Donnerstag, 1. November 2012

Fröhliches Gevögel


Manchmal verstecken sich im weitesten Sinne lesbische, sexuell explizite Themen dort, wo man sie nicht vermutet: in einem Buch mit Brust- und Penistorte auf dem Cover. Zur Unterstreichung möchte ich den überaus reizenden Klappentext von „Fröhliches Gevögel: Was Frauen sonst noch wollen“ zitieren:
„Journalistin: ‚Welche Praktik beschreiben Sie am liebsten?’
Ich (Sophie Andresky): ‚Cunnilingus, da ist man so schön nah dran.’
Journalistin: ‚Was?’
Ich: ‚Nah dran.’
Journalistin: ‚Nein, vorher.’
Ich: ‚Cunnilingus, also französischer Sex.’
Journalistin: ‚Ah! Blasen!’
Ich: ‚Nein. Lecken. Bei Frauen.’
Journalistin (mit rotem Gesicht): ‚O Gott.’“
Aus diesem kurzen Gespräch wird einiges deutlich. Zum einen lässt sich erahnen, dass die Autorin den Cunnilingus nicht nur gern (im Sinne der passiven Variante) beschreibt, sondern vielleicht sogar selbst mal ganz gern... Des Weiteren wird klar, dass Andresky kein Blatt vor den Mund nimmt und sich keines Wortes schämt, das ihr über die Lippen kommt. Und tatsächlich: wie es sich nämlich für eine sexpositive Frau wie sie gehört (nein, das ist nicht kritisch-ironisch gemeint), bekennt sie sich in ihren Texten zu ihrer Bisexualität. Und wir reden hier nicht von keuschen Küsschen um mitreden zu können (oder womöglich von Dreiern, um dem beteiligten Mann zu imponieren). In einer Episode schildert Andresky eine Begegnung zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben, als ihre sexuellen Erfahrungen noch keine Superlative erreicht hatten: „Ich war unerfahren bis auf einige Erlebnisse mit [...] und einigen sehr schönen Nächten mit Frauen. [...] / Der große Höhenflug war bisher nicht dabei gewesen (die Mädels mal ausgenommen [...])“ (S. 42). Das liest frau doch gern!  
Die schlechte Nachricht ist, dass „Fröhliches Gevögel“ zu gefühlten 90% dann doch nur Heterosex und alles, was dazugehört, zum Thema hat (ich nehme mal an, weil die Autorin in einer Heterobeziehung gelandet ist). Aber das tut dem Buch keinen Abbruch. Es ist trotzdem mehr als lesenswert (sofern man kein lesbisches Manifest erwartet oder die Herzfrequenz sich bei den Wörtern ‚ficken’ oder ‚vögeln’ in gesundheitsgefährdende Höhen steigert).
Im Übrigen handelt es sich hierbei um Andreskys gesammelte Kolumnen von joyclub und Penthouse, also abgeschlossene, kurze, essayartige Texte zu Themen der Pornobranche.
Andresky ist Feministin und auch wenn das Wort mittlerweile einen unangenehmen Beigeschmack hat und völlig unpopulär klingt, sie steht zu ihrer Meinung (z.B. spricht sie sich gegen Retuschierung von Fotos in Frauenmagazinen aus – ein nachvollziehbares Anliegen, wie ich finde).
Irgendwann habe ich in den vielen durchaus unterhaltsamen Essays bemerkt, dass Andresky gern vom Thema abkommt. In der Regel fällt es aber nicht auf, wenn sie vom Hundertsten ins Tausendste kommt, denn die Übergänge sind so geschmeidig wie ein gleitgelbenetzer Finger*. Langweilig wird das jedenfalls nie. Ob es an der Maxime ‚Sex sells’ liegt, an Andreskys unterhaltsamem, manchmal lakonischem Ton oder an der Tatsache, dass sie versucht, auf ungeklärte Fragen eine Antwort zu finden (und sich dafür auch gern in andere Blickwinkel hineindenkt), kann jedeR LeserIn für sich erkunden.
Nur manchmal erschien Andresky mir etwas zu festgefahren in ihrer Meinung. Genau das könnte man wieder als unfeministisch auslegen (denn nein, ich finde nicht, dass die Qualität der/des LiebhaberIn an der Quantität der erreichten Orgasmen zu messen ist). Aber vielleicht sollte man auch genau das mit Andresky nicht tun: jedes Wort auf die Goldwaage legen.
Fazit: Erfrischend unverblümte, authentische Essays über Sex und alles, was am Rande damit zu tun hat.
Geeignet für: Alle, die gern ihre zwei große Leidenschaften vereinen möchten: Bücher und vögeln.
Mehr hier.
*Pardon, das konnte ich mir an dieser Stelle einfach nicht verkneifen.  

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