Donnerstag, 19. Juli 2012

Höflichkeit: ein Update. 2: Mit freundlichen Grüßen


Beim ersten Höflichkeitsupdate ging es um Hüte, wann man sie zieht und wann man sie getrost auf dem Kopf behalten kann. Dieses Thema tangiert uns auch, wenn es ums Grüßen geht.
Als Herren noch behütet das Haus verlassen mussten, war ein Gruß meist mit dem Ziehen des Hutes verbunden. Warum eigentlich? Diese Tradition reicht zurück in eine Zeit, in der es etwas kriegerischer zuging. Der Ursprung liegt nicht im Hut, sondern im militärischen Helm. Wenn man ihn abgesetzt hat, war dies eine deutliche Bekundung der eigenen, friedlichen Gesinnung. Diese Motivation wurde auf das Lüften des Hutes übertragen. Barhäuptigkeit war also mit friedlicher Gesinnung gleichzustellen.
Das hat sich in unserer weitestgehend pazifistischen Welt etwas verloren, aber wenn jemand jemanden aus dem Freundschafts-, Bekannten- oder Verwandtenkreis auf der Straße oder andernorts trifft, ist der Wechsel eines Grußes noch immer angebracht bis dringlichst empfohlen. Aber wer, was, wen, wie? Ich fasse noch mal kurz zusammen (mit Dank an die Herren Schweickert und Hold):
!          In Deutschland grüßt grundsätzlich der Herr die Dame. (Das ist in anderen Ländern anders. Z.B. grüßt in England die Dame zuerst, da es ihr überlassen ist, ob sie in aller Öffentlichkeit zur Bekanntschaft des Herrn stehen möchte).
!          Bei Vertretern des gleichen Geschlechts grüßt der_die Jüngere den_die Ältere_n.
!          In Dienstverhältnissen grüßt der niedere den höheren Angestellten.
(S. 27f.)
Eigentlich kommen mir diese Regeln sehr natürlich daher. Im Gegensatz zu den alten Hüten ist das etwas, das mir durchaus nahegebracht wurde. Freilich weniger in Form solch penibler Reglements. Als Faustregel galt sonst immer: lieber einmal zu viel gegrüßt als einmal zu wenig. So kommt beispielsweise auch ein grüßender Chef sehr gut an (bemerken auch Schweickert und Hold). Genderpolitisch sind diese starren Regeln natürlich auch absoluter Mumpitz. Wer wen zuerst grüßt, sollte wirklich egal sein (in obigen Regeln geht es ja darum, wer mit dem Grüßen beginnt, denn erwidert werden soll er ja so oder so). Am besten ist es doch, wenn beide möglichst gleichzeitig grüßen.
Schwieriger finde ich allerdings die Frage, ab wann man sich denn überhaupt kennt. Reicht es, wenn man sich täglich im ÖPNV zur selben Zeit begegnet? Oder muss man auf jeden Fall dann auch schon mal ein Wort miteinander gewechselt haben? Was ist, wenn man selbst denkt, man kenne sich vom Sehen her oder auch durch einen kurzen Wortwechsel so sehr, dass man sich grüßen könne, das Gegenüber sieht das aber ganz anders? Vielleicht ist man der_dem anderen auch einfach gar nicht im Gedächtnis geblieben. Wenn man in diesem Fall grüßen würde, liefe man doch Gefahr, als schrullig dazustehen. Derartige Gedanken kommen mir manchmal. Auch Schweickert und Hold haben die Realität nicht außer Acht gelassen und grenzen damit die Grußmodalitäten ein. Sie schreiben vom Verhalten, das man an den Tag legt, wenn man jemanden einfach nicht kennen möchte und der Begegnung öffentlich aus dem Weg gehen möchte. Die Aufmerksamkeit wird dauerhaft auf etwas völlig anderes fixiert. Sicher ist dies auch eine Möglichkeit. Womöglich ist das Nichtkennenwollen auf Gegenseitigkeit begründet, sodass es gar nicht erst zur Diskrepanz im Grüßenwollen kommt.
Wie gesagt, wenn ich nicht grüße, liegt das oftmals auch daran, dass ich davon ausgehe, dass mein Gegenüber mich gar nicht (mehr) zuordnen kann, weil ihm_ihr vielleicht am Tag mehr Leute über den Weg laufen als mir. Im Zweifelsfall kann man ja auch mal davon ausgehen, dass nicht jeder immer gegrüßt werden will.
Nun trifft dies ja vor allem auf entfernt stehende Bekannte oder berufliche Kontakte zu. Was ist aber mit engeren Bekannten und Freunden? Genau jetzt kommen wir an den Punkt, an dem das Update notwendig ist. Man nickt sich nämlich nicht mehr einfach nur zu oder zieht den Hut (was ja wie gesagt auch nicht mehr getan wird). Wir sind cosmopolit. Dank der Globalisierung küssen wir uns sogar! In südeuropäischen Ländern ist dies gang und gäbe und mittlerweile auch bei uns nichts Seltsames mehr. Dennoch sind wir Deutschen eben keine Südländer und diese neue Nähe beim Begrüßen wird nicht immer nur genossen. So gilt im nordeuropäischen Raum z.B. eine Armlänge als Richtwert für den Abstand zu weitestgehend fremden Menschen oder entfernteren Bekannten. Ansonsten ist die Konsequenz der Weltoffenheit, dass es ein weitläufiges Mischmasch aus Begrüßungsritualen gibt. Man kann sich einfach nur verbal begrüßen. Man kann sich die Hand geben. Man kann während des Reichens der Hand eine halbe Umarmung andeuten. Man kann sich richtig mit beiden Armen umarmen. Man kann bei einer solchen Umarmung mit den Lippen die Wange des anderen streifen, ein Küsschen andeuten. Man kann letzteres zwei Mal machen (links-rechts). Oder gar dreimal (links-rechts-links). Dann gibt es noch den schwungvollen Handschlag auf Brusthöhe, der bisweilen vor allem von Herren praktiziert wird. Fortgeschrittene Grüßer ziehen sich zueinander, bis die eine Schulter kurz die andere berührt. Man kann dies Gebaren auch weiterführen und ganze Choreografien erfinden, bei denen Fäusten von oben oder unten aufeinanderprallen, sich wieder öffnen usw. usf. Durchaus unterhaltsam finde ich diese Tenzenden.
Der harmonische Mittelweg, eine freundliche, aber nicht zu aufdringliche Umarmung finde ich persönlich meist am angenehmsten. Je lieber der Mensch einem ist und je vertrauter man miteinander ist, desto fester darf man zudrücken. Die Schwierigkeit ist manchmal noch, zu erkennen, welches Distanzbedürfnis der andere hat und inwiefern das mit einem selbst vereinbar ist. Denn auch so manch besonders enger Freund hat wortwörtlich Berührungsängste und mag keine übertriebenen Umarmungszeremonien.
Grüßen ist also schlussendlich immer noch wichtig und gehört quasi zum guten Ton. Nur die Art und Weise hat sich geändert. Mit Hüten haben nur noch die wenigsten etwas am Hut. Stattdessen werden engere Bekannte gern mal etwas ausufernder geherzt.
In diesem Sinne
Mit lichen Grüßen
Juliette

Montag, 16. Juli 2012

Transformation

Es war einmal ein kleiner Geselle,
Der veränderte sich an Ort und Stelle.
Immer wenn er etwas aß,
Dann begann ein großer Spaß.
Vor allem für das Publikum,
Denn er wurde schief und krumm.
Und auch so blass wie Rügenkalk,
Man nannte ihn kulinarischen Hulk.

Ihm blieb nichts übrig außer Faxen.
Gegen Hunger war kein Kraut gewachsen.

Donnerstag, 5. Juli 2012

Die ewige Schule


Mit Erzählbänden ist es so eine Sache. Jede Geschichte muss aufs Neue überzeugen. Das habe ich diesmal sogar besonders deutlich in „Die ewige Schule“ von Christa Reinig gespürt.
Ich habe dieses Büchlein vor längerer Zeit gebraucht erstanden. Der besondere Reiz lag für mich daran, dass die Autorin einer völlig anderen Generation entstammt, andere Erfahrungen gesammelt hat und diese natürlich auch ihre Texte beeinflussen. Christa Reinig wurde 1926 in Berlin geboren und verstarb vor vier Jahren. Sie hat den Krieg miterlebt und genau diese Abgeklärtheit und das Wissen um die Vergänglichkeit des Lebens spürt man in ihren Geschichten.
So beginnt beispielsweise gleich die erste Erzählung „Ein Sonntag im Krieg“ mit einem schrecklichen Albtraum, den die Protagonistin Angelika, die sich eigentlich den Frieden herbeisehnt, im Laufe der Geschichte zu verarbeiten sucht.
Viele der übrigen Erzählungen hatten leider keinen besonderen Nachhall für mich. Da wären zum Beispiel „Leben auf dem Land“, das von der stadtsüchtigen Rosi und der landwütigen Sara erzählt, die versuchen, sich gemeinsam mit Hunden und Katzen in einem Landleben einzurichten.
In „Die Wölfin“ sitzt Lupe im Park auf einer Bank und versinkt in einem ihrer vielen Wolfs-Bücher. Von niemandem will sie dabei gestört werden, aber als da diese Frau neben ihr sitzt und sie anspricht, überlegt sie es sich noch einmal.
Über „Kluge Else, Katherlieschen und Gänsemagd als Bremer Stadtmusikanten“ heißt es im Klappentext trefflich: „Gemeinsam sind sie stark: die bei den Grimms so typisch verdämlichten Märchenfiguren tun sich bei Christa Reinig zusammen und schlagen sogar eine Kameraderie Soldaten samt Offizier in die Flucht.“
„Der schwarze Mond“ ist ein gehobener, wissenschaftlich geprägter Text über literarische und sprachliche Frauenkultur, an dem ich leider den Unterhaltungswert vermisst habe.
Nun aber zu den Glanzstücken des Erzählbandes. Für mich sind das ganz eindeutig „Asche und Erde“ sowie die Titelgeschichte „Die ewige Schule“. In „Asche und Erde“ geht es um ein Lesbenpaar, das gemeinsam alt geworden ist. In der beschriebenen Beziehung geht die Zuneigung zueinander (oder ist es Gefälligkeit?) über den Tod hinaus, denn beide Frauen haben verschiedene Vorstellungen davon, was nach dem Tod mit ihren Körpern passieren soll. Dennoch wollen sie ein gemeinsames Ende und auch im Tode miteinander vereint sein. So entsteht ein hitziger Disput über Bestattungsmethoden und sie versuchen sich gegenseitig in ihren Entscheidungen zu beeinflussen.
In „Die ewige Schule“ gibt es ein Wiedersehen mit den Figuren des legendären Films „Mädchen in Uniform“ beziehungsweise dessen literarischem Vorbild von Christa Winsloe*, mit dem sich die Autorin eingehend beschäftigt hat. Die Leserin zieht mit der Erzählerin durch die Straßen Potsdams bis zu dem Mädcheninternat, das im Film Schauplatz für die Liebe von Manuela Meinhardis zu ihrer Lehrerin Fräulein von Bernburg wurde. Die Erzählung geht aber über diese Betrachtung hinaus. Sie verwebt verschiedene Ebenen miteinander und beleuchtet dabei den Schulalltag im Wandel der Zeit. Das Paradoxon ist, dass es keinen Wandel gibt. Es gab und wird sie immer geben: Schüler und Schülerinnen, die sich nicht dazugehörend fühlen, die gegen den Strom schwimmen und wenn auch nur in Gedanken. Gleichzeitig ist die Schulzeit aber vielleicht sogar die prägendste des Lebens. Ein schwerer Balanceakt für alle Beteiligten: sich entfalten können und wollen, Anerkennung bekommen aber auch Toleranz lehren, lernen und von anderen erfahren. Wer weiß, wie man das alles unter einen Hut bekommt, erhält wohl den Nobelpreis für Pädagogik.
Fazit: Tiefschürfende Erzählungen mit Deutungspotential.
Geeignet für: LeserInnen, die zum Nachdenken angeregt werden wollen.
Mehr hier.

*Der Roman wurde ursprünglich von Daphne verlegt. Eine Neuauflage von „Das Mädchen Manuela“ erscheint im August bei Krug & Schadenberg.