Dolce Vita.
Ich warte auf unseren ersten Tag.
Moritz.“


Dienstag, 17. April 2012

USA-Roadtrip im Wohnmobil



Passend zum literarischen Fokus des diesjährigen L-Beach (siehe *hier*) kann ich einen kleinen, feinen Beitrag aus der Ferne leisten. Ich habe mal wieder einen Ariadne-Krimi vor mir liegen.
„Heißes Erbe“ von Anne Seale ist allerdings eher Thriller statt Krimi. Es geht es um die 27jährige Altenpflegerin Jo Jacuzzo. Ungerechtfertigt des Diebstahls bezichtigt, verliert sie ihre Anstellung und fürchtet, ihr schlechter Ruf eile ihr voraus und dass sie nie wieder eine neue Stelle finden würde. Da kommt das Angebot ganz recht, einem Bekannten der Familie (die übrigens aus Jos Mutter und ihrer Lebensgefährtin besteht) einen Gefallen zu tun. Jo soll von Buffalo nach Florida fahren und einer Rentnerin (die Mutter des Bekannten) mit dem Packen behilflich sein und sie anschließend in ein Flugzeug nach Buffalo verfrachten, damit sie ihren Sohn besuchen kann*. Eigentlich ein lukratives Angebot um die jobtechnische Trockenphase zu überwinden. Auf der Hinfahrt kann man noch gemütlich einen Onkel in Cincinnati besuchen (auch wenn das nicht wirklich auf dem Weg liegt).
Quelle: http://www.argument.de/
Es könnte ein so entspannter Trip sein, würde nicht Jos Auto auf der Hinfahrt die Hufe hochreißen. Unfreiwillig muss sie Halt machen und ist zum Warten gezwungen, während die KfZ-Werkstatt das Ersatzteil für ihr Auto bestellt.
Da lernt sie Charity*1 kennen, eine attraktive Frau, die ein Problem hat, das wunderbar ins Klischeebild von Frauen passt: ihr Fahrzeug ist zu groß und sie traut sich nicht, es zu fahren. Auch sie muss – ähnlich wie Jo – den Wohnwagen, der nicht so richtig ihr eigener ist, von A nach B bringen (nämlich von Charleston, South Carolina nach Tucson, Arizona). So bekommt Jo erneut ein lukratives Angebot um die Wartezeit sinnvoll zu verbringen: Sie soll den sperrigen Wohnwagen für Charity nach Tucson fahren, erhält ein finanzielles Dankeschön von 1000 Dollar und bekommt ein erste-Klasse-Rückflugticket.
Ein rasanter Roadtrip durch die USA beginnt. Und nicht nur das. Jo und Charity lernen sich kennen. Die Leserin erlebt auch das zaghafte Aufkeimen romantischer Gefühle von Jo für Charity. Jedoch traut sie sich lange keine Annäherungsversuche, denn Charity dürfte doch ganz offensichtlich nichts für sie (oder Frauen im Allgemeinen) übrig haben. Da dürfte die Weiterfahrt sehr unangenehm werden, angesichts der Tatsache der geringen Wohnfläche, die sich beide Frauen für die Dauer der Reise teilen.
Neben den eigentlich schönen Gefühlen in Jo sickert langsam eine nicht greifbare Bedrohlichkeit durch. Man ahnt, dass irgendwas im Busche ist. Dass Charity vielleicht gerade am Rande der Legalität vorbeischliddert. Nicht zuletzt weil ein anderer Wohnwagen sie zu verfolgen scheint.
In der Mitte des Buches hat mich die Geschichte ziemlich arg enttäuscht. Aus Spoilerschutzgründen möchte ich nicht verraten, was da genau geschehen ist. Nur so viel: ich für meinen Teil war zu tief in der Geschichte um das Buch nach dieser Enttäuschung wegzulegen. Und das ist auch gut so. Der weitere Verlauf des Plots würde ohne diese Enttäuschung keinen Sinn machen. Dabei wird man immer wieder in Staunen versetzt, was da noch so passiert und sich entwickelt.
Für mich als Anglophile war das Setting natürlich ein besonderes Schmankerl. Leider reichte meine räumliche und geographische Vorstellungskraft nicht ganz aus. Tatsächlich hätte ich mir ganz unkonventionell eine Karte vom östlichen Teil der USA gewünscht, in der die wichtigsten Orte und Staatsgrenzen eingezeichnet sind. Vielleicht eine Idee für die nächste Auflage?
Fazit: Turbulenter Roadtrip durch die USA, der thrillert, aber auch gefühlvoll ist.
Geeignet für: Amerikaliebhaber_innen und alle, die sich schon immer die Unabhängigkeit durch ein eigenes Wohnmobil gewünscht haben (denn Vorsicht – diese Anschaffung sollte wohldurchdacht sein).
Mehr hier.

*Im englischen Original heißt der Roman „Packing Mrs. Phipps“, denn so heißt die Dame, wegen der Jo ihre Reise antritt.
*1Charity ist englisch und bedeutet „Wohltätigkeit“. Dass dieser Name mehr als passend ist, wird sich im Verlauf des Romans herausstellen.

Montag, 16. April 2012

Auf zum L-Beach!


Noch 4 Tage! Dann startet Europas größtes Frauen-Indoor-Festival: Der L-Beach. Ein Wochenende lang wird der Weißenhäuser Strand an der Ostsee unsicher gemacht, von Frauen bevölkert, die tanzen, lachen, flirten, knutschen und Spaß haben. So zumindest ist mein Eindruck, wenn ich mir die Webseite der Veranstaltung ansehe. Ob dieser Eindruck stimmt, ob man die gute Laune unwillkürlich aufsammelt wie die Sandkörner in den Sandalen beim Strandspaziergang, kann ich leider nicht sagen, weil ich noch nie beim L-Beach war. Dabei findet er sogar schon im dritten Jahr statt. Und obwohl ich auch dieses Jahr nicht dort sein werde, habe ich staunend im Programm gestöbert. Es gibt nämlich nicht nur Live Acts und Partys, sondern eine Menge mehr. Veranstaltungen, die eine junge Literatin nur allzu gern besuchen würde.
Im folgenden möchte ich ein paar dieser angekündigten Programmpunkte auflisten. Für stolze Ticketbesitzerinnen, die noch Empfehlungen brauchen. Und für die Ticketlosen, die nun vielleicht bei diversen Biete-Suche-Portalen noch fündig werden oder irgendwem ein Ticket abkaufen können. (Ich hörte, die Schlafplätze seien ausverkauft, aber es gebe noch Tagestickets.) Und für alle Medienmacher, die noch in der letzten Minute eine rasende Reporterin suchen (mich), die für ein Ticket schreibt und berichtet. ;-)
Hier also die Events und die weibliche Prominenz, die frau nicht verpassen sollte (nur ein Auszug nach persönlichem Gutdünken):
     Anika Hoffmann als Moderatorin. Sie war mir irgendwann schon bei Youtube begegnet und ich war völlig begeistert. Macht euch auf Muskelkater im Zwerchfell gefasst!
     Alexandra Hedison als Moderatorin. Traditionell konnte eine Darstellerin aus „The L-Word“ für die Bühne gewonnen werden. In der Serie spielte sie Dylan Moreland, eine Filmemacherin, die mit Helena eine Affäre anfängt, während sie noch in einer heterosexuellen Beziehung steckt.
     Betty. Die Band, von der die Titelmusik zu „The L-Word“ stammt, ist Stammgast beim L-Beach.
     Frida Gold. Eine absolut hochkarätige Durchstarterband mit deutschen Texten und für ihre Attraktivität preisgekrönten Frontfrau.
     Kim Wilde. Die Popikone aus den 80ern.
     Lesbische Thriller. Das ist der literarische Fokus des diesjährigen L-Beach. Es wird Lesungen und Debatten um lesbische Krimis und deren Ermittlerinnen geben. Mit von der Partie sind Corinna Waffender, Anne Bax und Val McDermid!
     Es wird einen PoetrySlam-Wettbewerb von und mit CayaTe geben!
     In der Erotiklounge geht es heiß her. Inspiration gibt es von einer Burlesque-Tänzerin und aus den Büchern und Texten von Anne Bax, Tania Witte und der bezaubernden Antje Wagner.
     Außerdem: DJanes, Sport, Kinofilme und die Wahl zu Miss L-Beach.  
Selbst wenn das Wetter nicht mitspielt, allein beim Anblick der Liste dieser Künstlerinnen und Veranstaltungen geht doch die Sonne ins uns auf! Lasst euch das noch einmal auf der Zunge zergehen: ein ganzer Hotelkomplex voller Lesben!  
Da bleiben eigentlich nur noch ein paar Fragen offen: Wie lang müssen da die Schlangen vor den Damen-Toiletten nur sein? Wie und wann soll frau an diesem Wochenende bloß zu Schlaf kommen? Wird es wirklich so famos wie das Programm erahnen lässt? Und … wer nimmt mich mit?


Sonntag, 15. April 2012

3 Tage Nacht (Tag 2)


Dies ist Teil 2 der Fortsetzungsgeschichte. Hier geht es zu Teil 1.

Pia stand am nächsten Morgen, der eigentlich ein Nachmittag war, vor dem Kleiderschrank. Ihre Finger glitten über die verschiedenen Blusen. Sie beäugte die Hosen und Röcke und machte sogar aus der Wahl der Unterwäsche einen Staatsakt. Sie überlegte hin und her, zögerte immer wieder. Dann griff sie schließlich entschlossen zu dem knallroten Abendkleid, das sie beim Abiball das letzte und bisher einzige Mal getragen hatte. Es hatte einen Neckholder-Ausschnitt und am Rock war an verschiedenen Stellen der Stoff gerafft.
Pia legte alles aufs Bett und zog vorerst doch ihre Freizeitkleidung an. Sie mied eine ganze Weile den Balkon. Solange bis das Pechschwarz jeden noch so winzigen Sonnenstrahl verscheucht hatte. Selbst als die Dunkelheit eingebrochen war, traute sie sich noch nicht. Stattdessen vertiefte sie sich in ihre Arbeit. Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus, unterbrach die Recherche und ging ins Bad um zu duschen. Dann wechselte sie in ihr Abendkleid und trug einen feinen Lidstrich und etwas Maskara auf. Zwei Strähnen an den Schläfen drehte sie ein paar Mal und steckte sie mit Haarklemmen fest. Ein Hauch roter Lipgloss war das I-Tüpfelchen.
Sie kam sich albern vor, als sie aus dem Bad zurück ins Zimmer ging. Sie konnte auch nicht sofort auf den Balkon gehen, sonst wäre sie sich vorgekommen als hätte sie sagen wollen ‚Guck mal, guck mal, wie ich aussehe!’.
Pia setzte sich an ihren Computer, schlug die Beine elegant übereinander. Die Spitze ihrer Abendschuhe berührte die Wand hinter dem Schreibtisch. Tatsächlich war sie an diesem frühen Abend sehr produktiv. Als sie ein gutes Stück geschrieben hatte, unterbrach sie und ging tatsächlich auf den Balkon. Sie zog ihr kleines Bolerojäckchen über, das genauso hochwertig war wie das Kleid.
Sofort stellte sie fest, dass er nicht auf dem Balkon war. Doch das Licht in seiner Wohnung brannte. Sie zündete sich die obligatorische Zigarette an und sah ihn plötzlich durch die Glasfront nach oben schauen. Er erstrahlte auf dem ganzen Gesicht, als er sie sah. Dieses Mal trug er ein kurzes Kleid aus goldenem Stoff, das hauteng geschnitten war. Goldene Stoffvolants verwischten seine Silhouette. Seine Beine waren aalglatt und steckten in Glanzstrumpfhosen. Sogar die Pumps waren golden.
Er eilte auf den Balkon, ohne Stola oder Jäckchen, aber mit dem entsprechend vorsichtigen Gang auf den Fliesen.
„Hallöchen, das sieht vielversprechend aus“, posaunte er. Seine Augen tasteten Pias Erscheinung ab. „Hach, ich sehe ja nur die Hälfte.“ Er sah völlig enttäuscht aus und schien sich zu wünschen die durchgängige Balkonfassade wäre aus Glas.
Pia zog das Bolerojäckchen an der rechten Schulter ein wenig zurück.
„Sehr hübsch, aber ich sehe leider nicht, wie es nach unten hin weitergeht.“
„Ich werde garantiert nicht auf das Geländer klettern.“
Er riss die Augen auf. „Um Gottes Willen! Natürlich nicht.“
„Wir könnten uns im Flur treffen.“
Die Diva schürzte die Lippen, wahrscheinlich weil ihm die Idee gefiel und er sich ärgerte, dass er nicht darauf gekommen war. „Formidabel“, sagte er und lachte.
„Bei mir oder bei dir?“
„Ich komm hoch! Rauch mal noch auf, in fünf Minuten bin ich da. Aber jetzt wird mir kalt.“ Er rieb sich die Arme und verschwand nach drinnen.

Pia stand im Hausflur vor ihrer Wohnungstür. Der Schlüssel steckte von außen. Im Flur war es zwar wärmer als auf dem Balkon, aber die Jacke brauchte sie trotzdem um nicht zu frieren.
Sie hörte Schritte und sah gespannt auf das Treppenhaus direkt vor ihrer Nase. Ihr Blick war nach unten fixiert. Erstaunt sah sie auf, als sie feststellt, dass die Schritte von oben kamen. Ein älterer Herr kam gemächlichen Schritts die Treppe hinunter. Sobald er sie sah, hielt er kurz inne und wirkte irritiert. Er sagte nichts und ging einfach weiter.
Kurz darauf, als seine Schritte noch immer durch das Treppenhaus hallten, mischte sich ein zweites Geräusch hinein. Dieses Mal klapperten ganz eindeutig spitze Absätze im Flur und Pia wusste, dass er es war. Als er sie sah, strahlte er und Pia bemerkte, wie ausufernd er die Hüften mit jeder einzelnen Stufe schwang.
„Hallo Liebchen“, tönte er. „Bezaubernd siehst du aus!“ Er ergriff die Fingerspitzen ihrer linken Hand mit einer Selbstverständlichkeit von alten Freunden, hob ihre Hand und versetzte ihr leichten Schwung. Pia drehte sich einmal um ihre eigene Achse, untermalt von begeisterten ‚Ah’s. „So kannst du dich wirklich sehen lassen. Hüüübsch!“
„Pssst“, machte Pia. „Hier im Hausflur schallt es doch so!“ Aber ihr Lächeln konnte sie kaum unterdrücken. Wann hatte sie das letzte Mal überhaupt so ausufernde Komplimente bekommen?
Jetzt sah auch sie ihn etwas genauer an. Er trug zusätzlich eine braune Lederhandtasche, länglich und leicht gebogen.
Die Diva beugte sich leicht nach vorn zu Pia und flüsterte: „Der Typ im Flur hat vielleicht gerade Augen gemacht.“
Pia lachte. „Ja, der hat mich vorher ja schon gesehen. Kein Wunder, dass er völlig irritiert war.“
„Soll ich dir was verraten?“ Er wartete nicht auf Pias Antwort, sondern plapperte gleich weiter. „Ich finde es total aufregend! Ich bin in meinem Abendkleid im Hausflur. Ich hab mich damit ja noch nie jemandem gezeigt. Fast niemandem.“
Pia dachte an dieses uralte Rätsel: Wenn ein Baum im Wald umfällt und niemand ist da, der es hören kann, gibt es dann ein Geräusch? Wenn ein Mann sich in eine Frau verwandelt, aber niemand ist da, der es sehen kann, hat er sich dann wirklich verwandelt? Ist es dann eine Befreiung für ihn?
„Die Steigerung dazu wäre wohl ein Spaziergang um den Block“, sagte Pia.
„Oder ein Einkauf im Späti“, fügte er hinzu.
„Ich geh lieber in den normalen Supermarkt.“
„Ja, ich auch, aber dann müsste ich ja zu den normalen Öffnungszeiten gehen und das ist mir noch etwas zu heikel. Ich weiß noch nicht, ob man mich erkennen würde.“ Plötzlich schimmerte etwas durch, Angst, Ernsthaftigkeit, etwas, das Pia ihm nie zugetraut hatte. Sofort überdeckte er diese Gefühle wieder mit der gewohnten Leichtigkeit: „Ich habe dir was mitgebracht!“ Er klopfte auf seine Handtasche und machte große Augen.
Pia wartete gespannt. Viel passte ja nicht hinein. Er öffnete den Reißverschluss, fuhr mit seiner Hand hinein und förderte zwei Schnäpschen zutage. „Damit deine Arbeit etwas lustiger wird.“
„Für dich oder für mich?“
„Wie meinen?“
„Ach, ich vertrag nicht so besonders viel.“
„Ich habe ja auch keine Literflasche mitgebracht, sondern nur den kleinen Klopfer“, entgegnete er.
„Lass uns mal reingehen. Ich habe keine Lust mehr, die ganze Zeit auf die Lautstärke zu achten.“
„Ach, Süße, das ist lieb gemeint“, er zog die Wörter lang, betonte damit alles sehr auffällig, „aber ich geh doch nicht einfach zu einer Fremden nach Hause! Ich bin eine respektable Dame!“
Ich bin doch auch eine Frau, dachte Pia, die Logik hinkt etwas. „Okay, klar“, sagte sie.
„Wie heißt du denn, Herzchen?“
„Pia.“
„Freut mich. Ich bin die Marita.“ Er streckte seine Hand aus und schüttelte Pias, als sie sie ergriff. Dann beugte er sich demonstrativ nach vorn um Pias Klingelschild zu lesen. „So, ich würde sagen, jetzt kennen wir uns. Dann kann ich mit reinkommen.“
Pia lachte und öffnete die Tür. „Hereinspaziert!“ Sie ging auf die Schlafcouch zu, die sie gleich nach dem Aufstehen vom Bett in Sitzgelegenheit umfunktioniert hatte. Sie setzte sich und wartete darauf, dass Marita es ihr gleichtun würde, aber Marita ließ sich Zeit. Sie sah sich im Raum um und schlenderte ruhig zur Couch. Dann sah sie Pia in die Augen. „Ich muss dir was sagen!“ Das kam mit ungewohnter Ernsthaftigkeit heraus. Er setzte sich neben Pia und begann ihre Hände zu halten, als bräuchte sie Beistand. Mit beiden seiner warmen Hände umhüllte er Pias. „Ich bin gar keine richtige Frau!“ Der Schalk tanzte in seinen Augen.
„Oh“, sagte Pia nur und schauspielerte damit im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Sie konnte sich ihr Lachen aber nicht lange verkneifen.
„In Wirklichkeit heiße ich Moritz.“ Plötzlich hatte sich seine Stimme verändert. Es schien Pia, als spräche nun wirklich der Mann aus ihm. Es war nicht die Tonlage, die alles veränderte. Als Frau sprach er nicht automatisch drei Oktaven höher. Im Gegenteil, er blieb bewusst in seiner Stimmlage. Aber irgendwie hatte immer eine Weichheit mit hineingespielt. Seine Stimme hatte sich immer zärtlich vorgetastet. Das war in diesem Satz weggefallen. Schließlich ließ er ihre Hände los.
„Freut mich“, sagte Pia schlicht.
„So, na dann“, Marita war zurück, „lass uns mal anstoßen.“ Er reichte Pia ein Fläschchen. „Auf unsere unverhoffte Begegnung.“
„Auf uns! Und auf die Nacht! Und auf Berlin!“, stimmte Pia ein.
„Hört, hört!“
Die Fläschchen stießen mit einem gläsernen Pling aneinander, bevor sie rasant ihres Inhalts entleert wurden.
Während Marita das Fläschchen mit spitzen Fingern wieder zuschraubte, sagte er: „Mit Küsschen auf Schwesternschaft trinken brauchen wir ja nicht. Wir duzen uns ja längst. Außerdem würde der Farbton meines Lippenstifts wohl nicht ganz zu dem deines Kleides passen.“
Pia lachte wieder, aber daran war nicht allein der Pflaumenlikör Schuld. Als sie sich beruhigt hatte, sagte sie: „Wie lange wohnst du hier schon?“
„Etwas über drei Jahre.“
„Ich bin seit vier Jahren hier. Komisch, dass ich dich noch nie gesehen habe.“
„Die Anonymität der Großstadt!“ Er schüttelte verächtlich den Kopf.
„Aber Anonymität scheint doch in deinem Interesse zu sein.“
„Nein, nicht unbedingt. Weißt du, ich probiere mich gerade aus. Ich bin buchstäblich zu neuem Leben erwacht. Aber das soll ja nicht so bleiben, dass ich das nur hinter verschlossenen Türen auslebe.“ Es war Moritz, der das gesagt hatte.
„Wie geht es denn weiter?“
„Ich würde so gerne in einer Travestieshow auftreten. Playback singen, tanzen, das Publikum unterhalten.“
„Das kann ich mir gut für dich vorstellen. Was hindert dich denn?“
Moritz schraubte nachdenklich das Fläschchen wieder zu. Er zurrte den Deckel so fest, dass er sich beinahe verbog. „Ich weiß nicht. Es ist halt alles noch so neu. Ich kenne auch niemanden, der das macht. Ich weiß nicht, ob ich Chancen hätte und ob das Publikum mich mögen würde.“
„Wer dich nicht mag, mag dich halt nicht. Es werden genügend Leute begeistert sein!“
„Du weißt nicht wie es ist, wenn da immer dieses Risiko im Raum steht.“ Er schien Marita weggesperrt zu haben, sprach nur noch als Moritz, männlich aber zerbrechlicher als Marita es je sein könnte.
„Aber dann kannst du dir später nicht vorwerfen, dass du es nie probiert hättest.“
„Nein, ich meine nicht das Risiko, dass die Leute mich nicht mögen könnten. Mensch, Pia, ich bin in einem langweiligen, etwas spießigen Job. Ich will wirklich nicht, dass die Kollegen das herausbekommen.“
„Spießig?“ Jetzt legte Pia ihre Hände auf die von Moritz. „Was ist denn das für ein Job?“
„Ich arbeite in einer Bank. Jeden Tag Krawatte, weißt du. Nur jetzt habe ich Urlaub, den ich mal damit verbringen wollte, die Nacht zum Tag zu machen. Einfach so, aus Spaß und mit Kleid und Perücke. Aber wenn die Kunden das wüssten, würde ich jegliche Seriosität verlieren und die würden sich nicht mehr von mir zu ihren Anlagen beraten lassen.“
„Das ist doch Quatsch! Außerdem ist Berlin riesig. Wieso sollten ausgerechnet die paar Kollegen von dir in die Travestieshow gehen? Und dann müssten sie dich erstmal erkennen. Deinen Kunden würde das erst recht nicht gelingen.“
„Ich weiß nicht.“ Er sah Pia nachdenklich an. Dann holte er seine Hände unter Pias hervor und tätschelte sie. „So, genug Trübsal geblasen.“ Marita war wieder da und kicherte verzückt. „Jetzt wird getanzt.“
Pia lächelte. „Dann mal los.“
Moritz stand auf und hielt Pia seine Hand hin. Sie sah ihn mit großen Augen an.
„Ja, ich tanze doch nicht alleine, wenn ich so eine sympathische Dame vor mir habe.“
„Aber du hast doch immer allein getanzt.“
„Was heißt denn hier immer?“
Pia zögerte.
„Das Wichtigste fehlt ja sowieso noch. Kein Wunder, dass du keinen Schwung unterm Hintern bekommst.“ Moritz hatte seine Hand weggezogen und kramte in seiner Handtasche. Plötzlich hielt er eine CD in der Hand und sah sich suchend im Raum um. Als er den CD-Player entdeckt hatte, fragte er nicht lange um Erlaubnis, sondern spielte ganz einfach Discjockey.
„Jetzt aber!“ Er legte seine Handtasche auf dem Sofa ab und hielt Pia wieder seine Hand hin. Pia ergriff sie und ließ sich hochziehen, während im Hintergrund die ersten sachten Klänge eines Klaviers erklangen. Sie gingen um den Couchtisch herum, nur um danach hilflos voreinander zu stehen.
„Ich weiß gar nicht mehr, ob ich das noch kann!“, warf Pia ein und schaute auf ihre Füße, obwohl sie noch nicht einmal begonnen hatten.
„Schau mir in die Augen, Baby!“ Moritz hob Pias Kinn mit seinem Zeigefinger zärtlich an. Spielte er mit diesem Satz auf Dirty Dancing an? Pia sah es schon kommen. ‚Das ist mein Tanzbereich. Das ist dein Tanzbereich.’ Das würde in einer Bühnenshow sicher einige Schmunzler geben. Nur etwas machte in Pias Augen nicht so ganz Sinn: „Das geht doch gar nicht. Wer ist denn hier der Mann beim Tanzen?“
Marita rollte mit den Augen. „Liebchen, man ist nicht gleich lesbisch, nur weil man mit einer Freundin tanzt. Außerdem sind Männer in den meisten Fällen Tanzmuffel. Ist ja nichts Neues, dass zwei Damen sich miteinander begnügen müssen.“ Er zwinkerte sie an und nahm wortlos die klassische Tanzhaltung ein. Seine Schultern versteiften sich und Pia wurde Angst und Bange. Er schien ein wirklich guter Tänzer zu sein. Da konnte sie sich ja nur blamieren.
Als eine sanfte Frauenstimme zu den Klavierklängen zu singen begann, eröffnete auch Marita den Tanz mit kleinen, zaghaften Schritten in Pias Richtung. Nach einigen Schrittwechseln hatten sie sich im Grundschritt des langsamen Walzer eingependelt und begannen, sich leicht um die eigene Achse zu drehen.
Pia kam die Musik bekannt vor, erst recht, als der Refrain zum ersten Mal ertönte. Sie runzelte die Stirn und sah Moritz an.
„Dolce Vita. Eine sehr stilvolle Jazzversion des 80er-Jahre-Klassikers.“
„Na, das passt ja.“
Als der Refrain ein nächstes Mal erklang, sang Moritz leise mit:
„It's our last night
Together with our love again
Another light
Before we're thrown in darkness
Say you'll never leave me now
Say you'll never leave me now“
„So ganz passt das aber nicht“, warf Pia leise ein. „Es ist doch erst unsere erste Nacht.“
Moritz grinste anzüglich. „Warum nur klingt das so eindeutig zweideutig?“
Da war er wieder: Sex. Ein Teil des verruchten Trios. Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Das alles konnte sich Pia nur in der Nacht vorstellen. War das vielleicht auch ein Grund, weshalb sie auf Nachtschichten umgestiegen ist? Würde es ihre Chancen steigern in den Genuss des Trios zu kommen?
Das Lied kam langsam zum Abschluss und Moritz drehte Pia passend zu den letzten Klängen aus, bis sie nur noch Hand in Hand dastanden. Er streckte wieder den freien Arm elegant von sich und Pia erwartete fast schon, dass er nach diesem fulminanten Auftritt eine Verbeugung hinlegen würde. Das tat er aber nicht. Stattdessen gab er ihr einen Handkuss und nickte ihr einen Dank für den Tanz zu.
„Das könnten wir glatt noch länger machen“, hörte Pia sich sagen. Allerdings schrieb sich ihre Abschlussarbeit nicht von allein.
„Ach, jetzt bekommst du wohl nicht genug?“
„Sieht wohl so aus.“
„Gemach, Gemach!“ Moritz schwenkte seine flachen Hände beschwichtigend in der Luft. Im Hintergrund ging es mit einem anderen Jazzcover weiter, das Pia nicht sofort erkannte und das nicht so unweigerlich zum Tanzen einlud wie ‚Dolce Vita’ es getan hatte. Moritz setzte er sich wieder aufs Sofa.
Pia folgte ihm. „Wieso hast du diese Seite an dir eigentlich jetzt erst entdeckt?“ Sie setzte sich neben ihn und sah ihn aufmerksam an.
„Ich habe sie nicht entdeckt. Ich wusste immer, dass sie da ist. Es ist eine Frage, wie man sie ausleben kann. Und ich musste sie bis zu meiner Trennung vor ein paar Monaten unterdrücken oder verstecken. Und jetzt ist sie da, die Marita. Ich spreche ihren Namen aus und es gibt keinen Zweifel daran, dass sie existiert. Das fühlt sich unglaublich an.“
„Und jetzt bist du immer noch Single?“
Moritz nickte.
„Andere Mütter haben bekanntlich auch schöne Söhne!“ Pia zwinkerte.
Moritz sah sie nachdenklich an. Er hatte immer noch nicht zurück auf Marita geschalten. „Und du?“, fragte er.
„Ich warte auch noch auf den schönen Sohn.“
„Wollen wir uns das Warten ein bisschen versüßen?“
Pia schürzte die Lippen und zuckte mit einer Schulter. Klar wollte sie.
Moritz öffnete erneut die Handtasche und zog einen kleinen Klarsichtbeutel heraus.
Pia traute sich nicht zu fragen, was es war. Sie ahnte es.
„Hm?“, machte Moritz und schien auf Pias Zustimmung zu warten, doch sie zuckte wieder nur die Schulter. „Komm, Herzchen, wir gönnen uns noch eine halbe Stunde Verrücktheit und dann gehst du frisch gestärkt ans Werk.“
Was für eine Illusion! Pia sah alle möglichen Vergnügungen, mit denen sie den Rest der Nacht verbrachte, nur ihre Masterarbeit gehörte nicht dazu.
„Worüber schreibst du eigentlich deine Abschlussarbeit?“
„Übers Lesenlernen.“ Lesenlernen, hallte es in ihrem Kopf wider. Lebenlernen war doch eigentlich viel interessanter. Genau damit beschäftigte sie sich schließlich gerade.
Moritz legte ein Papierchen auf sein nacktes Knie und verteilte mit den Fingern die braun-grünen Fasern darauf.
Pia dachte gar nicht daran, ihn zu bitten auf den Balkon zu gehen. Schon alleine weil die Geruchsbildung sie vor der Nachbarschaft, die vielleicht doch noch wach war, verraten könnte. Ein Nervenkitzel wie damals in Teenagerzeiten machte sich breit. Nur, dass sie dieses Mal nicht Schmiere stand.  
Als Moritz fertig war, entzündete er den Joint, zog einmal daran und reichte ihn dann an Pia weiter. Sie war ein wenig aufgeregt. So, wie sie sich am Vortag gefühlt hatte, als sie zum ersten Mal eine Zigarette rauchen wollte. Unerschrocken inhalierte sie den Rauch und gab den Joint an Moritz zurück. Dann stand sie auf und holte schnell den Aschenbecher vom Balkon. Als sie wiederkam, war sie erneut mit Ziehen dran. Und so machten sie weiter, bis es nichts mehr zu ziehen gab.
Ohne Anlass stimmte Moritz ein Kichern an. Oder war es Marita? Pia machte in jedem Fall mit. Sie lehnte sich an seiner Schulter an und streichelte über den weichen Stoff des Cocktailkleides. Das Gold fühlte sich fast an als wäre es flüssig.
„Cocktail heißt ja Hahnenschwanz“, philosophierte sie, „aber ‚cock’ heißt ja auch Schwanz.“
„Ja.“
„Also trägst du gerade ein Schwanz-Schwanz-Kleid.“ Pia kicherte, betäubt, bekifft, betüdelt, doch in ihren hintersten Gehirnwindungen erschrak sie über das, was sie gesagt hatte. Sie kannte Moritz eigentlich gar nicht. Vielleicht hatte sie ihn damit jetzt tief verletzt. Vielleicht wollte er sich irgendwann einer Geschlechtsumwandlung unterziehen. Vielleicht waren Assoziationen zu männlichen Merkmalen das Letzte, was er im angeheiterten Zustand hören wollte. „Sorry“, sagte sie um ihren Fehler auszubügeln.
Aber Moritz lachte auch. „Schwanz-Schwanz. Möchtest du einen Schwanz-Schwanz mit mir trinken?“
„Ich weiß nicht, aber ich glaube, Dick will“, konterte Pia, zu einer Zensur ihrer Gedanken nicht mehr in der Lage, aber dennoch froh, dass er das Thema nicht verbissen sah.
„Dick Brave oder Dick Cheney?“
„Moby Dick.“
Sie scherzten noch eine Weile herum, bis Moritz Pias Hand nahm. „Los, lass uns noch mal tanzen.“ Er stand auf und stellte im CD-Player ‚Dolce Vita’ ein.
Pia ließ sich von ihm hochziehen und tanzte sofort bereitwillig mit. „Dolce Vita“, murmelte sie, „das klingt nach etwas zu Essen. Vielleicht Eis in einem italienischen Café.“
„Das können wir doch mal machen.“ Moritz legte Pias Hand auf seine Brust und legte seine darauf. Ihr Bewegungen wurden sparsamer, langsamer und schließlich waren sie stellenweise auch aus dem Takt. Sie wiegten sich nur noch hin und her.
„Oh man, das ist so schön!“ Pia legte ihren Kopf neben ihrer Hand auf Moritz’ Brust ab. Seine künstlichen Brüste waren erstaunlich komfortabel, stellte sie fest. Es war nicht ganz so wie sie sich einen romantischen Tanz mit einem Mann ausmalte oder wie sie es sich vorstellte, ihre Hand auf seiner Brust abzulegen, aber es war auf seine Art angenehm. „Du wirst mal einen Mann sehr glücklich machen.“
Pia hörte ein schweres Seufzen über ihr. „Ehrlich gesagt glaube ich das nicht.“ Sie hob ihren Kopf und sah Moritz in die Augen. Moritz, der schon seit geraumer Zeit einfach nur noch Moritz war und nicht Marita.
„Was meinst du?“
„Ich würde mir eher wünschen, eine Frau glücklich zu machen.“
Pia dachte nach. Soweit das in ihrem Zustand zumindest möglich war. „Willst du eigentlich ganz und gar eine Frau werden?“
Plötzlich blieb Moritz stehen und sah sie ernst an. „Das habe ich doch nie behauptet.“
„Es war ja auch eine Frage.“
Der Song war zu Ende und Moritz löste Pias Hand von seiner Brust, die immer noch darauf verharrte. Dieses Mal drehte er sie nicht. Er streckte die Arme nicht divenhaft von sich und lächelte auch nicht breit. Er stand einfach nur vor ihr. „Ich glaube, ich sollte dich jetzt mal noch ein bisschen arbeiten lassen.“ Sein Blick glitt an ihr herab. „Du Königin der Nacht du!“ Er nahm ihre Hand und gab ihr mit einem kleinen Knicks einen letzten Kuss darauf. „Machs gut, süße Pia.“ Damit ließ er sie stehen.

Fortsetzung folgt...