Dienstag, 26. Juni 2012

Höflichkeit: ein Update. 1: Gut behütet


Wir sind nicht mehr im Mittelalter! Nein, sind wir nicht, aber dennoch gibt es ein paar Relikte aus der spätmittelalterlichen Zeit, zum Beispiel die Tugend der Höflichkeit (man betrachte in diesem Zusammenhang auch die Etymologie des Wortes: Höflichkeit > Hof / höfisch). Beim Wort Höflichkeit denkt man sicher auch zuerst an den Freiherrn von Knigge, dessen Name sich ja längst zu einem Konzept verselbstständigt hat. Knigge, das ist Verhalten nach festgesetzten Regeln. Wir denken an Atü-Grenzen beim Begrüßungshändedruck. Wir denken an Pretty Woman Julia Roberts, die in ihrer berühmtesten Rolle kleine Irritationen zeigt, angesichts der Vielfalt an Besteck beim formalen, abendlichen Dinner*. Und letztlich geht es uns allen darum: wie kommen wir beim Gegenüber an? Was denkt er_sie von uns? Gut, dass es da eben so etwas wie den guten alten Knigge gibt. Problematisch ist nur, dass wir nicht im luftleeren Raum leben. Die Sozialkultur ist ständig im Fluss. Wir verändern uns, die Kultur verändert sich. Die Globalisierung trägt ihr Übriges dazu bei. Und plötzlich hört man, dass man gar nicht mehr ‚Gesundheit’ sagen soll, wenn jemand niest. Da blickt doch kein Mensch mehr durch! Ich nehme diese Bürde mal auf mich und versuche für euch den Durchblick zu erhaschen und in loser Reihenfolge als Blogposts zu veröffentlichen.
Als Textgrundlage für meine Ausführungen stütze ich mich auf das Buch „Guten Tag, Herr von Knigge: Ein heiteres Lesebuch für alle Jahrgänge über alles, was ‚anständig’ ist“ von W.K.Schweickert und Bert Hold (1958). Hauptsächlich deshalb, weil ich es gerade da habe. Dieser Band ist ja quasi eine der vermutlich sehr vielen Sekundärliteraturen zum Knigge. „Über den Umgang mit Menschen“ erschien 1788, das ist also ein Sprung von fast 200 Jahren. Da sind die gut 50 Jahre, die ich seit dem Erscheinen von Schweickerts und Holds Buch noch mal drauflege doch ein Klacks, oder?

Teil 1: Gut behütet

Im Kapitel „Goethe contra Knigge“ beschäftigen sich Schweickert und Hold mit der Frage ‚In welchen Situationen sollte der Herr seinen Hut lüften?’ Goethe plädierte dafür, den Hut beim Neigen des Hauptes anlässlich des Grußes einer Dame, auf dem Kopf zu belassen. Diesbezüglich vertritt er eine andere Meinung als Knigge. Die Autoren fassen also noch einmal zusammen, wie es denn nun wirklich gemacht werden solle:
!          Betritt ein Herr einen geschlossenen Raum, hat er den Hut abzunehmen.
!          Auch ein Fahrstuhl ist ein geschlossener Raum.
!          Treppenhäuser und Korridore großer Verwaltungsgebäude zählen nicht als geschlossene Räume.
!          In Bus und Straßenbahn darf man(n) den Hut aufbehalten. Allerdings nicht mehr dann, wenn er denselben zieht, um mit dieser Geste seinen Sitzplatz einer Dame oder einer älteren Person anzubieten.
!          In der Eisenbahn jedoch lüftet man seinen Hut zum Gruße, wenn man das Abteil betritt und setzt ihn künftig auch nicht wieder auf.
!          Damen haben es wesentlich leichter. Sie dürfen ihre Kopfbedeckung – bis auf die Einnahme von Hauptmahlzeiten im Restaurant – dauerhaft auf dem Haupte belassen.
(S. 26f.)
Okay, das alles ist so was von nicht mehr up-to-date. Es fängt ja schon damit an, dass 90% der Bevölkerung häufig gar keine Hüte mehr trägt. Die übrigen 10 % sind die Queen und Jan Delay. Ihn habe ich übrigens noch nie den Hut ziehen sehen. Und hat es mich gestört? Nein, es ist mir noch nicht einmal aufgefallen. Vielleicht lenkt seine quietschige Stimme von allem anderen ab.
Ich musste beim Lesen dieser Passagen immer an die heutige Generation denken. Ich stellte mir zum Beispiel einen kleinen Hip Hopper mit Basecap vor und versuchte, einzuschätzen, wie ich es finden würde, wenn er in der Straßenbahn vor meinen Augen aufstehen, sein Basecap ziehen und mir seinen Sitzplatz anbieten würde. Ich kann nicht sagen, ob ich mich freuen oder veräppelt fühlen würde. Irritiert wäre ich in jedem Fall.
Wenn ich aber lese, dass Damen schon wieder ganz andere Verhaltensweisen gestatten werden, was die Hutmode betrifft, kommt die genderpolitisch geschulte Emanze in mir heraus. Also bitte, ich setze mich dafür ein, dass diese Regeln allesamt gestrichen werden. Ich möchte, dass niemand – egal, ob Mann oder Frau, (Drag-)King oder Queen – seinen oder ihren Hut oder Mütze lüften muss, egal zu welcher Gelegenheit. Einzige Ausnahme: wenn die Kopfbedeckung (z.B. breite Hutkrempen oder Schirmmützen) die freie Sicht auf die Augen während eines Gespräches einschränkt! Ansonsten darf aber jede und jeder den Hut oder die Mütze lüften, egal ob aus Hitzestau oder zur Parodie höflichen Verhaltens.
Schweickert und Hold mokieren sich in ihrer Regelzusammenfassung übrigens darüber, dass viele Herren ihre Hüte in Kaufhäusern, Fahrstühlen und so weiter nicht abnehmen. Dabei gehe es doch darum, den dort arbeitenden Angestellten denselben Respekt zu zollen, den man selbst zu empfangen erwartet. Wie gesagt, ich erwarte das nicht. Aber liegt das an mir oder geht euch das auch so? Vielleicht würde Jan Delay beim Lüften seines Hutes Kleingeld hineinfliegen, weil die Fans diese Geste längst nicht mehr kennen.
Schlage ich nun mit dieser Meinung aus der Art, sollte ich mehr auf der Hut sein oder seht ihr das ähnlich? Lasst es mich wissen, bevor ich mich total blamiere, wenn ich mal meinen Hut zu ziehen vergesse.
In diesem Sinne,
wohlbehütet grüßt
Juliette

*Interessanterweise beschäftigt sich der Freiherr von Knigge in seinem Buch gar nicht mit derartigen Benimmregeln. Die wurden viel später erst dazugedichtet.

Montag, 11. Juni 2012

Michaela


Michaela lebt mitten im Pott,
wechselt die Frauen andauernd und flott.
Schuld ist nur ihr Dortmund-Shirt, weil
Nach unten zeigt der deutliche Pfeil.
Geschmacklos ist sie, aber Sexgott!

Freitag, 8. Juni 2012

Fuckwoman - eine Heldin?

Warwick Collins’ Roman „Fuckwoman“ beginnt im Büro der L.A. Angel Times Newspaper. Es wird über eine mysteriöse Frau berichtet. Sie macht die Straßen von Los Angeles unsicher. Ihre Opfer sind jedoch nicht willkürlich gewählt. Es handelt sich stattdessen um gesuchte Sexualstraftäter. Nach dem Motto ‚Auge um Auge – Zahn um Zahn’ rächt sie sich an diesen Männern, entblößt Exhibitionisten, zahlt es Vergewaltigern mit ihren eigenen Mitteln heim. In besagter Zeitungsredaktion werden die Fernsehberichte über Fuckwoman, wie sich die Unbekannte nennt, verfolgt. Die erste Assoziation, die sich quasi aufdrängt, während der Leser einen Kameraflug durch die Redaktion macht, ist Superman. Der wohl berühmteste Superheld unserer Kultur ist ebenfalls Zeitungsreporter (beim Daily Planet im Metropolis des DC-Universums). Dass diese Assoziation beabsichtigt ist, zeigt sich im Verlauf des Romans durch intertextuelle Verweise auf die Superman-Figur. So ist beispielsweise einer der Schauplätze die Los Angeles City Hall, die in der Superman-Fernsehserie als Sitz des Daily Planet fungierte.
So ist es auch kein großes Geheimnis, dass das Alter Ego von Fuckwoman eine Reporterin ist. Cynthia Laleague ist die Vorzeigeemanze bei der L.A. Angel Times und damit nicht unbedingt die beliebteste Angestellte ihres Macho-Chefs. Cynthia ist verantwortlich für Polizeiberichte und Reportagen über Sexualstraftaten. So ist sie bestens informiert und arbeitet eng mit der Polizei zusammen, wodurch sich natürlich erklärt, wie Fuckwoman ihre Opfer findet.
Fuckwoman spaltet die Bevölkerung L.A.s. Sie findet zum Einen eine große Anhängerschar innerhalb der Bevölkerung, wird als Heldin verehrt. Auf der anderen Seite stehen die Behörden und der Polizeiapparat, die ihre Macht untergraben sehen. Genau dieser Reibungspunkt ist die große Stärke des Romans. Ich war von Anfang an äußerst angetan von dieser Grundidee. Es wird dauerhaft beim Lesen eine Debatte eröffnet. Immer wieder stellt man sich selbst Fragen. Ist Selbstjustiz gerechtfertigt? Ist sie es vielleicht nur manchmal? Ist Selbstjustiz gerecht? Wo hört Zivilcourage auf? Ist Gewalt gerechtfertigt? Wo endet Notwehr, wo beginnt der eigenmächtige Angriff? (Und wie ist die Meinung des Autors zu all dem?)
Spannung erzeugt „Fuckwoman“ dadurch, dass Cynthias Motive nur sehr sparsam aufgedeckt werden – und das obwohl große Teile des Romans Cynthias Perspektive beleuchten. Sprachlich ist der Roman leicht verständlich, lässt sich ohne Stocken lesen und manchmal findet man sogar die ein oder andere originelle Beschreibung.
Gen Ende hin war ich etwas enttäuscht von der Handlung. Es geht um zu viele Themen, als dass man sich auf eines konzentrieren könnte (in meinen Augen müsste das Selbstjustiz sein). Beispielsweise geht es später auch noch um den Umgang der Justiz mit Straftätern. Fuckwoman wird immer weniger mit ihren Motiven greifbar, damit bleibt mir auch bis zum Ende ein Rätsel ob sie (für den Autor) eine Heldin, eine Anti-Heldin oder ein Opfer darstellt.
Interessante Nebensächlichkeiten:
Ø     Einer der gesuchten Sexualstraftäter, die Fuckwoman aufsucht, ist ein Vergewaltiger namens – Achtung – Pablo Cipasso. Was uns Collins mit dieser interessanten Namenswahl sagen möchte, soll bitte jede_r selbst schlussfolgern. Ich glaube jedenfalls nicht, dass sie zufällig geschehen ist.  
Ø     Eine Zeugenaussage nach einer von Fuckwomans Angriffen schätzt die Täterin wie folgt ein: „Am ehesten eine Diesel-Dyke aus Orange County“ (S. 61). Dies zeigt nicht nur, dass der Roman auch Stereotype thematisiert (z.B. die Lesbe als Männerhasserin), sondern ich habe auch einen neuen Begriff gelernt (ich finde ja, dass ‚Diesel-Dyke’ klingt, als würde es sie nur in den U.S.A. geben).
Ø     Und auch das Thema Homosexualität wird angesprochen, nicht nur mithilfe der Diesel-Dyke. „Er [ein schwuler Freund von Cynthia] hatte ihr eröffnet, dass er schwulen Sex als rein empfinde, die Heterosexualität hingegen als mit dem Makel konfliktträchtiger, widerstrebender Erwartungen behaftet.“ (S. 71) Diese Textstelle scheint mir etwas konstruiert, weil es nicht noch einmal aufgegriffen wird. Es ist nicht ganz klar, ob es hier nur um Physisches geht oder auch um die soziokulturelle Ungleichheit von Mann und Frau. Aber zum Nachdenken regt es allemal an.
Fazit: „Fuckwoman“ versetzt den_die Leser_in vielleicht nicht unbedingt in Atemlosigkeit. Dennoch hätte dieses Buch schon allein des Themas wegen etwas mehr Aufmerksamkeit verdient.
Geeignet für: Held_innen des Alltags
Wenn die Rechercheuse nicht irrt,
ist dieses Buch aktuell nicht im Handel erhältlich,
sondern nur second hand zu erwerben.