Samstag, 27. Oktober 2012

Unversehrt


 
Jüngst veröffentlichte Phenomenelle ein Interview mit einer der „beliebtesten deutschen Autorinnen für Literatur mit lesbischem Inhalt“, Mirjam Müntefering. Es war etwas ruhig im sie in letzter Zeit (der Grund dafür wird in diesem Interview genannt). Das soll jemanden wie mich nicht stören, die längst noch nicht alle bisher erschienen Bücher von ihr gelesen hat. Eines kommt nun aber dazu: „Unversehrt“.

Quelle: piper-verlag.de
Protagonistin ist Cornelia. Sie wird als uneheliches Kind der gerademal 16jährigen Gigi geboren. Ihr Vater ist Amerikaner und als er von der Schwangerschaft erfährt, lässt er Gigi im Stich. Cornelia wächst also mit ihrer jungen Mutter und ihren Großeltern auf. Statt der erhofften Prinzessin wird aus ihr ein Wildfang.

Die Leserin erlebt Cornelias Kindheit und Jugend mit, als würde eine gute Freundin davon erzählen. Bald bürgert sich durch ein Missverständnis ein ganz eigener Spitzname für Cornelia/Nelli in ihrem Freundeskreis – ja in der ganzen Schule – ein: David.

Als Gigi 30 wird, will sie mit David aus den elterlichen bzw. großelterlichen Gefilden ausziehen. Die neue, erstmals eigene Wohnung verändert für David und ihre junge Mutter alles. Gigi lernt Alois kennen und bringt ihn mit nach Hause. Zum ersten Mal muss David ihre Mutter mit jemand anderem teilen.

Als David mit ihrem besten Freund Henning auf das Gymnasium wechselt, um die Oberstufe zu absolvieren, wird sie in Schwärmereien verwickelt, da einige junge Mädchen sie für einen Jungen halten – nicht mehr nur ihres Namens wegen. David gewöhnt sich schnell an diese himmelnden Blicke. Nur ein Mädchen schafft es noch, sie mit ihrer Reaktion zu überraschen. Auf dem Schulflur begegnet sie Maya. Sie ist die erste, die sich für sie interessiert, WEIL (nicht obwohl) sie ein Mädchen ist. Es entwickelt sich eine zuckersüße Liebesgeschichte zwischen den beiden, obwohl Maya in einer so ganz anderen Welt lebt als David. Die beiden träumen von einer Zukunft und erwägen genau, wie es nach dem Abitur für David weitergehen wird, denn Maya wird den Abschluss erst ein Jahr nach ihr machen. Dann geschieht jedoch das, was die Leserin längst zwischen den Zeilen erahnt hat oder frühestens im Klappentext herausgefunden hat: nach der Abiturfeier wird David in einen schweren Autounfall verwickelt. Maya wird verletzt, ihre beste Freundin stirbt. Nur David bleibt – unversehrt.

Obwohl der Plot sich nicht immer dramatisch weiterentwickelt oder zumindest im ersten Teil absehbar ist, fliegt man durch die Seiten und hängt an Davids Lippen, als würde sie ihre Geschichte nur für die Leserin selbst erzählen.

Fazit: „Unversehrt“ ist ernster als viele andere Romane von Müntefering – dennoch für mich der beste, den ich bisher von ihr gelesen habe.

Geeignet für: dich ;-)

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Donnerstag, 25. Oktober 2012

Macken, Marotten, Ticks und spinnerte Gewohnheiten

 

Seltsam wie sich der Blick auf ein Buch verändern kann. Zugegebenermaßen habe ich diesen Titel vor längerer Zeit bereits gelesen und war nur noch nicht dazu gekommen, ihn zu besprechen. Wenn ich nun erneut hineinblättere, wird mir wider Erwarten schwer ums Herz.
Eigentlich hat mir „Des Wahnsinns fette Beute“ von Hella von Sinnen und Cornelia Scheel viel Freude und Amüsement beschert. Ich habe beim Lesen laut lachen und beim Lachen laut lesen müssen. Mit wunderbarem Kölschem Sprech interviewen die Damen deutsche Stars und Sternchen und stellen ihnen ganz besondere Fragen. Wissen wollen sie nämlich nichts über ihre Biografie, ihre Erfolge oder ähnliches, sondern die intimsten Geheimnisse gilt es ans Tageslicht zu bringen. Wer schläft noch mit einem Plüschtier im Arm und wenn ja, wie heißt es? Wer ist abergläubisch? Welche sinnfreien Macken und Marotten bereichert das Leben des jeweiligen Promis?
Die Beiträge beinhalten jedes Mal eine persönliche Kurzbiografie bzw. eine Erklärung dazu, wie die AutorInnen mit der jeweiligen Person in Kontakt kamen. Es folgen die intimen, herausgekitzelten Geständnisse in Form von akkurat abgetippten Interviews (inklusive lustigen Versprechern und Situationskomik). Dekoriert werden die Kapitel mit Fotos der Promis, die sie selbst aufgenommen haben und die sie beim Ausüben ihrer spinnerten Gewohnheiten zeigt.  
Mit dabei sind SchauspielerInnen, Berühmtheiten aus der Comedyszene, aus dem Musikbusiness und vielen anderen Bereichen. Der Großteil der Befragten stammt aus dem privaten Bekanntenkreis von Scheel und von Sinnen. Demnach ist auch der Anteil von Queeren und Freunden groß. Nach diesem Einschub jetzt wird jeder erahnen können, weshalb ich plötzlich etwas bedrückt bin, wenn ich dieses Buch besprechen soll. Auch der vor nicht allzu langer Zeit verstorbene Comedian und Moderator Dirk Bach wurde von den AutorInnen interviewt.
Weitere Highlights in diesem Buch sind für mich: Gayle Tufts, Gaby Köster, Barbara Schöneberger, Ralf König, Olivia Jones, Peter Plate (von Rosenstolz) und Partner, Bastian Pastewka, Jürgen Domian, Gabi Decker und Wigald Boning.
Fazit: Auch Promis sind nur Menschen und genauso gaga (oder auch mal ‚normal’) wie Otto-Normal-Menschen.
Geeignet für: Alle, die denken, sie hätten einen an der Klatsche. Denn die Antwort lautet: ja, habt ihr, aber keine Sorge, es geht jedem so.
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Mittwoch, 24. Oktober 2012

++ News ++ News ++


Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.
Es ist gängige Praxis, die schlechte Nachricht zuerst zu nennen, aber dem widersetze ich mich hiermit mal.
Die gute Nachricht ist: Ich habe einen Platz beim Buchjournal-Schreibwettbewerb belegt. Näheres dazu sowie die Geschichte selbst gibt es bei einem Klick auf das Wort ‚KlickJ
Nun zur schlechten Nachricht: Wer hier ab und an mal vorbeischaut, hat es längst gemerkt. Ich bin so was von vielbeschäftigt neuerdings. Juliette gets a life sozusagen. In der Tat gab es jüngst ein paar grundlegende Veränderungen im Bereich meines Brotjobs. Jene Tätigkeit ermöglicht es mir neuerdings nicht mehr, in den bisherigen übersichtlichen und regelmäßigen Abständen Blogartikel zu posten. Ich werde es ab sofort trotzdem weiter versuchen – eben in unregelmäßigen Abständen. Vermutlich wird die Themenvielfalt ausgedünnt werden. Wenn ich abergläubisch wäre, würde ich den Zusammenhang im Niedergang meiner Mimi sehen.
Das war’s auch schon. Kurz und knapp.
Haut rein!

Dienstag, 23. Oktober 2012

Das Orangenmädchen


„Wer nie jetzt lebt, lebt nie. Was machen Sie?“
(Piet Hein, dänischer Wissenschaftler und Literat)
Was machen Sie? Was macht ihr? Was machst du? Nutzt ihr jede Stunde, jede Minute, die ihr auf Erden habt, um das zu tun, was euch glücklich macht, sie vielleicht mit den Menschen zu verbringen, die ihr liebt? Wir haben nur dieses eine Leben.*
In „Das Orangenmädchen“ von Jostein Gaarder werden genau diese Fragen provoziert. Das Buch erschien in deutscher Übersetzung ein Jahrzehnt, nachdem Gaarder mit „Sofies Welt“ der internationale Durchbruch gelungen ist. Der philosophische Roman erzählt von Sofie, die plötzlich Briefe erhält und in einen geisteswissenschaftlichen Dialog tritt. Getreu dieser Linie ist auch „Das Orangenmädchen“ ein Briefroman. Das Besondere ist jedoch, dass er einseitig stattfindet, da einer der Gesprächspartner nicht mehr antworten kann.
Der fünfzehnjährige Georg erhält von seiner Großmutter übermittelt einen Brief von seinem bereits seit über elf Jahren verstorbenen Vater. Sie hat ihn durch Zufall in einem Versteck gefunden. Es ist ein langer Brief, der auch eine Geschichte enthält. Die Geschichte des Orangenmädchens. Georg schließt sich in sein Zimmer ein, lässt seine Familie links liegen. Seine Mutter, seinen Stiefvater, seine Halbschwester Miriam, seine Großeltern. Eine Aufregung macht sich in Georg breit, da er nun endlich mehr über den Mann erfahren kann, an den die Erinnerung so sehr verblasst ist, dass er gar nicht mehr weiß, ob sie echt ist oder sich nur noch aus Erzählungen speist.
Sein Vater berichtet von der Begegnung mit dem Orangenmädchen. Es war ein magischer Moment, als er in der Straßenbahn das Mädchen sieht, das eine mit Orangen prallgefüllte Papiertüte trägt. Eine kleine Fehleinschätzung bringt ihn dazu aufzuspringen und sie zu stützen, wodurch die Papiertüte reißt. Das Mädchen verschwindet und er bleibt in der Bahn mit all den liegengebliebenen Orangen und Fragen zurück. Das war der Auslöser. Er ist so fasziniert von diesem Mädchen, dass er beginnt, sie mitten in Oslo wiederzufinden. Und vor allen Dingen eine Frage ist es, die ihn beschäftigt: wozu braucht sie diese enorme Anzahl Orangen?
Georgs Vater erzählt ihm diese Geschichte in seinem Brief aus mehreren Gründen. Einer davon ist, dass er verdeutlichen will, dass die Welt, in der wir leben, voller Wunder, Rätsel und Magie steckt. Warum zieht es uns zu einem Menschen hin, dass wir bis zum Äußersten für diese Person gehen, während andere nichts dergleichen bei uns auslösen? Immer wieder kündigt er an, dass er Georg noch eine wichtige Frage stellen muss. Aber die findet erst ihren Platz, als die Geschichte des Orangenmädchens zu Ende erzählt ist.
In einem Briefwechsel gehen die Partner normalerweise auf das vorher Geschriebene ein. Georg kann nun nur noch antworten. Er unterbricht den Brieffluss seines Vaters hin und wieder und berichtet aus seinem Leben, antwortet auf die gestellten Fragen. Und so schreibt Georg ein Buch gemeinsam mit seinem Vater, auf zwei Zeitebenen, in zwei Leben.
Jostein Gaarder ist ein wunderbarer Roman gelungen, zu dem man leicht Zugang findet. Nicht nur die Teile von Georg sind in einer einfachen Sprache verfasst, sondern auch der seines Vaters, denn er ist ja letztlich auch für ihn bestimmt. Damit ist „Das Orangenmädchen“ auch wunderbar für Jugendliche geeignet und schafft gleichzeitig den Spagat, auch zu jeder anderen Altersgruppe Zugang zu haben. Für solche Bücher wurde wohl der Begriff „All-Age-Roman“ entwickelt. 
Fazit: Verträumt. Romantisch. Berührend.
Geeignet für: Einen Einstieg in Jostein Gaarders Werk.
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*Quod esset demonstrandum.