Sonntag, 4. November 2012

Penisneid deluxe


Meine aktuelle Buchbesprechung beschäftigt sich mit dem, was ich nicht habe, aber gern mal probehalber so für 24 Stunden besitzen würde – einen Penis. Da es insgeheim eigentlich jeder Frau so geht, dürfte Fiona Giles keine Probleme gehabt haben, AutorInnen für ihre Anthologie „Mann für einen Tag. Frauen erzählen“ zu finden.
Die Anthologie ist eine Zusammenstellung von Kurzgeschichten, fiktiven Biografien, Essays, Lyrik sowie Zeichnungen und Cartoons. Alle beschäftigen sich mit dem besten Stück des Mannes, nur dass er hier im Besitz von Frauen ist. Was würden sie tun, wenn sie einen Tag lang einen Penis geschenkt bekämen? Wie würden sie sich fühlen? Inwiefern würde es sie verändern? Die Beiträge sind so verschieden, wie die Autorinnen es sind (es befinden sich auch einige wenige Männer darunter, die hypothetisch gefragt wurden, was sie als Frau täten, wenn sie einen Penis hätten). Einige der Autorinnen sind gestandene Persönlichkeiten in der Literaturszene (Patricia Cornwell, Germaine Greer, Carol Wolper), andere eher kleine Lichter oder gänzlich unbekannt. Es sind Lesben vertreten sowie bisexuelle Frauen, doch der Fokus liegt eindeutig auf den heterosexuellen Frauen.
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang gern an eine Szene aus ‚The L-Word’, in der die Damen sich genau zu dieser Frage, was sie denn mit einem Schwanz einen Tag lang anfangen würden, geäußert haben. Zwei Standardantworten liegen auf der Hand: pinkeln und diverse sexuelle Handlungen (allein oder in Gesellschaft). Diese beiden Antworten kommen in der Tat auch häufiger in „Mann für einen Tag“ vor. Allerdings ist die Anthologie dennoch viel mehr als nur eine statistische Ansammlung von Antworten auf ein philosophisches Thema. Es werden futuristische Szenarien entworfen wie bei Lisa Hill, die von einer Welt schreibt, in der Schwänze die Erweiterung der Palette an Schönheitsoperationen sind. Wie wäre eine Welt voller freiwilliger hermaphroditischer, weiblich sozialisierter Wesen? Es gäbe beispielsweise Schönheitssalons, die sich allein mit dem Wellness und der Verschönerung des Gemächts beschäftigen. Andere Beiträge beleuchten auf kritische Weise bestimmte Bereiche des Weltgeschehens (und deren patriarchale Strukturen), so z.B. den Zweig der Wissenschaft (Margaret Wertheim).
Sehr interessant war auch der Beitrag von Pat Califia (der mittlerweile Patrick heißt und der Leserschaft dieses Blogs vielleicht sogar ein Begriff ist*). Sein Text trägt den Titel „Dildo-Neid und andere phallische Abenteuer“ und auf ihn war ich besonders gespannt, da für ihn die Ausgangsfrage dieses Buch keine hypothetische war. Er schreibt: „Viel ist über das Phänomen des Penisneids geschrieben worden [...] [ich] würde aber gern zu bedenken geben, dass es – falls dieser Penisneid wirklich existiert – einen ähnlichen mächtigen, wenn auch weit weniger sichtbaren Komplex gibt, und zwar den des Dildo-Neids.“ (S. 102). Ziemlich anschaulich und sehr einleuchtend erläutert er die Machtposition von Lesben, da sie vom fehlenden Penis der Partnerin weniger eingeschränkt als bevorteilt sind, denn Dildos gibt es in allen Größen und Ausführungen und sie machen alles mit – so lange man möchte.
Im englischen Original heißt diese Anthologie „Dick for a day. What would you do if you had one“ und passenderweise lässt sich auch ihr entsprechendes Gegenstück „Chick for a day. What would you do if you were one“ finden. Leider ist dieser Band nicht auf deutsch erschienen und ich finde, die Übersetzung und Verbreitung auf dem deutschen Markt sollte unbedingt nachgeholt werden. Bis dahin bleibt uns nur, unsere eigene Fantasie anzustrengen: Was würdet ihr tun?
Fazit: Penisneid neu betrachtet – Freud hätte sicher seinen Spaß an diesem Buch.
Geeignet für: Gender-studies-StudentInnen/-Interessierte und alle, die schon mal über ihren hypothetischen Penis nachgedacht haben (oder jetzt damit anfangen wollen).
Das Buch ist vergriffen und nur noch aus zweiter Hand zu erwerben.

*Im Deutschen erschien von ihr u.a. der Ratgeber „Wie Frauen es tun“ und die Erzählungen „Frauen und andere Raubtiere“ (beides vergriffen).

Donnerstag, 1. November 2012

Fröhliches Gevögel


Manchmal verstecken sich im weitesten Sinne lesbische, sexuell explizite Themen dort, wo man sie nicht vermutet: in einem Buch mit Brust- und Penistorte auf dem Cover. Zur Unterstreichung möchte ich den überaus reizenden Klappentext von „Fröhliches Gevögel: Was Frauen sonst noch wollen“ zitieren:
„Journalistin: ‚Welche Praktik beschreiben Sie am liebsten?’
Ich (Sophie Andresky): ‚Cunnilingus, da ist man so schön nah dran.’
Journalistin: ‚Was?’
Ich: ‚Nah dran.’
Journalistin: ‚Nein, vorher.’
Ich: ‚Cunnilingus, also französischer Sex.’
Journalistin: ‚Ah! Blasen!’
Ich: ‚Nein. Lecken. Bei Frauen.’
Journalistin (mit rotem Gesicht): ‚O Gott.’“
Aus diesem kurzen Gespräch wird einiges deutlich. Zum einen lässt sich erahnen, dass die Autorin den Cunnilingus nicht nur gern (im Sinne der passiven Variante) beschreibt, sondern vielleicht sogar selbst mal ganz gern... Des Weiteren wird klar, dass Andresky kein Blatt vor den Mund nimmt und sich keines Wortes schämt, das ihr über die Lippen kommt. Und tatsächlich: wie es sich nämlich für eine sexpositive Frau wie sie gehört (nein, das ist nicht kritisch-ironisch gemeint), bekennt sie sich in ihren Texten zu ihrer Bisexualität. Und wir reden hier nicht von keuschen Küsschen um mitreden zu können (oder womöglich von Dreiern, um dem beteiligten Mann zu imponieren). In einer Episode schildert Andresky eine Begegnung zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben, als ihre sexuellen Erfahrungen noch keine Superlative erreicht hatten: „Ich war unerfahren bis auf einige Erlebnisse mit [...] und einigen sehr schönen Nächten mit Frauen. [...] / Der große Höhenflug war bisher nicht dabei gewesen (die Mädels mal ausgenommen [...])“ (S. 42). Das liest frau doch gern!  
Die schlechte Nachricht ist, dass „Fröhliches Gevögel“ zu gefühlten 90% dann doch nur Heterosex und alles, was dazugehört, zum Thema hat (ich nehme mal an, weil die Autorin in einer Heterobeziehung gelandet ist). Aber das tut dem Buch keinen Abbruch. Es ist trotzdem mehr als lesenswert (sofern man kein lesbisches Manifest erwartet oder die Herzfrequenz sich bei den Wörtern ‚ficken’ oder ‚vögeln’ in gesundheitsgefährdende Höhen steigert).
Im Übrigen handelt es sich hierbei um Andreskys gesammelte Kolumnen von joyclub und Penthouse, also abgeschlossene, kurze, essayartige Texte zu Themen der Pornobranche.
Andresky ist Feministin und auch wenn das Wort mittlerweile einen unangenehmen Beigeschmack hat und völlig unpopulär klingt, sie steht zu ihrer Meinung (z.B. spricht sie sich gegen Retuschierung von Fotos in Frauenmagazinen aus – ein nachvollziehbares Anliegen, wie ich finde).
Irgendwann habe ich in den vielen durchaus unterhaltsamen Essays bemerkt, dass Andresky gern vom Thema abkommt. In der Regel fällt es aber nicht auf, wenn sie vom Hundertsten ins Tausendste kommt, denn die Übergänge sind so geschmeidig wie ein gleitgelbenetzer Finger*. Langweilig wird das jedenfalls nie. Ob es an der Maxime ‚Sex sells’ liegt, an Andreskys unterhaltsamem, manchmal lakonischem Ton oder an der Tatsache, dass sie versucht, auf ungeklärte Fragen eine Antwort zu finden (und sich dafür auch gern in andere Blickwinkel hineindenkt), kann jedeR LeserIn für sich erkunden.
Nur manchmal erschien Andresky mir etwas zu festgefahren in ihrer Meinung. Genau das könnte man wieder als unfeministisch auslegen (denn nein, ich finde nicht, dass die Qualität der/des LiebhaberIn an der Quantität der erreichten Orgasmen zu messen ist). Aber vielleicht sollte man auch genau das mit Andresky nicht tun: jedes Wort auf die Goldwaage legen.
Fazit: Erfrischend unverblümte, authentische Essays über Sex und alles, was am Rande damit zu tun hat.
Geeignet für: Alle, die gern ihre zwei große Leidenschaften vereinen möchten: Bücher und vögeln.
Mehr hier.
*Pardon, das konnte ich mir an dieser Stelle einfach nicht verkneifen.